Preis-Tendenzen bei Klassikern

Motorräder als Wertanlage?

Zum Zweiten, zum Dritten, verkauft! Ein Blick auf das Geschehen auf dem Klassik Markt.
Zum Zweiten, zum Dritten, verkauft! Ein Blick auf das Geschehen auf dem Klassik Markt.Träume einer ganzen Generation: Beim Klassik-Händler finden sich viele heiß­geliebte Modelle unter einem Dach.BMW R 90 S Für ein gutes Exemplar des von Hans A. Muth designten Boxers muss man bereits mit fünfstelligen Beträgen rechnen.Brough Superior Ob SS 80 oder SS 100 – die seltenen Edel-Britinnen erzielen bei Auktionen locker mittlere sechsstellige Summen.
13 Bilder

Rekorderlöse für klassische Motorräder bei Auktionen machen Schlagzeilen – hebt der Markt nun völlig ab? Zeit, einen Blick auf das Marktgeschehen insgesamt zu werfen.

Eine knappe Million US-Dollar für ein altes Motorrad? Laien schütteln hier verständnislos den Kopf, Sammler und Liebhaber von vierrädrigen Schätzen finden an solchen Preisen nichts Ungewöhnliches. Geht der Zweiradmarkt in eine ähnliche Richtung, oder lässt er sich, schon angesichts der deutlich geringeren Anzahl an Fahrzeugen und Interessenten, gar nicht vergleichen? Zeit, Händler und Experten zu befragen, die sich mit dem Marktgeschehen und der Preisentwicklung täglich beschäftigen. In einem Punkt zumindest sind sich alle einig: Von einem Boom, einem starken Zuwachs an Fahrzeugen und Kaufwilligen und einem generellen Explodieren der Preise kann keine Rede sein. Vielmehr ist von Konstanz, in manchen Bereichen auch von Stagnation die Rede. In einigen Bereichen und bei speziellen ­Modellen scheint derzeit eine Preisdecke erreicht zu sein, einzelne Bikes scheinen gar leicht überbewertet. Andere Motorräder wiederum, so ein großer, auch international ­tätiger Klassik-Händler, würden ihm zu nahezu jedem Preis aus den Händen gerissen, so er denn welche hätte. Beispiel: Ducati 750 SS. Wie überhaupt die Rundmotor-Ducatis.

Anzeige

Klassiker als reine Wertanlage?

Anders als im Automobilbereich seien hier jedoch keine reinen Anleger unterwegs, die auf Werterhalt oder Wertsteigerung setzen (Spekulanten), sondern durchweg Sammler oder Enthusiasten, die mit Herzblut dabei sind. Das sieht wiederum Jochen Hack, Experte beim Mega-Händler Limbächer & Limbächer, zumindest in diesem Punkt etwas anders – er kann durchaus von „Agenten“ berichten, die für betuchte Anleger nach besonders raren, lukrativen Modellen Ausschau halten, unabhängig von Marke oder Modell. Dabei, und auch hier herrscht Einigkeit, sind die Preise für die ganz teuren Exoten wie Vincent, Brough Superior, Münch, MV Agusta etc. auf einem solch hohen Niveau angelangt, dass vorläufig keine weiteren enormen Zuwächse zu erwarten sind. Ohnehin werden Bikes dieser Liga selten angeboten. Erschwerend kommt hinzu, dass der globale Markt an Bedeutung gewinnt. Mittel- und hochpreisige Motorräder gehen immer öfter nach Asien. Aber nicht nur die Japaner selbst kaufen viele ihrer Klassiker in Europa auf, auch Thailand gewinnt zunehmend an Bedeutung. Selbst in Europa herrscht ein sichtbares Preis­gefälle – in England beispielsweise werden Klassiker zu deutlich höheren Preisen angeboten und auch verkauft als hierzu­lande. Ja, Briten sind gar häufig bereit, Bikes zu hohen Preisen blind zu kaufen, um sie sich dann liefern zu lassen. Ihre ­eigenen Produkte, wie die eigentlich als Kultbikes verehrten britischen Twins von Triumph, Norton oder BSA, treten in der Wertentwicklung etwas auf der Stelle.

Foto: Limbächer
Träume einer ganzen Generation: Beim Klassik-Händler finden sich viele heiß­geliebte Modelle unter einem Dach.
Träume einer ganzen Generation: Beim Klassik-Händler finden sich viele heiß­geliebte Modelle unter einem Dach.

So sieht es auch classic-analytics-­Experte Frank Meißner: „Viele Modelle konnten in den letzten Jahren deutlich zu­legen, haben aber ein Niveau erreicht, auf dem sie stagnieren. Das lässt sich bei den hochpreisigen Kawa-Zweitaktern ­beobachten, ebenso bei den ganz teuren Edelbikes. Auch an Maschinen wie Kawasaki Z 1/Z 900 und Honda CB 750 Four K0 und K1 ist der Markt gesättigt. Potenzial haben sicher noch die Ducati 750 SS und manche Laverdas.“ Er weiß auch um kultverdächtige Modelle, die dennoch keine Höchstpreise erzielen – Kandidaten wie Honda Bol d‘Or oder die 1100er-Suzuki Katana. „Wenn sie‘s bis jetzt noch nicht geschafft haben, wann und warum sollte der Run auf sie dann noch beginnen?“ Die Preise für die Bol d’Or liegen zum Teil noch im Keller beziehungsweise im moderaten Bereich, eine Explosion ist auch nach Händler-Ansicht wohl nicht mehr zu erwarten. „Wenn ein Bike mal über 30 Jahre alt ist und sich preistechnisch noch nicht zum Hit entwickelt hat, dann kommt da wahrscheinlich auch nichts mehr.“

Fast vergessene Schätzchen aus der Jugendzeit

Anders sieht es da bei der Sechszylinder-Honda aus, in deren Schatten die Bol d‘Or ja stets ein wenig stand – die CBX ist schon länger kaum mehr als Schnäppchen zu haben und legt seit geraumer Zeit zu. Auch wenn die im Netz für ein nie gefahrenes Neufahrzeug anfangs verlangten 29.000, mittlerweile 21.000 Euro wohl immer noch Wunschdenken sind. Andere Motorräder haben das Oldtimer-Alter gerade erst erreicht oder stehen kurz davor. Klar, dass mit fortschreitender Zeit auch die Modelle in den Fokus des Interesses rücken, die gestern noch geschundene Alltagsbikes oder eben noch zu jung und zu alltäglich waren. Ein gutes Beispiel dafür dürften wohl die letzten Varianten der Yamaha RD 350 sein, jene mit dem ­Zusatz YPVS. Die Mitte der 1980er sehr beliebten starken Zweitakter sind vielen aus ihrer Jugend noch sehr präsent und wecken heute Kaufgelüste – weil man sie einst selbst besaß oder sich damals noch nicht leisten konnte. Heute schießen Suchanfragen in den Kleinanzeigen-Portalen wie Pilze aus dem Boden und vereinzelte, vielversprechende Angebote sind schneller wieder gelöscht, als mancher Interessent zum Hörer greifen konnte – verkauft. Andere, mittlerweile fast vergessene Schätzchen könnten ebenfalls bald Jugend-­­Er­innerungen wachrütteln und Kauf­anreize wecken. Experte Meißner denkt hier etwa an die 125er-Sportlerin Cagiva Mito: „Das könnte was werden...“ Klare Chancen sieht er sowieso längst für den großen Bereich der Sportbikes mit belegbarer Rennhistorie.

Foto: markus-jahn.com
Ducati 750 SS Die unverwechselbare Italo-Schönheit ist bereits heute teuer – und wird künftig wohl noch teurer werden.
Ducati 750 SS Die unverwechselbare Italo-Schönheit ist bereits heute teuer – und wird künftig wohl noch teurer werden.

Apropos Sport: Eine Lanze für die sportlichen Speerspitzen aus der Zeit der starken Motoren und der überforderten Fahrwerke bricht Tobias Aichele von ­PREMIUMMOTORRAD. Die Sonderrahmen-Fahrzeuge von Egli, Rau, Martin, Eckert, Rickman etc. sieht er als gesuchte Exoten. Man kann das Ganze aber auch so nüchtern betrachten wie der eingangs zitierte Händler, der zwar täglich mit Preisen zu tun hat und von Gewinnerzielung lebt, aber den Spaß am Bike in den Vordergrund stellt. „Weg vom monetären Denken – der lohnenswerteste Klassiker, unabhängig vom Kaufpreis, ist der, den ich heute kaufe und an dem ich jahrelang Spaß habe.“ Und der kann, je nach Geldbörse, schließlich schlappe 800.

Interview Jochen Hack (Limbächer & Limbächer)

MOTORRAD Classic: Wie schätzen Sie die Situation und die ­Entwicklung am Klassiker-Markt ein?

Jochen Hack: Im Grunde zeigt sich da keine große Bewegung, weder nach unten, noch nach oben. Die Lage ist derzeit eher mit gleichbleibend zu beschreiben, das Angebot aber auch die Nachfrage haben einen gewissen Stand erreicht. Kein Boom also, aber auch kein Einbruch. Lediglich die Schwerpunkte verschieben sich, ganz zwangsläufig und natürlich. Manche Modelle rücken in den Hintergrund, andere ins Rampenlicht.

MOTORRAD Classic: Welche Bereiche beziehungsweise kon­kreten Modelle sind derzeit deutlich unter- oder stark überbewertet?

Jochen Hack: Schwierig zu sagen. Wann ist ein Modell überbewertet? Früher oder später kann immer einer kommen, der den verlangten Preis zu zahlen bereit ist. Aber man kann schon sehen, dass im Bereich der Edel-Umbauten von Egli, Rau, Martin usw. zum Teil exorbitante Preise verlangt werden, der Kreis der Interessenten aber sehr speziell und sehr klein ist. Da besteht vielleicht ein kleines Missverhältnis. Auch bei Ikonen wie der BMW R 90 S sehe ich das Ende der ­Fahnenstange erreicht, wenn nicht gar überschritten. Das gilt auch für die Kawa-Zweitakter H1 und H2. Eher noch unterbewertet ist vielleicht eine Ducati 750 SS – die dürfte sicher noch weiter steigen. Aber auch eine vergleichsweise bodenständige Honda GL 1000 wird noch nicht zu Preisen gehandelt, die ihrem Status gerecht werden. Da könnte es noch einen Ruck geben.

Foto: fact
BMW R 90 S Für ein gutes Exemplar des von Hans A. Muth designten Boxers muss man bereits mit fünfstelligen Beträgen rechnen.
BMW R 90 S Für ein gutes Exemplar des von Hans A. Muth designten Boxers muss man bereits mit fünfstelligen Beträgen rechnen.

MOTORRAD Classic: Lassen sich auf dem Motorradsektor ­Käufe mit dem Ziel der reinen Wertanlage oder des Wertzuwachses, Stichwort Spekulanten, beobachten?

Jochen Hack: Ich kann das nur aus meiner Erfahrung ­beurteilen und bejahen. Wir haben hier immer wieder mal Leute, die das Angebot sondieren und nach lohnenden Objekten suchen, wobei sie gar nicht selbst als Käufer auftreten, sondern quasi als Agenten fungieren. Es geht also hier gar nicht um spezielle Modelle oder Vorlieben, sondern tatsächlich nur um lohnende Fahrzeuge, in ­finanzieller Hinsicht. Aber das kommt nur gelegentlich vor. Die meisten Interessenten wollen sich schlicht ihren Jugendtraum erfüllen oder ihr Moped von damals 30 Jahre später wieder haben. Und hier spielt Geld oder Wertzuwachs meist keine Rolle.

MOTORRAD Classic: Wo lässt sich eine steigende Nachfrage beobachten – welche Typen und Modelle haben in naher Zukunft deutliches Potenzial?

Jochen Hack: Das ändert sich natürlich permanent. Im Laufe der Zeit werden andere, jüngere Motorräder attraktiv – wir sprachen ja gerade von Jugendträumen. Und die Jungs, die heute Ü50 sind und für die Bikes aus den 1970ern schwärmen, haben sich meist schon eingedeckt. Diejenigen, die so was haben wollen, besitzen es also schon. ­Dafür kommen natürlich jetzt zunehmend die 1980er ins Blickfeld. Hier sehe ich deut­liches Potenzial bei den Yamaha RD 350 YPVS-Modellen. Die sind gesucht. Aber auch die BMW RT-Modelle halte ich für verkannt, und die Nachfrage danach steigt. Auch das Interesse an der einst von Puristen wenig geliebten Honda CBX Pro Link steigt deutlich – und damit unübersehbar auch die Preise. 

Interview Tobias Aichele (PREMIUMMOTORRAD)

MOTORRAD Classic: Wie schätzen Sie die Situation und die ­Entwicklung am Klassiker-Markt ein?

Tobias Aichele: Das Interesse an klassischen Motorrädern ist erfreulicherweise ungebrochen hoch. Durch Überraschungsergebnisse bei Auktionen werden auch Sammler von Old­timern zunehmend auf klassische Motorräder aufmerksam. Da viele hochpreisige Ikonen mittlerweile in Sammlerhänden sind und überhaupt nicht mehr auf dem Markt angeboten werden, verlagert sich das Interesse auf andere Bereiche. So finden fast vergessene oder im Schatten ihrer prominenten Schwestermodelle stehende Motorräder immer stärkere Beachtung, wie ­beispielsweise die Ducati 750 GT, welche übrigens auch noch hervorragend fährt. 

MOTORRAD Classic: Welche Bereiche beziehungsweise kon­kreten Modelle sind derzeit deutlich ­unter- oder stark überbewertet?

Tobias Aichele: Eigentlich bestimmt ja das Gesetz des Marktes, also Angebot und Nachfrage den Preis. Insofern kann man kaum von unter- oder überbewertet sprechen. Allerdings ist es richtig, dass beispielsweise bei den Brough Superior- und Vincent-Exemplaren immer wieder astronomische Preise erzielt werden. Konstant hohe Preise erzielen auch die Münch Mammut. Top-Modelle werden nie offiziell angeboten, modifizierte Fahrzeuge schon. Bei den italienischen Spitzenmodellen Laverda 750 SFC und ­Ducati 750 SS sind kaum Fahrzeuge „ohne Fragezeichen“ zu finden, also mit zweifelhafter Herkunft oder zumindest zweifelhaften Komponenten. Die Preisentwicklung von BMW-Fahrzeugen ist schwer zu verstehen. Die aufgerufenen Preise für R 69 S-Modelle werden selten erzielt. Ich halte beispielsweise aber eine R 75/5 derzeit noch für unterbewertet. Ihre Bedeutung in der Modell-Chronologie mit bedeutenden Neuerungen spiegelt sich hier noch nicht in den Preisen wieder. 

Foto: fact
Honda Gold Wing Die Ur-Gold Wing könnte allmählich auch für einen breiteren Kreis an Klassiker-Fans interessant werden.
Honda Gold Wing Die Ur-Gold Wing könnte allmählich auch für einen breiteren Kreis an Klassiker-Fans interessant werden.

MOTORRAD Classic: Lassen sich auf dem Motorradsektor ­Käufe mit dem Ziel der reinen Wertanlage oder des Wertzuwachses, Stichwort Spekulanten, beobachten?

Tobias Aichele: Diese Tendenz, die sich ja vor allem im ­Autobereich schon lange beobachten lässt und jetzt wieder abkühlt, sehe ich bei den Motorrädern kaum. Hier ist die Zahl der Fahrzeuge und der Interessenten im Vergleich zu gering. Den Markt dominieren Biker, die mit Herzblut und Sachverstand die Fahrzeuge auswählen – um sich einen unerfüllten Traum von damals endlich zu realisieren oder ein Stück Jugend wieder zurück zu kaufen.

MOTORRAD Classic: Wo lässt sich eine steigende Nachfrage beobachten – welche Typen und Modelle haben in naher Zukunft deutliches Potenzial?

Tobias Aichele: Hier denke ich, dass zum Beispiel die exklusiven Sonderrahmen-Modelle, also die Bikes von Egli, Seeley, Magni, Rickman und all der vielen anderen Umbau-Pioniere stark im Kommen sind. Sie erhalten nun nicht nur die verdiente Beachtung, sondern werden auch verstärkt gesucht und steigen dadurch im Wert. Ich finde vor allem die Tendenz zu Fahrzeugen mit Patina erfreulich. Diese werden mittlerweile ­höher wertgeschätzt als top restaurierte, aber oft seelenlose Zustand 1-Motorräder.

Jede Woche die wichtigsten Motorradinfos direkt aus der Redaktion

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige