Probleme der BMW-Vierventilboxer (Archivversion)

Frust statt Lust

In der Hitliste der Beanstandungen im MOTORRAD-Internet rangiert BMW mit den Vierventil-Zweizylindern ganz weit oben. Auch nach mehrjähriger Modellpflege plagen erhebliche konstruktive und qualitative Mängel die (noch) treue Boxer-Gemeinde. Von Dauer ist zum Beispiel das Thema Konstantfahrruckeln und Auspuffpatschen. Die modifizierten und ab 1996 einzeln verlegten Bowdenzüge zu den Drosselklappen garantieren auch bei sorgfältig vorbereiteten Testmotorrädern noch immer keinen einwandfreien Betrieb im Teillastbereich. Die Lambda-Regelung spielt bei dieser Unart offensichtlich eine entscheidende Rolle: »Konzeptbedingt kann bei den Vierventilboxern ein gewisses Grundruckeln auftreten. Regelvorgänge durch die Lambda-Sonde können dies spürbar verstärken«, weiß der BMW-Kundendienst zu berichten. Kundendienstleiter Helmut Puchner hat einen heißen Tip parat: »Wenn das Ruckeln den Fahrer stört, muß er eben einen Gang herunterschalten.« Eine erstaunliche Argumentation, sollte entspanntes Dahingleiten im großen Gang doch eigentlich die Domäne der Boxer-Modelle sein.Bei den 90-PS-Modellen trübt zusätzlich ein Leistungseinbruch zwischen 3500 und 4000/min das Fahrvergnügen. Eine von MOTORRAD mit den Saugrohren der 80-PS-Modelle (GS und R) versehene R 1100 RS entfaltete ihre Leistung spürbar homogener. Bei 4000 und 6500 Umdrehungen standen bis zu fünf PS mehr an, lediglich über 6500/min war die Serienvariante stärker. Mit einer Homologation des insgesamt rund hundert Mark teuren Umbaus könnte BMW verlorene Sympathien zurückgewinnen.Wobei die Sympathie noch aus vielen anderen Gründen schwindet. So brachte auch das Tauschgetriebe keine uneingeschränkte Verbesserung. Die bereits 1994 geänderte Schaltbox mit eingelegten O-Ringen stellte zwar das Getrieberasseln ab, verschlechtert aber auch die Schaltqualität. Zudem haben sich nach der zweiten Modifikation Radsätze eingeschlichen, bei denen die Gänge herausspringen. Dieses Sicherheitsrisiko behebt BMW meist kulant durch den Tausch der Getrieberäder und blickt hoffnungsfroh in die Zukunft: Beim neuen Getriebe wird alles besser.Die Schaltbox verursacht überdies häufig weiteren Ärger. Am Wellendichtring des Getriebeeingangs austretendes Öl konserviert zwar die Kupplung, die deshalb aber durchrutscht und so den Vortrieb in Grenzen hält. Ein Ärgernis, das in der Regel ebenfalls auf Kulanz behoben wird, den Kunden dennoch mit Motorrad-Entzug und anteiligen Arbeitskosten straft. Ohne Konservierung verschleißt dagegen häufig die Mitnehmerscheibe der Kupplung ungewöhnlich stark.Des öfteren geizt auch der Motor nicht mit Schmierstoff. Auf Beanstandungen wie Blaurauchentwicklung und Ölverbräuche von bis zu einem Liter auf 1000 Kilometer reagieren die Werkstätten mit dem Argument: »Das gibt sich nach der Einfahrphase.« Die sollte freilich nach 50000 Kilometern beendet sein. Eine Erklärung für den konstant hohen Ölverbrauch haben die Händler nicht.Ebensowenig gelöst sind weitere Kinderkrankheiten. So tritt am Vorderreifen häufig sowohl einseitiger Verschleiß als auch Sägezahnbildung auf. Und am wandernden Druckpunkt der Vorderradbremse hat sich trotz Modifikationen nicht viel geändert. Neuren Datums ist dagegen, daß sich Koffer während der Fahrt selbständig machen und andere durch klemmende Schlösser ihren Inhalt behalten wollten. Nicht mehr behalten will manch verärgerter Kunde seinen Boxer bei der gegenwärtigen Garantie-Politik des Hauses BMW. Doch selbst der massiven Forderung der Händler nach wettbewerbsgerechter, also zwei- statt einjähriger Garantiezeit hat sich BMW bis jetzt erfolgreich mit dem Hinweis auf eine großzügige Kulanzregelung widersetzt.
Anzeige

Auch im fünften Produktionsjahr nerven Mängel an BMW-Vierventil-Boxern (Archivversion)

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote