Report: rappen und racen (Archivversion)

Mein Reifen, mein Reifen, mein Reifen

Schreiner und Dean sind Hip-Hopper. Sie machen Sprechgesang, in deutsch.
Doch haben sie nicht nur Rhythmus im Blut, sondern vor allem Benzin. Sagen sie.

Die Szene hat ihre Statussymbole: fette Ketten, vorzugsweise Gold, dicke Schlitten mit dunklen Scheiben, vorzugsweise deutsch, pompöse Anwesen, vorzugsweise mit Pool, Spitzenpuppen, vorzugsweise im Bikini. Das kommt an bei werbesozialisierten Halbwüchsigen: mein Haus, mein Auto, mein Boot. Schreiner und Dean lässt so was kalt: »Bei uns zählt nicht, wie viel Kohle du machst, sondern nur, wie viele Reifen du dir leisten kannst. Mein Reifen, mein Reifen, mein Reifen, hä, hä.« Hä? Sind dermaßen begeistert, die zwei, vergessen glatt, dass Reifen Geld kosten. Was sie beide nicht haben. Zumindest nicht dicke, wie die Rapper im Video, die mit bösen Reimen die Hitparaden stürmen. Schreiner und Dean stürmen bisher nur an der Ampel vor. Das macht ihnen Spaß, »weil die Autofahrer sich dann immer so ärgern. Wir auf Pole Position, und bis die Idioten Gas geben, sind wir schon über die Kreuzung.« Schön, dass Berlin so viele Ampeln hat. In den Charts dagegen bleiben die beiden im Verkehr hängen. Nix Pole Position. Da stehen andere. RTL-Superstars und sonst welche Schreihälse. Obwohl auch Schreiner und Dean keine schlechten Karten haben. Eigentlich. Immerhin kam Schreiners Album »Basskontrolle« bei Branchenriese Sony raus. Und floppte. Trotz richtig Promotion und echtem Video. Mehr als 3000 wollten die Scheibe nicht kaufen. »Für Sony ist das kaum ein müdes Lächeln wert. Das ist das Problem der großen Plattenfirmen. Die konzentrieren sich auf das, was Erfolg hat. So seichte Musik, aufgequirlte Scheiße.« Kumpel, pardon, Homie Dean – Homie von Homeboy, also Ghettojunge – Homie D also rappt beim Kultlabel Def Jam ebenfalls für ein sehr ausgesuchtes Publikum. Selbst an der Motorradszene ging MC D’s Single »Bikaz« ungehört vorbei. Warum nur? »Das Blut kocht, wenn sich mein Arsch auf 200 Kilo und 150 PS niederlässt. ’N kurzer Burn-out, quick test... Wir lassen’s burnen non-stop bis es knallt... bikaz, burnen Gummis on ass... bikaz beherrschen ihre Bestie mit class, spielen mit dem gas, haben keine Para vor dem crash...«Schreiner hält, was Dean rappt. Er packt sich regelmäßig hin, sagt Dean, und unlängst hat er sich sogar umnieten lassen. An der Ampel! Das versetzte seine GSX-R 750 in einen reparaturwürdig krummen Zustand und seine Freundin in Para: »Sie macht sich Sorgen wegen dem Straßenverkehr. Weil sie eben weiß, dass es mit mir manchmal durchgeht. Was ganz normal ist, wenn man 150 PS unterm Arsch hat.« Er lässt es also ganz gerne krachen, der Schreiner, und Dean ebenso. Am liebsten auf der Rennstrecke. Glauben beide. Denn sie wissen’s nicht. Totale Rookies, haben nicht eine Runde in Oschersleben oder sonst wo gedreht und Schräglage nur im Industriegebiet geübt, auf einem Feierabend-Raceway aus zwei Kreisverkehren. Ob das reicht? Der Angststreifen an den Flanken von Schreiners Hinterreifen sagt nein.»Das Talent ist auf jeden Fall da, und wenn wir das mit der Rennerei machen, dann richtig«, tönt Dean, der schließlich auch seine R1 und ZX-12R gleich mit voller Leistung zu beherrschen meinte. »Ich denk’, wir kommen auf jeden Fall in die Ränge, an der Risikobereitschaft fehlt es uns nicht«, setzt Homie Schreiner noch einen drauf. Ist aber cool enough, um zwischen sich und den Rennfahrer doch das ein oder andere Training zu schieben. »Wir wollen da so vernünftig rangehen, dass wir ernst genommen werden, sogar wenn wir als Letzte ins Ziel kommen. Bringt ja nichts, wenn alle denken, die haben einen totalen Sockenschuss. Ich glaube, dann sind wir nicht lange dabei, sind ja eh schon bunte Vögel.« Eigentlich waren die Trainings be-reits fürs Frühjahr geplant. Aber dann hat »dieser blinde Idiot« Schreiner von der Suzi und »ein Arschloch« Deans »Zwölfer« vom Parkplatz geholt. Seitdem suchen die beiden noch heftiger nach Sponsoren. Denn der Mensch lebt nicht vom Rap allein, und schon gar nicht in Berlin. Wo Heerscharen rhythmisch ins Mikro labern. Schreiner jobbt für seinen Onkel im Hotel Garni Hansablick, Tiergarten (»freundlicher Service rund um die Uhr«). Drei, vier Mal die Woche an der Rezeption. Dean muss sich ebenfalls zu nonvokalem Erwerb bereitfinden. Er hat schließlich zwei Kids und Frau zu versorgen. Nicht wie sein Vater, der GI, der sich davor drückte, den er nicht mal kennt. »Das ging damals 80 Prozent meiner Altersgenossen so. Die haben nicht nur Vietnam nicht verkraftet, die Alten.« Es lässt sich aber sogar ohne schwere Kindheit rappen, wie Schreiner beweist, der gar nicht Schreiner heißt, sondern Onaduja, Christian Onaduja. Der in der Idylle eines hessichen Dörfleins zum Musikus reifte. Und den es alsbald nach einem Künstlernamen verlangte. Blockwart P von der Rap-Crew Hobo-Tribe inspirierte Christian. Onaduja nannte sich fortan Schreiner. Das klinge so deutsch, das »klingt nach Handwerk, nach Arbeit, und darauf kommt’s schließlich auch beim Rappen an«. Und auf Style natürlich. Was wiederum Hip-Hop und Motorrad verbindet, meint Schreiner. Style also, aber welcher? »So die MV Agusta, die teckt mich tierisch an, so ’ne Schwarze, und da die Benelli mit dem Ventilator, die teckt mich ebenfalls tierisch an.« Wie ihn überhaupt fast alles »tierisch anteckt«, Hauptsache guter Sound. »Weil das ja so mit das geilste am Motorrad ist, wenn’s so richtig schön laut ist.« Und sportlich, filigran. »Guck’ ma’, das is ’en geiles Mopped. Die neue Honda? Ne, es is’ die Ducati, mit dem Auspuff da untendrunter, die 999 ne, is’ auch ’en schickes Bike, hey.« Aber: »Ich muss sagen, ich mag das nicht, diese Zweizylinder, die-ses Vibrieren nervt mich voll. Obwohl, die RSV mille is’ schon ein Hammer, da bin ich auch wesentlich weiter gekommen beim Wheelie.« Die Welt als Wheelie und Vorstellung. Vorstellung, ach ja. Splash, in Chemnitz, Deutschlands fettester Hip-Hop-Event. Da haben Dean und Schreiner ihren Reifen, ihren Reifen, ihren Reifen schon geburnt, live on stage. Die Audience fand’s geil, sogar die »Chicas«. »Motorradfahren, das gefällt den Frauen schon. Sind am Anfang immer ein bisschen so und so, und danach sagen sie, war total geil.« Aber nicht nur als begehrter Bühnen-star muss einer wie Schreiner Prioritäten setzen: »Scheiß auf die Frauen, zeig mir nur die Bikes. Die müsste man sammeln, jedes Jahr eins, in einer richtig großen Halle. Und ey, da drüben, die R1 mit Bose-Auspuff, geil!« Kontakt über e-mail: d.gbz@berlin.de.
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