Retro-125er Impressionen

Old Schul-Bikes

Die Retrowelle ist mittlerweile auch bei den 125ern angekommen. Aber kommt sie auch bei den Youngstern an? Versuch macht klug.

Also nein, das geht ja gar nicht! Wir stehen in der Tiefgarage, gerade ist die neue Kreidler Dice CR angeliefert worden. Und mein Damm, hinter dem sich die Erwartungen aufgestaut haben, zerbricht wie eine Salzstange. Warum? Liebe Leser unter 40, bitte überspringt die nächsten Zeilen, sie sind nur für alte Säcke. Also, warum? Weil ich den Begriff Kreidler mit meiner Jugend verbinde. Wer in den 1970ern mit einer Kreidler Florett RS auf dem Schulhof einbog, fuhr nach der letzten Stunde mit irgendeinem ganz scharfen Huhn auf der Rückbank heim. Und wenn so ein Kreidler-Ding in deinen Rückspiegeln auftauchte, konntest du Augenblicke später auch gleich sein Nummernschild lesen. Mit einem Wort: glorreich!

Wer mit ähnlichen Erinnerungen vor der Dice CR 125i steht, wird sich nicht nur fragen, warum wir den Chinesen die Markenrechte verkauft haben, sondern auch, wen man dafür bestrafen sollte. Diese Dice hier und die Florett RS von damals, das ist so ähnlich, als würde man das Etikett einer Flasche Dom Pérignon auf einen Zwei-Euro-Lambrusco kleben. Gott sei Dank muss ich das kleine Motorrad nicht beurteilen. Dafür haben wir zwei Youngster eingeladen, die gerade den Führerschein bestanden haben. Und damit es nicht langweilig wird, gesellen sich zur Kreidler auch noch eine Mondial hps 125i sowie eine Mash 125 Black Seven.

Lars und Charlene, beide 16 und gerade die ersten Kilometer auf eigenen Bikes abgeraspelt, umkreisen die drei 125er. Schnell stellt sich heraus, dass es sich bei der Kreidler sowie der Mash anscheinend um Zwillingsschwestern handelt, die nur unterschiedliche Kleider tragen. Kein Wunder, sie werden beide im selben chinesischen Konzern Jinan Qingqi gefertigt. Die luftgekühlten Zwei-ventil-Viertaktmotoren sind Nachbauten des Suzuki DR 125-Antriebs. Wir stellen beide nebeneinander. Es ist leichter, die Unterschiede aufzuzählen als die Gemeinsamkeiten. Während man der Kreidler eine Upside-down-Gabel und ein cooleres Cockpit spendiert hat, das sogar eine digitale Ganganzeige offeriert, setzt die Mash mit einer konventionellen Gabel samt Faltenbälgen sowie zwei Rundinstrumenten im Cockpit ganz auf retro. Weitere Unterschiede: Sitzbank und Lack. Ansonsten alles gleich. Dann sollten sie zumindest auch identisch fahren, oder? Helme auf, Handschuhe an, raus aus der Tiefgarage. Erster Stopp nach zehn Kilometern. Lange Gesichter bei unseren jungen Testpiloten.

„Jetzt weiß ich auf jeden Fall mal, dass ich alles richtig gemacht hab“, sagt Lars, der eine Beta 125 RR LC daheim hat. „Die Kreidler hier kommt ja gar nicht aus den Puschen …“ Will heißen: Beim Kaltstart braucht sie recht lange, bis der Motor willig Gas annimmt, und so recht kraftvoll fühlt sich der Antrieb auch im warmen Zustand in keinem Drehzahlbereich an. Auch Charlene, die 15 PS ihrer KTM gewohnt, meint, dass bei der Mash-Power noch viel Luft nach oben ist. Wir fahren weiter, durch Weinberge, über schmale Straßen mit schlechtem Asphalt und tauschen fleißig die Motorräder. Recht schnell kristallisiert sich die Mondial als „most wanted“ heraus. Ihr Vierventilmotor giert zwar nach hohen Drehzahlen – man fährt ständig zwischen 7000 und 11000/min –, doch er nimmt sauber Gas an und hängt seine luftgekühlten Widersacher locker ab. Der quirlige Antrieb hat als einziger ein Sechsganggetriebe und dreht so fröhlich nach oben raus, dass man nur allzu oft in den Begrenzer fährt. Der Mash-Motor, eigentlich baugleich mit dem der Kreidler, hat ein klitzekleines bisschen mehr Druck als der Kreidler-Antrieb. Warum? Keine Ahnung. Glaubt man den Herstellerangaben, hat er 0,8 PS mehr. Und, kein Witz, die spürt man im Fahrbetrieb. Smiley.

„Wo kommen denn die Dinger eigentlich her?“, will Charlene wissen. Gute Frage. Letztlich werden alle drei in China gebaut. Die Namensrechte an Mondial hält eine italienische Firma. Der hier eingesetzte Motor hat unglaubliche Ähnlichkeit mit dem Antrieb der Aprilia Tuono 125, er wird bei Zongshen gefertigt. Ob er tatsächlich baugleich ist, war leider nicht in Erfahrung zu bringen. Während die französische Mash mittels Eigennamen auf den Markt drängt, liegen die Namensrechte von Kreidler beim Fahrradhersteller Prophete in Rheda-Wiedenbrück, der 1995 mit Taiwan-Rollern in den Markt einstieg und seit Ende 2006 Kreidler-Leichtkrafträder in China fertigen lässt. Vorteil für die Mondial: Sie wird vom Kymco-Importeur MSA nach Deutschland importiert, ergo auch über das dichte Kymco-Händlernetz vertrieben. Bei Kreidler oder gar Mash ist das Händlernetz nicht so opulent.

Als wir am Nachmittag von den Maschinen steigen, fällt das Urteil unserer Testpiloten hart aus. „Die Bremsen an der Mash und der Kreidler sind nicht das Gelbe vom Ei“, meint Lars. Und Charlene fügt an: „Richtig zielgenau fahren die auch nicht. Ich fühle mich nicht so sicher wie auf meiner KTM.“ Fakt ist: 125er dürfen für den Fall, dass sie kein ABS haben, ab 2017 nur noch mit einem Verbundbremssystem ausgeliefert werden. Das der Mondial funktioniert hervorragend – beim Betätigen der Fußbremse wird auch die Vorderradbremse aktiviert. Von alldem ist weder bei Kreidler noch bei Mash richtig was zu spüren. Und noch was: Jetzt weiß man auch endlich, was „kein Grip“ auf Chinesisch heißt: Timsun! Steht sogar auf den Reifen. Pardon, das ist auch gleichzeitig der Herstellername! Gelinde gesagt sind die auf der Kreidler und Mash montierten Pellen bei Regen eine Katastrophe. Und weil wir beim Meckern sind: Weder Gabel noch Federbeine der Kreidler sprechen gut an. Was bleibt als Fazit? Außen hui und innen pfui? Also: Retro rockt nicht?

Richtig hart will keiner der Youngster mit den Bikes ins Gericht gehen. Fakt ist: Mit der Mash, die sich stilistisch an der Triumph Bonneville orientiert, punktet man auf dem Schulhof überhaupt nicht, da sind sich beide Testpiloten einig. Die Kreidler setzt sich eher durch ihre knallige Farbe als durch gute Verarbeitung in Szene. Und die recht gut verarbeitete Mondial nicht zuletzt durch ein stimmiges Gesamtkonzept mit nett gemachten Details. Bei alldem darf man aber nicht vergessen, wie günstig diese kleinen Biester in der Anschaffung oder im Unterhalt sind. Jedes Bike begnügte sich mit weniger als drei Litern Benzin auf 100 Kilometer. Was also tun? Sowohl Eltern, die eine der drei für die Sprösslinge in Betracht ziehen, als auch älteren Semestern – schließlich darf man 125er auch mit dem Autoführerschein fahren, sofern dieser vor dem 1.4.1980 ausgestellt wurde – sei geraten, gleich nach dem Kauf die Timsun-Pellen gegen echte Reifen zu tauschen.

Und zwar DRINGEND.

China-Bikes – was spricht dafür, was dagegen?

Pro
„Wer China hört, der denkt im Zusammenhang mit Motoren oft an Unzuverlässigkeit. Das kann ich den Leuten nicht verdenken. Vor 15 Jahren war das vielleicht auch so.

Foto: jkuenstle.de
Hans-Peter Heck: Geschäftsführer von CityRoller, Stuttgart.
Hans-Peter Heck: Geschäftsführer von CityRoller, Stuttgart.

Mittlerweile sind sowohl Fertigungsqualität als auch Materialgüte wesentlich besser geworden. Mit dem luftgekühlten 125er-Zweiventilmotor, der sowohl in der Mash als auch in der Kreidler verbaut ist, gibt es keine Probleme. Wir haben mehr als 60 Maschinen mit dem Motor verkauft, es gab nicht einen Ausfall. Einige Kunden haben knapp 30 000 Kilometer damit abgespult.“

Contra
„Mit der Mash oder der Kreidler kann ich mich überhaupt nicht anfreunden. Alles wirkt billig gemacht, und die Technik ist nicht auf dem neuesten Stand.

Foto: jkuenstle.de
Karsten Schwers: Top-Tester von MOTORRAD.
Karsten Schwers: Top-Tester von MOTORRAD.

Ehe ich solche China-Kracher neu kaufe, schaue ich lieber auf dem Gebrauchtmarkt nach 125ern von etablierten japanischen Herstellern. Meistens haben die sogar gute Reifen drauf. Hinzu kommt noch das Problem der Ersatzteilversorgung. Bei den bekannten Herstellern bekommst du Teile an jeder Straßen­ecke. Bei diesen Maschinen hier ist das mehr als fraglich.“

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