Rock and ride (Archivversion)

Zeitmaschine

Das kuschelige Headbanger-Ambiente der Siebziger, freundliche Menschen vor und hinter der Theke und jede Menge Motorräder vor der Tür - in der Discothek Belinda, so sagt man gern, stehe die Zeit still.

Schluckendes Entzücken überfällt den von Wirtschaftskrise, Hypotheken auf der Doppelhaushälfte und seinen nimmersatt nach neuem Fummel kreischenden Gören gebeutelten Zeitgenossen angesichts der schamlosen Idylle eines elsässischen Fachwerkstädtchens oder toskanischen Dorfs. Beispielsweise. Hier ist er noch Mensch, hier darf er’s sein, denkt er sich. Hier steht die Zeit still, freut er sich. Weil die Vergangenheit sich so mächtig aufdrängt, dass er die Gegenwart schlicht verdrängt. Solange, bis er checkt, dass hinter diesen putzigen Fassaden keine Küfer, Herrgottsschnitzer, Hufschmiede mehr leben, sondern Ingenieure, Steuerberater, Verkäufer. Rustikale Bänke in Eiche natur, fette Balken, rauer Stein, Rothändle und Reval im Automaten. Eine uralte Zehntscheuer, zum Rockschuppen umfunktioniert. »Hier ist doch die Zeit stehen geblieben«, sagt Chris vom Motorradfahrerinnen-Stammtisch. Hier im Belinda, wo sich die Mädels dienstags treffen, wo sie parlieren, tanzen, trinken, charmieren. Und das macht mit 37 so viel Spaß wie mit 17. Wenn nicht noch viel mehr. Dann nämlich, wenn man sich mit 37 vorkommt wie 17. Solange man keinen Blick in den Spiegel wirft.Irgendwie erinnert die Rock-Disco Belinda an dieses wundersame elsässische Fachwerk oder toskanische Gemäuer. Hier wie dort läuft, auf den ersten Blick, die Zeit zurück. Nicht 300 Jahre, 30 tun’s manchmal auch. Doch hier wie dort trügt die Idylle, was Idyllen übrigens immer tun. Denn letztlich sind sie in den Köpfen ihrer Betrachter gemacht. Und selbst Idyllen haben mitunter einen Chef. Anno 1991 war’s, da schwante Georg Neumann, dass seine Zeit abgelaufen sei. Seine Zeit als Rennfahrer. Während er die Einsamkeit kanadischer Wälder mit Braun- und Schwarzbären teilte, urlaubend, schlug Sohn Markus zu. Genüsslich. Erst zu Hause, in Sulzbach an der Murr, wo er Vaters Ducati-Dreirad auf einen Transporter lud, ohne ihn vorher um Erlaubnis gefragt zu haben. Alsdann in St. Wendel, woselbst der Frischling bei seinem ersten Rennen überhaupt, DM immerhin, sofort das Podest erklomm. »Lass es bleiben, Georg, dein Sohn hat viel mehr Talent als du, sagte Rolf Steinhausen danach zu mir«, erinnert sich Georg. Steinhausen, die ex-weltmeisterliche Gespannlegende.Georg hat Sohnemann, der darob auch in EM und WM brillierte, den Ducati-Racer vermacht - »Man muss eben erkennen, wann seine Zeit abgelaufen ist« - und sich wieder richtig ins Belinda hineingekniet. Einen Tempel des hardrockenden Musikwesens. Wo Haare noch lang, Jeans eng, Hemden kariert - groß, versteht sich - und die Hits von gestern sein dürfen. 1970 in tiefster schwäbischer Provinz eine Rockdisco eröffnen, was für ein Irrsinn, was für eine Provokation. »Das Geld hätten sie auch verbrennen können«, höhnten Nachbarn. Dabei belindate es in Sulzbach nur, weil’s eben mit dem Brennen nicht mehr so richtig klappte. Nachdem er dort lange Zeit als Prokurist gearbeitet hatte, kaufte Georgs Vater eine alteingesessene Destille. Schnaps und Likör, ein mittelständischer Betrieb. Zu klein, um gegen die übermächtigen Geschmacksverwirrer anzuprosten, die mit Gesöffen wie Puschkin mit Kirsche, Bommerlunder mit Pflaume, Racke Rauchzart, Echte Kroatzbeere und anderen Scheußlichkeiten die Lufthoheit über den Kotzbecken der Nation erobert hatten. Zu groß, um vom Durst lokaler und regionaler Trinker liquide zu bleiben. »Wir mussten uns was einfallen lassen, ganz dringend«, erinnert sich Georg, der damals im elterlichen Geschäft eine Lehre als Kaufmann absolvierte. Und dann ward die Erleuchtung ausgerechnet ihm zuteil. »Papa, lass uns eine Disco aufmachen.« Papa war nicht gerade das, was man einen Freund des Rock’n’Roll nennen könnte. Bis er eines denkwürdigen Tages von seinem Sohn in Stuttgarts Liederhalle geschleppt wurde. In eins von Jimi Hendrix’ letzten Konzerten. Aus dem kam Papa anders heraus, als er hineingegangen war. Mit 60 zum Rocker bekehrt. Alle packten sie dann mit an, die Familie, die Freunde, um die alte Schnapse in eine Discothek zu verwandeln, während im Städtle wahre Horrorgeschichten kursierten. Über Hascher, Gammler, Hippies, Motorradrocker und ähnliches Gesocks, das die saubere Landjugend auf den schmutzigen Weg des Lasters führe. Der Weg führte dann ganz woanders hin. Zum Erfolg. Familie Neumann machte die Fabrik zu, und Georg startete neben der Discjockerey eine neue Karriere. Dabei dachte er anfangs gar nicht daran, einmal auf drei Rädern zu reüssieren. Es ergab sich halt so, weil ein auswanderungslustiger WM-Fahrer anno 1974 sein Werksmaterial loswerden wollte. Da kam er bei Georg, gerade 20 geworden, an den Richtigen. Und der bei seinen Eltern, die akzeptierten, dass er ihnen und der Disco an einigen Wochenende entfleuchen würde. Sahen sie doch schon beim Blick auf den Parkplatz vorm Belinda, dass Rock und Motorrad definitiv zusammen gehören. Im Belinda bis auf den heutigen Tag. Mehr als die Hälfte der Belegschaft, an die 30 Leute sind’s, fährt auf zwei Räder ab. Hubert, den alle nur Huby nennen, favorisiert Italiener, erst Guzzi, Ducati nunmehr. Er war’s auch, der Georg überzeugt hat, es doch mal mit einem Ducati-Motor im Renngespann zu probieren. »Der Sound - einfach klasse, der lohnte alle Liebesmüh.« Geschraubt hat er beim Georg, seinem alten Kumpel, und dann auch noch für den Markus. »Beim Vater, da waren wir Freunde, beim Sohn ein erfolgsorientiertes Team.« Das hat ihm nicht mehr so gepasst wie die gemütlicheren alten Zeiten. Als man sich noch traf zum Grillen im Fahrerlager. »Der Georg ist ja Gastronom, der hatte die richtigen Sponsoren.« Brauereien eben. Hubys Töchter sind 21 und 18 Jahre alt, die trifft er regelmäßig im Belinda, wo die Ältere ab und an nicht nur hinter der Theke steht. Platten legt er nicht mehr auf, der Huby, aber hinter den Kulissen, da zieht er noch an so manchen Strippen. Tut, wenngleich etwas anders, der Ralle auch. Wenn’s irgendwo was zu reparieren gibt, muss er ran, Belindas technisches Universalgenie, und das möglichst rasch. Nicht nur aus diesem Grund hat er sich eine Suzuki GSX-R 1000 zugelegt. »Beim Fahren bin ich nicht so der gemütliche Typ.« Die Missachtung einer Krötenwanderung hat ihn einmal auf arge Abwege gebracht, und in Murrhardt ist er samt Suzi in eine Bushaltestelle geflogen. »Rippen gebrochen und so ein Kruscht.« Als Markus nach dem Ausstieg von Huby einen Rennmechaniker suchte, da ist man sich einfach über den Weg gelaufen. Im Belinda, wo sonst. Achim steht dort an der Tür und hat den Einser erst mit 23 gemacht. »Ich war Koch und hatte nie Zeit.« Bis er einmal was über Ferienfahrschulen las. Unlängst hat er sich seinen Traum erfüllt - eine Harley im Streetfighter-Look. Aufgebaut hat das Motorrad Lutz, Achims Kollege bei der Security. Lutz ist früher Rennen gefahren, fürs Belinda Dragster Team und für die Hell’s Angels. »Da, wo jetzt das Café ist, oben im ersten Stock, hatten wir früher unsere Werkstatt«, sagt Georg, »da haben wir Dragster und Gespann fit für die Rennen gemacht.« Bei den zwei Rockfestivals, die Georg veranstaltet hat - »An ein drittes habe ich mich nicht gewagt. Wenn’s regnet, bist du bankrott. Meatloaf spielt nun mal nicht für lau« - schafften die Angels Ordnung, zusammen mit der Polizei. »Weißt du noch, wie der Lutz mich angewiesen hat, was wir zu tun haben, sagt Oberkommissar Günther Battermann manchmal noch zu mir«, grinst Georg. Battermann kommt regelmäßig ins Belinda. Nicht weil’s dort Zoff gäbe - »Das regeln wir schon selbst« -, er tut’s der Verkehrssicherheit wegen, dem leidigen Thema Discounfälle und Alkohol. Einmal hat Georg auch Michael Gaedt von der »Kleinen Tierschau« (»Lieber doof sein, als Gabi heißen«) eingeladen. »Der hat erzählt, wie peinlich das war, als nachts die Bullen kamen und ihn vor den Augen seiner Kinder aus dem Schlafzimmer gezogen haben in seinem besoffenen Zustand. So was merken sich die Leute, Allgemeinplätze nicht.« Wohl aber kluge Sprüche. Am Dienstag parken die meisten Motorräder vorm Belinda. Dann ist Oldie-Night. Und sie sagen wieder »Die Zeit steht still« oder »Kinder, wie die Zeit vergeht.« Im Belinda, und das ist gut so, haben sie alle Recht.
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