Schalber-Rallye-BMW

Retour-Kutsche

Der Allgäuer Off Road-Spezialist Richard Schalber verwandelte das BMW-Funbike F 650 in eine Rallye-Maschine. Kehrt BMW damit in den Rallye-Sport zurück?

Hindelang im Allgäu. Mächtig wächst das sanft gerundete Profil des 1200 Meter hohen Oberjochs hinter den letzten Häusern aus dem Talgrund. Schweigende Wanderer schlängeln sich entlang den schmalen Bergpfaden, und die Luft wird erfüllt vom dumpfen Geläut der Kuhlocken.

Richard Schalber hat für diese Idylle weder Nerv noch Muße. »Die Zeit vergeht wie im Flug. Ein Monat kommt mir oft vor wie ein Tag«, atmet der 42jährige tief durch. Seit sich der Allgäuer nach einer überaus erfolgreichen Profi-Laufbahn im Moto Cross-, Enduro- und Rallye-Sport vor einigen Jahren selbständig gemacht hat, ist Schluß mit lustig. Von seiner Zentrale, einem nagelneuen Geschäftshaus mit integrierter Werkstatt, lenkt der agile Stollenfreak ein kleines Off Road-Reich. Enduro-Lehrgänge für BMW, organisierte Motorradreisen und Amateur-Rallyes zum einen sowie aufwendige sportliche Umbauten der weiß-blauen Boxer-Enduros zum anderen nähren den Ruf seiner sogenannten Equipe Schalber als Nobel-Adresse für erdverbundene Bajuwaren-Biker.

Genau diesem Publikum verdankt der leutselige Bayer seinen akuten Zeitmangel. »Wir bringen die BMW-Fans bei unseren Lehrgängen ins Gelände, und wenn sie das Metier dann beherrschen, finden sie bei uns kein leichtes geländetaugliches Motorrad im Modellprogramm«, erklärt Schalber sein betriebsinternes Dilemma. Die Lösung liegt für den dreifachen Familienvater längst auf der Hand: das BMW-Einzylinder-Funbike F 650 als Basis für eine sportlich orientierte Enduro. Und weil an eine Pro-Off Road-Entscheidung der BMW-Chefetage geschweige denn an die Serienproduktion einer Hard-BMW noch nicht zu denken ist, krempelte Schalbers Truppe - außer dem Chef, ein Ingenieur und vier Mechaniker - vor gut einem Jahr selbst die Ärmel hoch. Unternehmen Wüstensturm. Das große Ziel: Ein Einsatz bei der nächsten Rallye Paris-Dakar.

Wobei sich Erfolgsmensch und BMW-Fan Schalber ausnahmsweise am Audi-Werbeslogan orientierte: Vorsprung durch Technik. Allein der Rahmen des Schalberschen Wüstenblitzes hat mit dem für Straßen- beziehungsweise moderaten Geländeeinsatz konzipierten Einschleifen-Rohrgestells der F 650 ganz und gar nichts mehr gemein. Ein Brückenrahmen aus Chrom-Molybdän-Vierkant-Rohren, ähnlich denen der Kawasaki-Moto Cross-Modelle, bildet das verwindungssteife Grundgerüst des Allgäuer Wüstenschiffs - von der Zeichnung bis zur letzten Schweißnaht übrigens in der hauseigenen, professionell ausgestatteten Werkstatt entstanden.

Dasselbe gilt für die Hinterhand. Aus Alu-Profilen verschweißt und auf Hochglanz poliert, überzeugt die selbstkreierte Hinterradführung durch allerneueste Technik. Denn statt an einer herkömmlichen Umlenkung wird das Federbein direkt an der Schwinge angelenkt - just so wie beim sogenannten PDS-System der 1998er KTM-Moto Cross-Modelle. Die nötige Progression erreichen die Allgäuer Techniker in ihrem - übrigens vom bayrischen Monoshock-Pionier Anton Pfeiffer hergestellten - Federbein wie KTM-Zulieferer White Power über zwei Dämpferkolben, die mit zunehmenden Federweg die Druckdämpfung kontinuierlich erhöhen. Die erforderliche Federrate für die derzeit 169 Kilogramm schwere Rallye-BMW ist dennoch gigantisch. 160 Kilogramm pro Zentimeter Federweg setzt die fingerdicke Drahtwendel den brutalen Schlägen im Gelände entgegen. Zum Vergleich: Auch nicht zimperlich behandelte Federbeine in den KTM-Serien-Crossern liegen bei Werten von knapp 80 Kilo je Zentimeter. Einfache Montage und das etwas geringere Gewicht des Gesamtsystems sind für den rauhen Wüsten-Alltag jedoch die ausschlaggebenden Faktoren, die für das moderne System sprechen.

Auch vorn verläßt sich Schalber nur auf Feinstes. Eine in selbstkonstruierten Gabelbrücken steckende Showa-Werksgabel soll Pflegebedarf und Fahrerbelastung in minimalen Grenzen halten. Bei 300 Millimetern Federweg am Vorder- und Hinterrad ein aussichtsreiches Unterfangen.

Was das beim österreichischen Motorenhersteller Rotax gefertigte Antriebsaggregat betrifft, muß sich die Basis-Version eine intensive Stärkungskur gefallen lassen. Gottfried Michels, bekannter unter dem Kürzel Pami als renommierter Tuner aus der Einzylinder-Szene, haucht dem im Serienzustand 48 PS starken Einzylinder-Viertakter einen wesentlich kräftigeren Atem ein. Via eines eigens gegossenen Zylinders, der den Hubraum von 652 auf 695 Kubikzentimeter erhöht, zerrt der wassergekühlte Treibsatz mit mittlerweile 85 PS an der meist staubumnebelten Antriebskette. Ihren Teil zum Leistungszuwachs tragen die beiden Mikuni-Flachschieber-Vergaser mit 40 Millimeter Durchlaß (Serie: 33 Millimeter) und die Edelstahl-Auspuffanlage bei - und letztlich der BMW-Windkanal.

«Allein die strömungsgünstige Auslegung der Einläße für den Luftfilterkasten brachte uns vier PS«, schwärmt Tüftler Schalber von den Möglichkeiten, die ihm das Münchner Stammhaus bietet. In der Tat stehen dem Allgäuer BMW-Satelliten alle Testanlagen des Großbetriebs zur Verfügung. Modifikationen an den Rotax-Motoren werden in 50-Stunden-Dauertests auf dem Prüfstand auf Standfestigkeit getestet. Ölanaylsen geben Aufschluß über Beanspruchung und Verschleiß. Auf einer Hydropuls-Anlage simulieren bis zu eine Million Lastwechsel für den Rahmen den denkbar härtesten Wüstenritt. Im Windkanal wird die Form der Verkleidung, die übrigens von Karosserie-Spezialisten von BMW hergestellt wird, genauso optimiert wie die von Schalber selbst produzierten, insgesamt 53 Liter Benzin fassenden vorderen Tankhälften und Hecktanks.

Die Feuertaufe hat der Allgäuer Wüsten-Bomber bereits bestanden. Im April hielt die F 650 unter Andrea Mayer und Thomas Wolf auf Anhieb die Tunesien-Rallye durch. In wesentlich größerem Interesse der Öffentlichkeit steht allerdings die Generalprobe im November. Für die Dubai-Rallye verpflichtete Schalber neben Andrea Mayer nämlich einen Hochkaräter der Rallye-Szene - den vierfachen Paris-Dakar Sieger Edi Orioli. Erste Tests spulte der Italiener in der Nähe seines italienischen Heimatorts Udine bereits ab und zeigte sich - laut Schalber - von dem Silberpfeil ernstlich beeindruckt.

Sollte er auch. Denn ob sich das BMW-Werk ganz offiziell hinter das Rallye-Engagement der Equipe Schalber stellen wird, hängt zu einem großen Teil von einem erfolgreichen Dubai-Debüt ab. Und das hätte Schalbers blitzsauber aufgebautes und mittlerweile 180 000 Mark teueres Unikat ganz sicher verdient.
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