Skaten und Biken (Archivversion)

Volles Brett

In ihrem Berliner Titus-Laden verkaufen Dirk und Momo den Kids Bretter mit Rollen dran. Wenn sie Zeit haben, rollen die Freunde selbst zum Brettern. Aber nicht auf Rollbrettern. Auf abgerockten Kawa-Crossern.

Die beiden waren mal auf ’ner ordentlichen Motocross-Strecke. Zum ersten und zum letzten Mal. »Wozu von elf bis zwölf fahren, bis drei Mittagsruhe und dann noch mal ’ne Stunde? Dafür 15 Euro? Ist doch Mist!« Klar. Aber wo sonst kann man sich’s so richtig besorgen auf dem Crosser? Hier schießt dich der Förster runter, dort spannt der brave Wandersmann Drähte über die Wege, und Politiker sinnieren darüber, ob schon Fahrradfahrer nix im Wald verloren haben. »Hey, wir sind in Berlin. Und Berlin ist ideal zum Crossen.« Ein Andenken der glorreichen Sowjet-Armee, ein bleibendes. »Die alten Russengelände, wo die früher Panzer zerschossen haben, so riesig, da geht’s in eine Richtung, bis dir der Sprit ausgeht. Da stirbst du weg, und keiner würd’s merken.« Da fahren wir jetzt hin? »Nee, woanders, so ’ne Sandgrube gleich hinter Spandau.«Es läuft Punk und schmutziger Rock im Laden, den Dirk und Momo führen. 300 Quadratmeter, mitten in Berlin, gleich hinter der Museumsinsel, beim Hackeschen Markt. Beste Lage. Dirk, lang und schlaksig, blondiert unter B-Mütze – »Ich lass’ mir wieder die Haare wachsen. Na ja, bevor sie ganz ausgehen« – steht hinterm Tresen und baut ein Brett auf. »Kannst ’nen Fuffi für ausgeben, kannst aber auch 300 berappen.« Und wie lang hält’s? »Manche smashen in der Woche zwei.« Motorräder halten da länger, tendenziell. Die Zweitakt-Kawas haben Dirk und Momo sich vom Bauern geholt, gebraucht, eine 1994er, eine ’98er, beides Zweifünfziger. Und wenn sie doch mal die Grätsche machen, lassen sie sich reparieren. Höchstselbst, unterm Laden im Keller. Und da müssen die Sägen jetzt raus, Treppe hoch, in den Mietwagen, Transit. Heute für 35 Euro am Tag zu haben, früher fast nie zu kriegen. So wie gescheite Bretter. »Was hätte ich drum gegeben, so ein Board zu haben. Wenn ich sehe, wie die Kiddies heute bibbern und ich denen was von Achsen, Rollen und Lagern erzähle, dann sehe ich mich oft selbst, als ich 13, 14 war. Mit Vattern bin ich damals in die Tschechei, vollgeheult hab’ ich den, bis er mir ein tschechisches Skateboard gekauft hat. Kam ganz stolz nach Hause. Boah, ’n echtes Board mit Lenkung und so. Ein Trick, plomm, Achse durchgebrochen.Also doch wieder das alte Brett mit Rollschuhen drunter.« Selbst gebastelt, wie die Crosser früher. Basis: Simson S 50, erstanden vom Geld für die Jugendweihe. Dann MZ, was auch sonst. »Wir waren ’ne ganze Gang, 40, 50 Leute, die so ein Ding hatten.« Damit knüppelten sie durch den Wald um Wittenberge. Als die Grenze offen war, wurden Momos Öfen immer größer, immer heißer. Als gelernter Schlosser hat er für Mannesmann in Düsseldorf gearbeitet und auf der ganzen Welt Hochöfen zusammengebaut. »Bis der Chef, der Esser, den Konzern zerschlagen hat.« Dirk werkelte unterdessen an einer Tankstelle, ebenfalls im Rheinland, nachdem er vorher als Automechaniker und Snowboardlehrer in Österreich rumgejobbt hatte. »Ich hatte zu der Zeit eine 750er-Suzuki, bin so’n bisschen auf der Straße gefahren.« Was heißt ein bisschen? »Na ja, meistens die alte Brennerstraße runter, wie eine Sau, eine Stunde zum Gardasee, Pizza essen, wieder zurück. Kurze Pause, okay, noch mal. Eis essen. Wieder die Brennerstraße, Visier zu, Gas auf. Aber mit so einem Hobel fährt keiner normal, kann mir keiner erzählen. Deshalb: Ich kann mir alles kaufen, aber nicht mehr so’n Ding.« Er sagt es ohne Wehmut, seine Frau erwartet das erste Kind. Der Transit mit den Mühlen schwimmt am Palast der Republik vorbei, dann Brandenburger Tor, Reichstag, auf die Gold-Else zu, raus Richtung Nordwest durch den völlig entspannt fließenden Hauptstadtverkehr, BMW-Werk Spandau brav rechts liegen lassen, weiter auf der B 2/5. Zwischendrin an der Tanke Wasser fassen. Und ein Knackwürstchen wegmachen. Apropos Würstchen, wo braucht’s eigentlich die dickeren Eier? Beim Skaten oder Motocross? »Beides schwer. Skaten tut oft mehr weh als Crossen. Und Schoner gelten sowieso als schwul. Auf dem Motorrad haste mehr Zeit zu reagieren, zu korrigieren. Die Skate-Tricks- und -Sprünge laufen halt viel schneller. Und wenn du mal auf den Kicker zufährst, musst du wissen, springst du oder springst du nicht. Abbrechen ist nicht. Das Motorrad hat immerhin eine Bremse, und du kannst noch oben stehen bleiben.« Was einen aber nicht zwangsläufig davor bewahrt, die Fuhre auch mal gründlich zu versenken. Buchstäblich. In der Cross-Grube an der A 10 sandeln öfter die Truck-Trialer. Einer von denen hat an einem Kicker rumgeschaufelt und dahinter eine Kuhle gebuddelt. »Ich sauber über den Sprung, komm runter, und plötzlich ist da der Tümpel. Ich nur: Scheiße! Und hinter dem Motorrad kopfüber in die Brühe.« Andererseits: Beim Skaten hat Dirk sich neulich auch nass machen lassen. Von seinen Jungs, dem Titus-Team. »Mit denen war ich draußen, nach drei, vier Monaten mal wieder auf dem Brett. Am nächsten Tag war ich beim Einrenken.« Verlacht hat den alten Sack, Dirk ist 31, keiner. Gehört nicht zur Szene. Die ist, Ehrgeiz hin, Konkurrenz her, cool, geschmeidig, entspannt. Den Crossern ergo nicht unverwandt. Und noch was eint die Szenen: ihre zumeist dürftigen Reservate. »Viele Skateparks kannste glatt vergessen, weil die von der Stadt entworfen wurden«, sagen Kieran und Mack aus dem Team. »Die Verwaltungsnasen gehen nach dem Motto, hier ein Würfelchen, da ein Geländer, Zaun drumrum, und dann schau mal, dass du keinem auf die Nerven gehst.« Tun sie aber. Weil – Schande für die Hauptstadt – Berlin noch keine Skatehalle hat. Dirk und Momo wüssten schon, wo. Erichs Rache, Skaters Freude – im Palast der Republik. Doch dürfte sich dieses Unterfangen schwieriger gestalten als eines, das Dirk und Momo jeden Tag im Laden mitbe-kommen. Mutter zum Sohn: »Guck mal, wie dir diese Hose unterm Arsch hängt. Passt doch gar nicht.« Sohn: »Überleg mal, wie du früher rumgelaufen bist in deinen gestreiften Leggins.« Mutter: »Die rutschen doch, die Sackhosen.« Dirk: »Dagegen hilft ein Gürtel.«Kleiderordnung und Generationskonflikte gibt es in der Sandgrube bei Briselang nicht. Oft aber einen Grill, ‘ne Kiste Bier und eine lockere Runde am Nachmittag. »Wir wühlen meist so bis drei, halb vier, dann ist es sowieso aus mit der Kondition. Und wozu? Weil’s Spaß macht.« Motocross. Und Skateboardfahren.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote