Technik: Hunwick Hallam-V2 (Archivversion)

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Down under entwickelten Rod Hunwick und Paul Hallam einen V2-Motor mit pneumatischer Ventilsteuerung, der spätestens 1999 die Superbike-WM aufmischen soll. Doch zuvor wollen die beiden Australier mit einem futuristischen Cruiser auf den Markt kommen.

Australien brachte in den vergangenen Jahren mehr begnadete Straßenrennfahrer hervor als Deutschland Fußballer. Entsprechend lang ist die Liste der Weltmeister von Down under - Mick Doohan und Troy Corser räumten erst 1996 die Titel in den zwei angesehendsten Rennsportklassen ab. Zumindest für Rod Hunwick und Paul Hallam hat die Sache aber einen gewaltigen Hacken: Ihre Landsleute feiern die Erfolge stets auf ausländischen Produkten - eine australische Motorradmarke gibt es bis zum heutigen Tag nämlich nicht. Es gab wohl mehrere erfolgversprechende Anläufe, doch selbst der inzwischen verstorbene John Britten hat es nie geschafft, seine innovative VR 1000 in Serie zu bauen.Hunwick, Geschäftsmann sowie Ex-Team-Besitzer, und Hallam, ein erfahrener Viertakt-Tuner, fasten deshalb vor rund drei Jahren den Entschluß, nun endlich eine australische Motorradmarke zu gründen. Unter dem Banner »Hunwick Hallam« sollen 1988 gleich drei Modelle in Serie gehen: Der BOSS Power Cruiser mit 1350 cm³ wird, so die Planung, bereits Ende dieses Jahres produziert werden, anschließend das 1000er Superbike X1R und zuletzt die unverkleidete Rage mit 1100 cm³.Einzig vom Cruiser existiert bereits ein fahrfertiger Prototyp, die beiden anderen Maschinen wollen die beiden Firmengründer beim Superbike-WM-Lauf auf Phillip Island/Australien (nach Redaktionsschluß) zum ersten Mal präsentieren und dort auch erläutern, wie sie ihr mutiges Projekt finanzieren.Herzstück und tragendes Element der drei Modelle wird der von Paul Hallam entworfene wassergekühlte 90-Grad-V-Twin. Einen Rahmen im herkömmlichen Sinn gibt es nicht, am vorderen Zylinder ist die Aufnahme für den Lenkkopf verschraubt, die Schwinge lagert im Motorgehäuse. Sitzbank und andere Bauteile nehmen diverse Alu-Platten auf, die ebenfalls mit dem Motor verschraubt sind.Die Kolben des BOSS Power Cruisers verdichten das Gemisch über einen Hub von 82 Millimeter auf 8,6:1, was für 108 PS am Hinterrad ausreichen soll. Die Zylinderbohrung beträgt 102,5 Millimeter und somit der Hubraum exakt 1353 cm³.Für sämtliche Motorversionen ist eine elektronische Saugrohreinspritzung vorgesehen, die Zylinder des Superbike-Motors (Seite 60 rechts) versorgen sogar zwei hintereinander angeordnete Einspritzdüsen à la Formel 1 mit Kraftstoff. Je zwei obenliegende, zahnriemengetriebene Nockenwellen betätigen die vier radial angeordneten Ventile pro Zylinder.Während Federn die Ventile im Cruiser- und im Naked-Bike-Motor schließen, soll im Sportler erstmals im Motorradbau eine pneumatische Ventilsteuerung eingesetzt werden: Ein Gaspolster unter den Tassenstößeln drückt die Ventile wieder in die Ausgangslage zurück, die Federn entfallen. Dadurch reduziert sich die oszillierende Masse des Ventiltriebs, und somit erhöht sich die kritische Drehzahl, bei der die Ventile zu flattern beginnen.Allerdings wollen die beiden australischen Idealisten nicht einfach nur dieses System aus der Formel 1 kopieren, sondern ein eigenes System mit variablem Gasdruck verwenden, um nach eigenen Aussagen den Druck und damit die Verluste bei niedrigen Drehzahlen zu verringern. Nähere Details sind bisher nicht bekannt, genausowenig über die Wirkungsweise eines mechanischen Dämpfers im Motor, in den Öl gepumpt wird, um Vibrationen zu minimieren.Mit diesem Öldruck läßt sich laut Hunwick und Hallam dann auch gleich noch die elektrohydraulisch betätigte Halbautomatk betreiben, so daß der Fahrer per Knopfdruck in die nächst höhere oder nächst niedrigere Gangstufe wechseln kann. Eine Vollautomatik ist freilich auch in Vorbereitung.Bleibt zu hoffen, daß sich die beiden Aussies nicht in dem vielen Gas- und Öldruck verzetteln und dabei vergessen, daß sie eigentlich Druck von Down under machen wollten.
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