Technik: Messe Mailand (Archivversion)

Mailänder Salami

Wirkliche technische Neuerungen wurden auf der Mailänder Messe allenfalls scheibchenweise serviert.

Wer in Mailand technische Innovationen erwartete, wurde enttäuscht. Die größten Neuerungen brachte noch das ungebrochene Wettrüsten der japanischen Hersteller im Segment der Big Bikes hervor. Um die Dominanz der R1 aufrecht zu erhalten, verpasste Yamaha seinem Supersportler ein Facelift. Trotz unveränderter Maximalleistung soll die verbesserte Aerodynamik der Verkleidung der R1 eine höhere Endgeschwindigkeit verschaffen. Ihr bisher stärkster Herausforderer, die Kawasaki ZX-9R, musste da schon wesentlich tiefgreifendere Modifikationen über sich ergehen lassen. Mittels geänderter Brennräume mit höherer Verdichtung, neuer Vergaser, modifizierter Steuerzeiten sowie Einlasskanäle versprechen die Ingenieure eine höhere Leistung über den gesamten Drehzahlbereich und eine um drei auf 146 PS gesteigerte Maximalleistung. Auch das Fahrwerk erfuhr eine gründliche Überarbeitung. Ein steiferer Rahmen mit neuer Fahrwerksgeometrie soll das Fahrverhalten weiter verbessern. All diese Bemühungen stellt Honda mit der neuen Fireblade klar in den Schatten. Die CBR 900 RR übertrifft mit 152 PS aus 929 cm³ die Konkurrenz nicht nur in der Leistung, sondern setzt mit einem Gewicht von 170 Kilogramm trocken – das bedeutet fahrfertig deutlich unter 200 Kilogramm - neue Akzente. Neben dem komplett neu konstruierten Triebwerk mit Einspritzanlage hilft eine Klappe in der Airbox, abhängig vom Betriebszustand Drehmoment und Leistung über den gesamten Drehzahlbereich zu optimieren. Die gleiche Aufgabe soll eine Walze im Sammler der Auspuffanlage –Yamaha lässt grüßen - erfüllen. Das Resultat: 164 PS pro Liter Hubraum markieren die eindeutige Spitze in der Klasse über 750 cm³.Neben dem neuen Motor realisierte Honda das niedrige Gewicht vor allem durch ein komplett neues Chassis. Auffälligstes Merkmal: Die Profile des Brückenrahmens führen nicht bis zur Schwingenlagerung, sondern enden über dem Getriebe. Das Motorgehäuse und ein Hilfsrahmen, ebenfalls mit dem Motor verschraubt, bilden die Lagerung der massiven Schwinge. Alles in allem ein Motorrad, das zumindest der Papierform nach Maßstäbe setzt und beweist, dass solche Superlative mit einem umweltfreundlichen geregelten Katalysator zu erreichen sind. Maßstäbe setzte Honda in Mailand aber noch auf einem anderen Gebiet. Die Japaner präsentierten eine großvolumige einzylindrige Sportenduro und damit eine Neuheit in einem Segment, in dem lange Stagnation herrschte. Die XR 650 R mit neuem, 61 PS starken Motor und Alu-Rahmen, der das Trockengewicht auf 122 Kilogramm senkt, zeigt die Möglichkeiten von einem sportlichen Single auf. Und das, obwohl der wassergekühlte ohc-Motor konzeptionell nicht mit den modernen Konstruktionen der Konkurrenz mithält. Doch selbst wenn eine gesetzeskonforme Variante nur zirka 55 PS leisten soll, schlägt die XR mit rund 140 Kilogramm vollgetankt bei einem Leistungsgewicht von 2,5 kg/PS selbst etablierte Hardenduros. Und jetzt die gute Nachricht für diejenigen, die schon ganz heiß sind: Honda Deutschland wird die XR ab nächstem Frühjahr importieren.Technisch eher fraglich sind dagegen die Bemühungen von Benelli. Da ist zum Beispiel der kompakte Dreizylinder, der mit seiner eigenartigen Zündfolge – alle drei Zylinder zünden innerhalb einer Kurbelwellenumdrehung - eine eher geringe Laufkultur bieten dürfte. Zudem erscheint die vieldiskutierte Kühleranordnung wenig logisch. Der Kühllufteintritt sitzt über dem Hinterrad, wo so gut wie keine Anströmung, sondern allenfalls Turbulenzen herrschen. Die Durchströmung müssen allein die beiden Lüfter im Heck übernehmen. Doch auch die Hersteller rund ums Motorrad zeigten in Mailand wenig Sensationelles. Ausnahme ist vielleicht der Bremsenhersteller Braking, der eine innenumfassende Scheibenbremse präsentierte. Vorteil: Der beachtliche Bremsscheiben-Durchmesser von 420 Millimeter steigert bei vergleichbaren geometrischen Verhältnissen das Bremsmoment gegenüber aktuellen Bremsanlagen von Supersportlern um zirka 30 Prozent. Ob sinnvoll oder Showeffekt, können jedoch erst Praxistests klären.Definitiv klären, ob die Hersteller tatsächliche keine technische Finessen für 2000 haben, wird sich auf dem Pariser Salon. Vielleicht wird ja dort noch die eine oder andere Delikatesse serviert.
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