Technik: MuZ-Zweizylinder (Archivversion)

Hoffnungsträger

Bislang zählten zur MuZ-Modellpalette nur Einzylinder-Maschinen. Jetzt wollen die Sachsen ihr Angebot erweitern. In die Neuentwicklung eines Zweizylinders mit 750 cm³ setzen sie ihre ganzen Hoffnungen für die Zukunft.

Die Marketingleute im sächsischen Hohndorf sind sich durchaus im Klaren, dass ihr Modellprogramm derzeit wenig attraktiv und zudem mehr als lückenhaft ist. Das spiegelt sich mehr als deutlich in der Zurückhaltung der Käufer wider, die laut Kraftfahrtbundesamt im ersten Halbjahr 1999 gerade einmal 356 Einheiten der Modellreihen Skorpion beziehungsweise Mastiff und Baghira orderten. Die erste Lücke soll die neue 125er schließen, die Ende des Jahres auf den Markt kommt. Weit wichtiger ist aber die Entwicklung einer Modellreihe im gehobenen Segment, die nicht nur profitabel sein muss, sondern der Marke auch ein neues Image verleihen soll. Die meisten Chanchen rechnet sich MuZ in der hart umkämpften Klasse von 600 bis 750 cm³ aus. Doch Eigenentwicklungen sind heutzutage exorbitant teuer. Die logische Konsequenz war also, auf Partnersuche zu gehen. Nach zahlreichen Kontakten mit Konstruktionsbüros und Motorenherstellern wurde MuZ schließlich in der Schweiz fündig: Die Wenko Swissauto AG plante mit der deutschen Firma Weber, Lieferant von Motorenkomponenten für die Automobilindustrie, die Entwicklung eines 750er-Zweizylinders, der sich für mehrere Einsatzzwecke eignet. Das MPE (Multi Purpose Engine) genannte Triebwerk soll zukünftig nicht nur Kleinstwagen und Schneemobile antreiben, sondern neben weiteren mobilen Verwendungszwecken auch als Stationärmotor fungieren. Ein Projekt, das bei den hohen geplanten Stückzahlen eine schnelle Amortisierung der Kosten in Aussicht stellt und somit ideal war für die sächsischen Zweiradbauer. Aufgrund dieser Kooperation kam es auch zum 500er-Grand Prix-Engagement von MuZ. Die MuZ- Weber basiert auf der Elf 500, die Swissauto1995 aus der Taufe gehoben hatte. MuZ einigte sich mit Wenko und Weber über die Entwicklung eines Zweiradtriebwerks, das sich vom Grundmotor in einigen Punkten ganz wesentlich unterscheidet. Der Motorradmotor erfordert ein komplett neues Gehäuseunterteil, welches das Getriebe integriert. Selbiges entstand in Eigenregie auf den Reißbrettern und Computern der MuZ Engineering. Selbstverständlich mussten die Konstrukteure um Projektleiter Clemens Schelhaas auch Kompromisse eingehen, denn die konsequente Auslegung japanischer Hochleistungsmotoren hat das MPE-Triebwerk aufgrund seines multifunktionalen Konzepts nicht zu bieten. Das schlägt sich bereits in der Zylinderkopfkonfiguration nieder, denn im Gegensatz zu den gängigen Zweirad-Motoren aus Fernost begnügt sich der Sachsen-Twin mit nur einer obenliegenden Nockenwelle. Die betätigt über gegabelte Kipphebel je zwei Ein- und Auslassventile pro Zylinder. Besonderheit: Der Kontakt zwischen Kipphebeln und Nockenwelle erfolgt reibungsarm über nadelgelagerte Rollen, der Ventilspielausgleich durch Shims zwischen Kipphebel und Ventil. Die Kurbelwelle treibt die Nockenwelle über eine zwischen den Zylindern platzierte Steuerkette an, welche wiederum die vor der Kurbelwelle liegende Ausgleichswelle in Rotation versetzt. Der Balancer soll die freien Massenkräfte erster Ordnung im Zaum halten, die der Gleichläufer produziert. Die um 360 Grad gekröpfte Kurbelwelle bewegt also beide Kolben über kurze, gedrungene Pleuel gleichzeitig auf und ab. Der Weg in den beschichteten Alu-Zylindern beträgt dabei 66 Millimeter und ergibt mit einer Bohrung von 85 Millimetern einen Hubraum von 749 cm³. Dem wenig sportlichen Layout gewinnt Clemens Schelhaas übrigens auch positive Seiten ab. »Immer mehr Motorradfahrer bevorzugen mittlerweile Motoren, die bereits im mittleren Drehzahlbereich ein hohes Drehmoment abgeben.« Keine Kompromisse gab es dagegen bei der Gemischaufbereitung. Alle Modelle kommen in den Genuss einer Einspritzanlage, und somit sind die Weichen für eine Schadstoffreinigung per geregeltem Katalysator gestellt. Bei der Kraftübertragung stehen die letzten Entscheidungen noch aus: Auf der Wunschliste steht eine Trockenkupplung mit ein oder zwei Scheiben und Tellerfeder. Sie baut kompakt und erfordert wegen der degressiven Kennlinie nur geringe Handkräfte. Ein Kassettengetriebe soll dann doch einen sportlichen Akzent setzen. Auf dem Prüfstand in der Schweiz durchlaufen die ersten Exemplare seit mehreren Monaten Funktionstests, sind aber vom anspruchsvollen Ziel von 95 PS noch deutlich entfernt. Einige Triebwerke sitzen auch bereits in Funktionsträgern für die Fahrerprobung. Deren Rückgrat bildet ein Brückenrahmen aus zwei Stahlrohren auf jeder Seite. Diese sind mit dem Steuerkopf und der Schwingenlagerung aus Stahlblechen verschweißt. Ein direkt angelenktes Federbein stützt die Dreiecksschwinge gegen den Rahmen ab. Die Hersteller der Federelemente - in den Versuchsträgern stecken White Power-Teile - stehen noch nicht fest. Clemens Schelhaas beteuert aber: »Es werden hochwertige europäische Komponenten zum Einsatz kommen.« Für die Markteinführung nennt MuZ-Geschäftsführer Petr Karel Korous konkrete Termine: »Ab 2000 stellen wir jedes Jahr zwei neue Modelle vor. Auf der Intermot 2000 präsentieren wir ein Sportmotorrad und ein Naked Bike, die für die Saison 2001 in den Handel kommen.« Auf die folgenden Varianten will er sich nicht festlegen. Doch könnte er sich den 57 Kilogramm schweren Twin gut in einer Enduro vorstellen. Auch Motoren mit 650 cm³ Hubraum sind angedacht. Und schließlich noch als Flagschiff eine Kompressor-Version, die mit rund 130 PS den Imageträger spielen soll. Auf die Frage nach der Klientel reagiert Petr Karel Korous im Brustton der Überzeugung: »Es gibt mehr Kunden für europäische oder gar deutsche Motorräder, als man glaubt. Das beweisen Firmen wie Triumph oder Aprilia.« Mit seiner Modelloffensive will er bis 2006 nicht nur 50 Millionen Mark in die Entwicklung neuer Motorräder investiert haben und ein komplettes Programm anbieten, sondern auch zu einem der großen Zweiradhersteller avancieren. So erfreulich so viel ungebrochener Optimismus ist, bleibt abzuwarten, inwieweit sich die ehrgeizigen Ziele in die Realität umsetzen lassen. Zu wünschen wäre es den Sachsen.
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