Test Fallert BMW R 1150 GS (Archivversion)

Quicksilber

BMW-Tuner Fallert rüstet die vermeintliche Schotterschaufel R 1150 GS zur reinrassigen Asphaltwalze um. Mit getuntem Motor, optimiertem Fahrwerk, Verkleidung und allem Pipapo.

Knapp 6000 Umdrehungen, dritter Gang, kurz den Schalthebel anticken, für einen Sekundenbruchteil taucht die Front ein, wieder Vollgas. Leise grummelnd schiebt die GS auf die nächste Kurve zu. Mit festem Griff am breiten Lenker abwinkeln und in satter Schräglage ums Eck. Typisch GS? Nicht ganz, irgendwas ist anders. Der silberne Riese braucht beim Wedeln auf der wohlbekannten Hausstrecke immer einen Tick mehr Schräglage als bekannte Serien-GS. Ursache: Im Fallert-Bike rotieren die 17-Zoll-Räder der Sport-Schwester S samt Michelin Pilot Sport in 120/70 und und 180/55 jeweils in Sonderspezifikation für Kardanmaschinen, vorn mit etwas spitzerer Kontur, hinten etwas tragfähiger ausgelegt. Damit lässt sich die mit 262 Kilogramm nicht gerade untergewichtige GS deutlich forscher umlegen als das Serienpendant mit 19 Zoll-Vorderrad und schmaleren Softenduro-Pneus – unter anderem Folge des durch den kleineren Raddurchmesser verringerten Nachlaufs. Zudem machen die filigran gezeichneten BMW-Fünfspeichen-Gussräder – Kostenpunkt inklusive Kotflügel 4270 Mark – optisch aus der pragmatisch gezeichneten Großenduro einen fast anarchistisch anmutenden Asphaltflitzer. So schummelt sich der extrabreite hintere Schlappen gerade mal so am Kardangehäuse vorbei und signalisiert Hinterherfahrern selbstbewusst ernst gemeinte Absichten auf Asphalt. Damit dem auch Taten folgen können, ersetzte BMW-Tuner Fallert die Original-Federelemente durch Öhlins-Teile, vorn und hinten jeweils in Zugstufendämpfung und Federbasis einstellbar. Letztere funktioniert hinten ebenso wie beim Serienmodell bequem per Handrad. Und dessen Bedienung lohnt sich, denn mit angehobenem Heck und angepasster Zugstufe – für Landstraßenbetrieb vorn 1 Klick auf, hinten 5 Klicks auf – fährt sich die GS deutlich frischer als zuvor. Immer noch kein leichtfüßiges Handling-Wunder, kann das Fahrwerk mit Telelever-Front und Paraleverschwinge hinten ansonsten überzeugen. Mit dem sensibel ansprechenden Öhlins-Dämpfer vorn lässt sich die konstruktive Trennung von Lenkung und Federung noch besser auskosten. Selbst fiese Unebenheiten verlieren ihren Schrecken, egal ob man sie mit Vollgas oder scharf bremsend angeht – die Frontpartie wird nie nervös und hält immer noch Reserven bereit. Beruhigende Reserven stecken auch in der am Testmotorrad montierten Bremsanlage mit 320er-Gussscheiben (Serie 305 Millimeter) und Spiegler-Vierkolbenzangen zum Preis von 3900 Mark, wobei der Unterschied zur ohnehin guten Serienbremse nicht allzu groß ausfällt. Da ist das Motortuning schon deutlicher zu spüren. Für 2920 Mark inklusive Einbau bringt Fallert den 1130-cm3-Boxer mittels etwas gekürzten Zylindern und für die erhöhte Verdichtung von 11,3:1 angepassten Kolben auf gemessene 93 PS und satte 110 Newtonmeter Drehmoment. Vor allem jenseits von 5000/min dreht der getunte Vierventil-Boxer wesentlich freudiger Richtung roter Bereich als Serien-GS. Trotzdem schützt er auch im gern genutzten Fahrbereich zwischen 3000 und 4500 Touren keine Müdigkeit vor und schüttelt wie selbstverständlich Pferdestärken und Newtonmeter satt ans Hinterrad. Das ganze übrigens ziemlich vibrationsarm und ohne Konstanfahrruckeln: brav! Die Fitness kann man an den Durchzugswerten ablesen, die trotz des als Overdrive ausgelegten sechsten Gangs ordentlich sind. Im Fünften, der ebenfalls bis zur Höchstgeschwindigkeit von 208 km/h langt, geht das nochmal deutlich flotter. Egal, ob Extremrelaxen oder Geschwindigkeitsrausch: die FM-Verkleidung (2650 Mark) gibt dem normalerweise wie ein Segel im Wind hängenden Fahrer Deckung vor den tosenden Elementen. Vorbei ist es mit den oft bemängelten Turbulenzen am Fahrerhelm, Piloten nahezu jeder Größe werden gleichmäßig angeströmt. Selbst die Beine dürfen noch an der Wirkung partizipieren, so dass zusammen mit den schützenden Zylindern fast schon Vollverkleidungs-Ambiente herrscht. Bei niedrigen Temperaturen ein echter Segen, fast so schön wie Heizgriffe, die natürlich auch an Bord sind und selbst bei klirrender Kälte längere Ausfahrten gestatten.Tankmuffel aufgepasst: Der Verbrauch von etwa sieben Litern Super bei konstant 160 km/h auf 100 Kilometer macht die GS zur ersten Wahl für zapfsäulenverächtende Autobahnreisende, denn immerhin sind 300 Kilometer ohne Stopp drin.Richtig rein haut allerdings der Preis des Testmotorrads. Angesichts von gut 17500 Mark Umbaukosten dürfte es Normalbetuchte beruhigen, das sämtliche Teile auch einzeln erhältlich sind. Also, egal ob Stadtstreicher oder Alpenglüher: Die konsequent auf asphaltöses Terrain hin getrimmte Fallert BMW R 1150 GS ist ein Spaßmacher erster Güte, ohne dass die Vernunft auf der Strecke bleibt.
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