Top-Test Yamaha FZS 1000 Fazer (Archivversion)

Vermixt noch mal

Egal, ob Klonschafe oder die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, das Experimentieren mit Erbgut ist schwer angesagt. Manchmal mit unsicherem Ausgang. Der ist bei Yamahas Familienzuwachs namens FZS 1000 Fazer nicht zu befürchten – bei diesen Eltern.

Welche Verschwendung, mögen Yamahas Strategen gedacht haben. Da hat man mit dem Fünfventil-Vierzylinder der YZF-R1 einen Hammer-Motor im Programm und klemmt ihn ausschließlich in einen vollverkleideten Stummellenker-Sportler. Dabei erfreuen Tugenden wie seidenweicher Lauf und sattes Drehmoment nicht nur Rastenschleifer, sondern auch Naked-Bike-Fans. Also raus damit aus dem Deltaboxrahmen. Und wohin damit? Klar doch, ab ins Allrounder-Konzept der FZS 600 Fazer. Besondere Merkmale: Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen, Halbverkleidung, Rohrlenker und vollwertiger Soziusplatz.Stellt sich nach erfolgter Kreuzung – wie beim biologischen Nachwuchs – die Frage: Von wem hat sie mehr? Anders ausgedrückt: Ist die 1000er-Fazer eine R1 mit Hochlenker oder eine FZS 600 mit großem Motor geworden? Wenn es wahr ist, dass die Augen einen Blick in die Seele zulassen, verspricht das diabolische Zwinkern aus der doppelscheinwerfernden Verkleidungsfront jedenfalls einen echten Heißsporn.Schluss mit Spekulationen, das Testprocedere ruft. Kurze Warmlaufphase, Choke rein und Aufbruch zur Konstantverbrauchsfahrt. Autobahn, Tempo 100, sechster Gang, 4500/min. Zeit zum Akklimatisieren, Kennenlernen. Die Fazer passt – bis auf den etwas weit abstehenden, nicht einstellbaren Kupplungshebel und den für große und kleine Leute gleichermaßen unergonomisch geformten Tank. Der Kontakt zur 21-Liter-Blechblase könnte deutlich inniger ausfallen, wenn diese im Anschluss an die Sitzbank nicht so dumm ausgebeult wäre. Ansonsten streift der Blick über schnörkellose Sachlichkeit: hoher, gekröpfter Rohrlenker, analog anzeigende Instrumente mit Tank-, dafür ohne Temperaturanzeige, Digitaluhr, zwei Tripzähler, Warnblinker.Als Lockmittel für die neugierige Gashand: roter Bereich ab 11500 Umdrehungen. Nein, den streifen wir erst später. Zuerst die Basis checken. Wie die feinen Vibrationen. Je nach Drehzahl behelligen sie Lenker, Tank oder Fußrasten. Und das, obwohl nicht nur die vordere Motoraufnahme, sondern auch Fußrastenplatte und Klemmfäuste der Lenkeraufnahmen dick in Gummi gepackt sind. An der gegenüber dem R1-Aggregat um zehn Prozent schwereren Kurbelwelle kann’s eigentlich nicht liegen. Überhaupt musste der ursprünglich wollüstig Leistung speiende YZF-R1-Motor allerhand charakterbildende Maßnahmen über sich ergehen lassen. Dazu zählen ein neuer Zylinderkopf mit horizontal montierten 37er-Vergasern statt der 40er-Fallstrombatterie, eine geänderte Kupplung mit etwas kleineren, dafür je einer zusätzlichen Reib- und Stahlscheibe sowie eine neue Edelstahlauspuffanlage, die weiterhin mit der Exup-Auslasssteuerung aufwartet.Und? Ist aus dem ehemaligen Power-Sportler etwa ein kastrierter, asthmatischer Pantoffel-Schlaffi geworden? Nachdem die Verbrauchswerte für Tempo 100 und 160 im Sack sind, recht sparsame 4,8 respektive 6,5 Liter Normal auf 100 Kilometer, bekommt das Kraftpaket endlich ungeniert Vollgas spendiert. Und lässt sich’s schmecken! Nachdrücklich stürmt die vollgetankt immerhin 233 Kilogramm schwere Fazer los, kurz schnuppert der vordere Metzeler ME Z4 Frühlingsluft, titscht auf – Kickback ist kein Thema –, um im zweiten Gang das wilde Spiel fortzusetzen. Im Dritten gibt sich das Vorderrad der Gravitation endgültig geschlagen, nach gut neuneinhalb Sekunden ist die 200er-Marke passiert, am Ende der Beschleunigungsorgie teilt die schlanke 1000er die Luftmassen mit Tempo 251. Selbst bei derart unchristlichen Geschwindigkeiten brennt die Fazer nahezu ungerührt geradeaus. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sich der Pilot wegen der relativ weit vorn angebrachten Fußrasten am Lenker gegen den Fahrtwind abstützen muss und dabei ständig etwas Unruhe verursacht. Schon bei moderaten Tempi ist es nämlich mit der Schutzwirkung der kleinen Frontscheibe nicht weit her, und im Zusammenspiel mit der aufrechten Sitzposition genügt bereits die Wirbelschleppe eines Kleinwagens, um über den Oberkörper Bewegung ins Fahrwerk einzuleiten. Wie gesagt, lang gezogene Autobahnkurven mit Bodenwellen, in denen der Lenker manch eines Supersportlers lebensverneinend von Anschlag zu Anschlag peitscht, entlocken der Fazer-Front nur ein kurzes Zucken. Brückenabsätze in satter Schräglage bei Vollgas, gern mal Anlass für feuchte Hände oder eine Extraportion Adrenalin, lassen hier selbst weniger abgebrühte Piloten kalt.Bei freier Fahrt genießen Menschen über 1,80 Meter immerhin einen windgeschützten Oberkörper mit leichtem Druck auf die Halspartie, während Kleineren eine steife Brise von der Verkleidung direkt an den Helm ballert und diesen lautstark hin und her wirbelt. Yamaha bietet daher im Zubehör drei unterschiedliche Scheiben an – vom gefärbten Streetfighter-Schildchen bis zum hohen Tourenteil. Kostenpunkt jeweils um 160 Mark. Außerdem gibt’s neben einer Bugverkleidung und Sturzpads auch noch diverse Karbonteile zum Nachrüsten.Bereits ab Werk bringt die Fazer zwei kommode Sitzplätze mit, die zünftige Tagesetappen schmerzfrei gestalten. Test-Sozia Steffi, 1,80 Meter groß, war jedenfalls mit der gebotenen Ergonomie und dem Sitzpolster zufrieden – von der möglichen Beschleunigung sogar hellauf begeistert. Kritik gab’s lediglich für den nach vorn abfallenden Tank, der das Abstützen beim Bremsen zum Kraftakt macht. Durchhalten heißt die Devise, denn Zwangspausen zum Spritbunkern liegen bei bei einem Landstraßenverbrauch von 5,2 Litern nur etwa alle 400 Kilometer an. Nach zirka 330 Kilometern glimmt die Reserveleuchte, gut 70 Kilometer später ist endgültig Ebbe. Leider hat Yamaha bei der Fazer auf den automatisch umschaltenden Extrakilometerzähler für die Reservestrecke verzichtet – dieses Feature ist den R-Modellen vorbehalten.Faustdick hinter den Ohren hat es die Kombination aus drehmomentstarkem Motor und relativ kurz übersetztem sechsten Gang. Der ist als echter Fahrgang ausgelegt, so dass man auf der Landstraße hin und wieder die siebte Fahrstufe in der leise, knackig und leicht zu schaltenden Gangbox sucht. Im Gegenzug managt die Yamaha fast alles im Sechsten. Ab 1500 Umdrehungen schiebt der Vierzylinder ohne Murren voran – am Ortsausgang genügt ein zarter Dreh am Gasgriff, und die Fazer beamt sich ratzfatz auf Reisegeschwindigkeit. Top-Durchzugswerte bestätigen diesen Eindruck. Und doch säuselt das Aggregat so leise und so unspektakulär vor sich hin, dass man ihm die gemessenen 137 PS sowie 105 Newtonmeter Drehmoment kaum zutraut.Gut, dass sich Fazer-Treiber angesichts der unauffällig dargebotenen Maxipower beim Landstreichen aufs Fahrwerk verlassen können. Im kurvigen Revier der Bundes-, Kreis- und Landesstraßen punktet die über einen weiten Bereich voll einstellbare konventionelle Telegabel. Sensibel ansprechend, bringt sie genügend Reserven für Manöver aller Art mit. Als Störenfried in der innigen Beziehung zum Asphalt erweisen sich die in Gummi gepackten Klemmfäuste des Lenkers. Es gilt immer erst einen gewissen Leerweg zu überwinden, bevor das Vorderrad den gewünschten Kurs einschlägt. Irgendwie indifferent und brillanter Zielgenauigkeit abträglich. Vor allem in mittelschnellen Kurven nervt der ständige Zwang zu Korrekturen. Ungemach droht bisweilen auch von achtern, denn sowohl Federhärte als auch Druckstufendämpfung der Hinterhand sind nicht sonderlich hoch ausgefallen. Im Solobetrieb geht das gut und gern als komfortable Abstimmung durch, bei ambitionierter Fahrweise wird die Hinterradfederung trotz geschlossener Druckstufe und maximal angehobenen Hecks auf welligem Geläuf weich, besonders beim Zweipersoneneinsatz. Wenn die Fazer mit Schmackes um die Ecke gedroschen wird, melden sich zudem aufsetzende Fußrasten, bei ganz wildem Treiben Hauptständer und Schalldämpfer funkensprühend zu Wort.Und das, obwohl die Erstbereifung Metzeler ME Z4 in »Y«-Spezifikation sicherlich stärker Richtung Lenkstabilität und Komfort als auf maximale Haftung getrimmt ist. Kickback-Tendenzen werden im Keim erstickt, allerdings auf Kosten einer gewissen Trägheit um die Vorderhand. Ansatzloses Abwinkeln auf Messers Schneide ist nicht die Domäne der Fazer, obwohl sie sich vor allem bei niedrigem Tempo handlich gibt. Enge Radien liegen der 1000er. Egal, ob bergab oder bergauf, mit der Fazer lässt sich herrlich in Spitzkehren reinhalten. Anders als bei schnelleren Ecken geht es hier auch aufgrund der geringen Lastwechsel korrekturenfrei ab. Selbst beim gaaaaanz späten Reinbremsen in die Kurve ist lästiges Aufstellen kein Thema.Wohl aber die Bremsen selbst. Und was für eins! Herrlich, wie vorbildlich in Dosierbarkeit und Wirkung die einteiligen Ex-R1-Zangen vorn und hinten zusammen mit den 298er-Scheiben im Vorder- und der auf 267 Millimeter vergrößerten Scheibe im Hinterrad zur Sache gehen. Anfänger schützt die Anlage vorm Überbremsen, während Fortgeschrittenen speziell der hintere Stopper – allzu oft Stiefkind der Konstrukteure – richtig Laune macht. So erleichtert kontrollierbares Bremsen mit dem Hinterrad flottes Einlenken. Vorsicht ist nur Nächtens in Linkskurven geboten. Da taucht das Abblendlicht nämlich harsch ab. Sonst aber bringt das Fazer’sche-Freiflächen-Duo ordentlich Licht ins Dunkel – gleichmäßig und mit sauberer Streuung.Ebenfalls nicht mehr im Dunkeln liegt nunmehr der Charakter der FZS 1000: Sie ist in der Summe ihrer Eigenschaften deutlich mehr Fazer als R1, wobei Yamaha bei ihr wieder den Katalysator vergessen hat. Bleibt abzuwarten, wie sich der mit 21500 Mark recht teuer geratene Typenmix gegen die Konkurrenz behauptet.
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