Vergleich Valentino Rossi/Stefan Everts (Archivversion)

Chef-Sache

Wer im Motorradsport nach vorn will, muss an ihnen vorbei. MotoGP-Überflieger Valentino Rossi und Motocross-Rekordweltmeister Stefan Everts beherrschen seit Jahren ihre Disziplin. Doch so ähnlich ihre Karrieren verlaufen, so verschieden sind die Charaktere der beiden.

Die Eins – beide hätten sie allen Grund, diese Nummer zu tragen. Doch sie tun es nicht. Die Eins, die überlassen die beiden denen, die damit
demonstrieren wollen: Ich bin der Boss. Valentino und Stefan können darauf längst verzichten. Denn die wirklichen Chefsessel im Motorradsport werden längst anders nummeriert: 46 und 72,
das sind die Ziffern, mit denen heute der Erfolg verknüpft wird. 46 für Valentino Rossi, 72 für Stefan Everts.
Diese beiden Nummern, diese beiden Namen, sie stehen für den Motorradsport unserer Zeit. Jeder für seine Disziplin. Rossi: 64 Grand-Prix-Siege, zweitjüngster 125er-Weltmeister und jüngster 250er-Weltmeister aller Zeiten, fünf WM-Titel in drei Klassen, derzeit Tabellenführer der MotoGP-WM. Papa Graziano sei an allem schuld. An dieser 46, die er in seiner
aktiven Zeit auf seine Rennmaschinen
klebte und mit der er 1979 immerhin drei
GP-Siege holte. Everts: 78 Motocross-WM-Gesamtsiege, die Rekordzahl von sieben WM-Titeln in drei Klassen und
aktueller Leader der MX1-WM, der auf 450 cm3 Hubraum beschränkten Erstliga im Motocross. Vater Harry hat die Spur gelegt, sagt man. Nicht aber zur 72. Die deutet schlicht auf 1972, das Geburtsjahr von Stefan, hin. Daddy Everts sackte
zwischen 1975 und 1981 insgesamt vier Motocross-WM-Titel ein.
Zwei Karrieren, die erstaunliche
Ähnlichkeiten aufweisen – doch deren zentrale Figuren unterschiedlicher nicht sein könnten. Rossi, die Lichtgestalt des Motorradsports. Einer, der den Erfolg
als logisches Resultat aus der Kombination seines außergewöhnlichen Talents und einer fast kindlichen Begeisterung für diesen Sport genießt. Und diesen
Enthusiasmus mit seiner Umwelt teilt. Wenn Rossi siegt, gewinnen auch die Fans. Burnouts und seine Wheelies mit übereinander gekreuzten Beinen sind
das Mindeste, was der Italiener seinen Anhängern bietet. Mit Ehrenrunden im Badestrand-Look oder Gefangenenkostüm oder mit einer aufblasbaren Sex-Puppe als Sozia sorgt der Superstar für Unterhaltung, Medieninteresse – und inszeniert nebenbei sich selbst.
Cross-Kollege Everts kennt die Leichtigkeit des Seins, zumindest was den sportlichen Bereich betrifft, nur vom Hörensagen. Denn Motocross ist ein Knochenjob, körperliche Fitness oberstes Gebot. Fünf Tage die Woche rackert der Flame dafür, zwei 40-minütige WM-Läufe körperlich durchzuhalten, trainiert nach Plan, isst nach Plan, lebt nach Plan. Motiviert von einem fast besessenen Ehrgeiz. Gleichwohl, das außergewöhnliche Talent des dreijährigen Stefan, ein Motorrad traumwandlerisch sicher am Limit zu bewegen, hatte Papa Harry schon während der ersten Runden hinter dem Haus im unweit von Aachen gelegenen, belgischen Neeroeteren entdeckt.
Ähnlich wie 1500 Kilometer weiter südlich und fünf Jahre später im Hause Rossi im Örtchen Tavullia nahe Pesaro. Gerade mal zwei war Valentino, als ihn Graziano auf einen Kindercrosser setzte – die motorsportliche Umorientierung des Herrn Junior aber nicht verhindern konnte. Die tendierte nämlich zunächst in Richtung Kart. Bis zu den ersten Rennen auf vier Rädern dauerte es freilich noch. Da war Valentino bereits zehn. Doch das Vierrad-Metier wurde dem gelernten Lehrer Graziano schnell zu teuer, und er polte Sohnemanns Karriere im Alter von zwölf auf zwei Räder um.
Hausinterne Konkurrenz vereitelte letztlich Stefan Everts’ erhofften Frühstart. Auf der Höhe der väterlichen Motocross-Erfolge mussten die ersten, recht erfolgreichen Rennversuche des Zehnjährigen hintanstehen. Erst ein Beinbruch und der damit verbundene Karriereknick des Papa schufen die Zeit, den Filius
zu den Crossstrecken zu chauffieren. Weshalb Stefan erst im vergleichsweise biblischen Alter von 15 Jahren nachhaltig ins Cross-Geschäft einsteigen konnte.
Die Erfolge stellten sich umso schneller ein. Mit 16 belgischer Juniorenmeister, mit 17 die ersten WM-Punkte, mit 18 Platz drei in der 125er-WM. Selbst Kollege Rossi brauchte anfangs etwas länger. Zwischen dem Minibike-Meistertitel mit 13 Jahren und dem ersten WM-Punkt
lagen vier Jahre. Dafür schaffte er wenig später die Sensation: Den ersten GP-
Sieg landete der 17-Jährige 1986 noch in seiner ersten WM-Saison.
Der Rest der jeweiligen Karrieren ist höchst erfolgreiche jüngere Sport-Geschichte, die beiden zu beträchtlicher Popularität verholfen hat. Everts wurde im Motocross-verrückten Belgien in den vergangenen zwei Jahren zum Sportler des Jahres gewählt und stellt damit
sogar die Radsport- und Fußball-Größen des kleinen Landes in den Schatten. Rossi gilt längst als Weltstar, der die bislang bekannten Grenzen des Motorradsports gesprengt hat. Ob der Start beim britischen Lauf zur Rallye-WM Ende 2002 oder der Test im Formel-1-Ferrari vergangenen Winter, Signor Rossi stehen alle Türen offen. Inklusive derer aller Medien-Büros, die sich nach schillernden Tausendsassas wie Rossi die Finger lecken. Die letzte Hürde in Sachen Heldenverehrung hat der 25-Jährige mit dem Wechsel vom unschlagbar geltenden Honda-Team zu Yamaha genommen. In Rekordzeit gelang es ihm, die notorisch schwächelnde Truppe auf Siegeskurs zu steuern und auf Anhieb den ersten Lauf der MotoGP-WM in dieser Saison zu gewinnen.
Ein Engagement, das ihn mit einer Gage von zehn Millionen Euro pro Jahr mittlerweile zum bestbezahlten Motorradrennfahrer der Geschichte macht. Was für Herrn Everts in den Dimensionen seiner Disziplin wohl ebenfalls gilt. Auf ein bis zwei Millionen Euro pro Jahr
wird der Offroad-Star geschätzt. Genug jedenfalls, um wie Rossi sein Heil in
der Steuerflucht zu suchen. Während der lebenslustige Twen von London »wegen der schrillen Disco-Szene und den genialen Restaurants« und sicherlich auch wegen eines moderaten persönlichen Steuersatzes begeistert ist, rackert Everts in Monaco lieber unter südlicher Sonne statt im belgischen Schmuddelwetter sein tägliches Trainingspensum runter und versucht nebenbei, mit Französisch Fremdsprache Nummer vier ins persönliche Repertoire aufzunehmen.
Sonne tankt Rossi in seiner zwei Millionen Euro teuren Ferienvilla auf Ibiza oder – immer noch am liebsten – zu
Hause in Tavullia. Der Kontakt zu den – wie bei Stefan Everts – getrennt lebenden
Eltern und zu den Freunden aus Schulzeiten gehen dem Superstar über alles. Diese Kumpels sind es auch, die in abendlicher Runde an der Bar gemeinsam mit Valentino die Verkleidungen wie auch die ständig wechselnden Spitznamen aushecken. Selbst wenn es in letzter Zeit in dieser Beziehung etwas ruhiger wurde. Bei dem Kosenamen »Doctor«, dessen Ursprung übrigens ganz profan darin liegt, dass viele italienische Ärzte auf den Allerweltsnamen Rossi hören, belässt es Musikfreak Valentino seit geraumer Zeit.
Der Kontakt der beiden Stars bleibt trotz des gleichen Arbeitgebers Yamaha nur marginal. Man kennt sich von Meisterehrungen, und man schätzt sich. Und irgendwann, so sagt man, wolle man auch mal die Maschinen tauschen – sofern der stets nach Veränderung suchende Rossi sich bis dahin überhaupt noch im Motorradsport befindet.
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