Vespa Sport (Archivversion)

Rock ’n’ Roller

Ein paar ganz Harte versuchen, das Flugtier Vespa seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen: Sie fahren Trial und heben ab.

on Haus aus ist eine PK 125 topfit für die City und gerade ausreichend kräftig für Passagen jenseits der Stadtgrenze: ein bodenständiges, wonnig-rundes Straßenkind, das sich sittsam von der hektischen Motorisierung eines SKR 125 und der röchelnden Atemnot einer PK 50 absetzt. Deshalb ahnen wohl nur wenige der vielen Tausend PK-Fahrer, zu welchem Übermut sich ihr niedlicher Untersatz bisweilen aufschwingt.In seltenen Fällen nämlich, da verliert diese Wespen-Spezies jeden Realitätsbezug. Setzt sich über ausladende Formen oder geringe Bodenfreiheit hinweg, pfeift auf schlappes Drehmoment oder zähen Leistungseinsatz - und strebt beim Trial zu Höherem. Sogar Flugeinlagen sind vorgesehen, wenn der VCVD, der Vespa Club von Deutschland, zu einem von jährlich vier DM-Läufen auf glitschigen Spuren über Stock und Stein bittet. Gewiß, die Zahl dieser Tollkühnen besorgt bislang kaum, »aber gut 60 Teilnehmer, so zwischen 14 und 56 Jahren, sortiert in A- und B-Klasse, kommen schon zusammen«, verrät Manfred Brandt, Sportkommissar beim VCVD. Vorsicht scheint also geboten, denn Trial ist eine Sucht.»Da kommst du nicht von los«, bestätigt Gerd Bücker aus Osnabrück. Der Mann muß es wissen, denn er hat schon richtige WM-Läufe organisiert. Für Jordi Tarres & Co, im Steinbruch vor der Stadt. Natürlich kennt Bücker als ehemaliger Yamaha-Händler auch jede Menge Trial-Maschinen. Aber jetzt will er davon nicht mehr viel wissen: Mittlerweile verkauft der 52jährige unten in der City ausschließlich Fahrräder und Piaggios. Aus Verbundenheit mit dieser Marke hat er vor knapp zwei Jahren sein Herz fürs Kraxeln mit dem italienischen Blechei entdeckt. Kosten- und Imagegründe gingen bei der Liebhaberei eine innige Verbindung ein. »Und außerdem«, Bücker zeigt auf sein Turngerät, »ist das hier Spaß pur.«Spaß pur sieht ein wenig verbeult aus, aber diese PK 125 hat zweifellos schon so manche Schlacht geschlagen. Blinker braucht sie dafür nicht - im Frontblech klaffen zwei rechteckige Löcher. Der Scheinwerfer fehlt sowieso, dafür zieren zwei gezackte Fußrasten das Trittblech. »Von der Yamaha TY«, erklärt der Erbauer. »Da hab’ ich auch den Sitz her.« Dann tritt er auf den ausklappbaren Kickstarter - »Das Original-Ding baut zu breit« - und läßt den Deko-Hebel flutschen. Mutig verbellt die Vespa den Berg.Einige Meter zum Warmfahren. Das blaue Wölkchen aus dem hochgelegten Polini-Auspuff verraucht, dann zuckt es fürchterlich entschlossen über Bückers Gesicht, und er visiert einen ebenso fürchterlichen Hang an. Kann er aber gar nicht ernst meinen, nein, kann er nicht. Gerd, komm zurück! Zu spät. Der erste Gang ist schon drin, locker in den Knien federnd, wagt Bücker den Aufstieg. Mit ziemlich viel Gas klappt es bis zur Hälfte wunderbar. Jetzt der Zirkel um den dicken Fels. Die Kurve kostet Schwung. Rechtsrum geht’s weiter, aber dafür braucht man Qualm. Weit über den Lenker gebeugt, die Vespa gegen den Hang gewinkelt, dreht Gerd Bücker am Quirl. Vergebens?Das erwartete Mööhh bleibt aus. Dieses gequälte bergwärts gerichtete Stöhnen, millionenfach geblökt, wenn der Bauer auf dem Heimweg auch noch den Sack Kartoffeln zugeladen hat. Oder mit der Bäuerin.... Statt dessen nach kurzem Aufstoßen ein lebendiges Määhh, die reine Angriffslust schießt dem roten Böcklein in den Antriebsstrang und schwups: Beide sind oben, die Vespa tuckert ungerührt, das Lächeln ihres Piloten erreicht triumphale Breite.Von wegen Kinderspielzeug. So ein echtes Trial-Tier hat es faustdick hinter den Blechbacken. Die fette Polini-Birne verdeckt sogar noch die eigentlich leistungsfördernden Teile. Einen 134er Zylinder beispielsweise, dessen Kolben weit höher verdichtet ist als in der Serie. Deshalb auch der Deko-Hebel. »Und dann noch Kleinkram«, druckst Gerd Bücker. Mehr verrät er nämlich nicht, »weil das sonst bald alle haben.« Und er will mehr als »nur« Zweiter werden, in der nächsten Saison.Sein Mechaniker Berno Rehse übrigens, der startet auch auf PK. »Weil deren Rahmen relativ schmal baut.« Derzeit verzichtet er noch auf edle Tuningteile. Das Durchzugsmanko müssen eben Drehzahl und flotte Fahrweise ersetzen, und fast hätte es auch geklappt mit dem Hang: Berno kreischt hinauf, dank PK 50-Endübersetzung immer am Drehzahlimit, nimmt die Kuppe gar im freien Flug. Aber als er beim Runterrauschen eine Pirouette um den Fels drehen will, da entledigen sich die Stollenreifen - Made in China - ihrer Führungsrolle. Die Wespe schlingert, der Fahrer hechtet den Hang hinab, verfolgt von seinem sich überschlagenden Gefährt. Da rächen sich der Vespa runde Formen. »Was passiert?« fragt Gerd Bücker. »Nö«, grinst der Mechanikus, »die erste Beule eben.« Berno muß sowieso bald schrauben: Weil er die B-Klasse beherrscht hat, steigt er nächstes Jahr auf. Dann tritt er gegen den Chef an - und Berno weiß ziemlich genau, was der am Motor gedreht hat.
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