Werksfahrer Bernd Eckenbach

Hunde-Schlitten

Jahrelang rackerte sich der Moto Cross-Profi Bernd Eckenbach für einen Platz an der Sonne ab. Seit der 27jährige Schwabe für die kommende Saison einen Werks-Vertrag mit Husqvarna unterschrieb, steht er nicht nur auf vierbeinige Huskies.

Lommel, Belgien. Industriegebiet. Der funktionelle Bau des Spritzgußteile-Herstellers Loomans Tooling fügt sich unauffällig in die Reihe der modernen Produktions- und Bürohallen. Nur der kleine Aufkleber »Husqvarna Racing« an der Tür zum Seiteneingang läßt die Begeisterung von Firmenchef ? für die stollengetriebene Art der Fortbewegung erahnen - und demnach für den Job seiner Obermieter. Denn direkt über dem Bürokomplex leben derzeit die offiziellen Fahrer des aktuellen Husqvarna-Werksteams: 500er Vizeweltmeister Darryll King und der WM-Neunte Bernd Eckenbach.
Oder sind es eher Radprofi Jan Ullrich und Kollegen? Bereits im Treppenhaus lehnen vier Mountain Bikes gehobener Ausstattung, in Darrylls Wohnzimmer ist ein vollgefederter Renner mit Slickreifen auf die Trainingsrolle gespannt. Ein Zimmer weiter surrt es verdächtig. Bernd strampelt auf seinem Triathlon-Rad, daß es ihm den Schweiß aus allen Poren drückt. Alltag eines Profi-Crossers - um acht Uhr morgens. Auch die Ausstattung der immerhin 60 Quadratmeter großen Ein-Zimmer-Behausung gleicht eher einem bewohnbaren Fitneß-Studio. Gymnastikmatten, noch´n Fahrrad, ein Stapel Trainingspläne auf dem Schreibtisch, Regal, Bett, ein Werbe-Aufsteller von Kinostar Demi Moore, Fernsehapparat, basta.
»Das ist der Preis, den ich für meine Chance als Werkspilot eben zahlen muß. Natürlich ist es nicht immer schön, hier oben in Belgien allein leben zu müssen, doch wenn ich Erfolg haben will, führt daran kein Weg vorbei«, zeigt sich der Modellathlet, der seine Karriere bislang vom heimischen Hildrizhausen bei Stuttgart verfolgte, opferbereit.
Schließlich bekommt der Schwabe für seine sozialen Entbehrungen auch etwas geboten. Obwohl der Crosser seit einem Jahrzehnt von verschiedenen Importeur-Teams in Deutschland bereits professionell unterstützt wurde, stößt er mit dem Husqvarna-Engagement in für ihn bislang unbekannte Dimensionen vor.
Bereits die nagelneue Werkstatt auf dem etwas außerhalb Lommels liegenden, fünf Hektar großen Landsitz von Teamchef und Ex-Weltmeister Jacky Martens macht einiges her. Muß sie auch, denn im Gegensatz zu den von den Entwicklungsabteilungen ständig mit aktuellem Material versorgten japanischen Werksteams ist Martens Teamboß und Entwicklungschef in Personalunion. Er bestimmt, worin sich die Husky-Werks-Renner von den Serienmaschinen unterscheiden, und erledigt die grundlegenden Fahrtests auch noch gleich mit. Allein drei Monate tüftelte der schlacksige Flame gemeinsam mit italienischen Technikern an der Abstimmung des neuen Federbeins von Sachs-Boge herum. Wenigstens erleichert die Lage der Teststrecke die Arbeit: Auf die einen Kilometer entfernte WM-Piste von Lommel donnert Martens meist per Achse.
»Jacky baut uns die Teile nur noch zur Feinabstimmung ein. Die ganze Vorarbeit nimmt er uns ab. Das erspart Darryll und mir mühseliges Testen«, profitiert Bernd von der Erfahrung und der Schaffenskraft seines Chefs. Und zum Testen gibt´s wahrlich genug. Rahmen, Auspuffanlage, Motor, Federbein und die brandneue Upside-down-Gabel von Marzocchi müssen für das D-Zug-Tempo der WM-Fahrer adaptiert werden. Für die Änderungen spannt Martens mehr als ein Dutzend Fräsereien, Drehereien und Schweißbetriebe in der Umgebung Lommels ein. Erst wenn alle Modifikationen von Chef und Fahrern für gut befunden werden, geht der Auftrag zu Husqvarna ins italienische Varese, die entsprechenden Teile für die insgesamt sechs Werksmaschinen für King, Eckenbach und Support-Fahrer Johan Boonen zu fertigen.
Wobei Bernd mittlerweile nicht nur durch die besseren Entwicklungsmöglichkeiten den Unterschied zwischen seinem ehemaligen Importeursfahrer- und dem aktuellen Werksfahrer-Dasein spürt. Blieben die Bestückung und Pflege des Renntransporters, der Werkstatt und fast alle organisatorischen Aufgaben all die Jahre immer noch sein Nebenjob, darf er nun im Gentleman-Stil agieren. Mechaniker Massimo zeichnet für alles verantwortlich, was sich nicht direkt auf der Piste abspielt - von der Stiefelwäsche bis zum Einrollen des Vorzelts.
Nur manchmal bricht der schwäbische Schaffer in ihm wieder durch. Dann, wenn er es »wirklich nicht mehr mitansehen kann, wie Massimo Tag und Nacht schuftet« und Bernd den Abend statt als TV-Konsument als Handlanger seines Schraubers in der Werkstatt verbringt. Denn daß ein kräftiger Schuß Eigeninitiative durchaus geradewegs in die vordersten Regionen der Halbliter-Moto Cross-WM führen kann, das hat Bernd ganz sicher nicht erst von Teamchef Jacky Martens lernen müssen.
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