100 Jahre MOTORRAD: Namen für Motorräder und Menschen (Archivversion)

100 Jahre - 100 Namen, Amen

Als MOTORRAD 1903 gegründet wurde, hießen die meisten Jungen Karl, die meisten Mädchen Gertrud. Doch was sind schon Namen? Schall und Rauch. Aber darauf kommt’s doch an. Beim Motorrad jedenfalls.

Die Zeiten ändern sich. Karl, althochdeutsch für der Freie nämlich, und Gertrud, die Speergewaltige eben, sind längst aus den Charts verschwunden. Den Charts der beliebtesten Namen. Da regieren heute Leon, spanisch für der Löwe, und Lea, hebräisch die Ermüdete. Selbst Motorräder hießen früher anders. Mussten sie auch. Weil’s allein in Deutschland, in den fürs Motorrad ebenfalls goldenen zwanziger Jahren, mal weit über 400 Hersteller gab. Die hatten deshalb ein Problem: Wie tauf’ ich bloß mein liebstes Kind? Worauf ihnen Namen eingefallen sind. Markennamen wie Abendsonne, Engel, Forelle, Centaur, Cyclop, Elfe, Adria, Achilles und Gnom. Markennamen wie Gnädig, Golem, Hanfland, Mühlenhaus, Troll und Snob. Doch halt, einer passt da nicht rein: Mühlenhaus, bekannt für seine Bratpfannen, Fleischwölfe, Bügeleisen und seit hun-dert Jahren für seine Motorräder. Die stammen nämlich aus Schweden, wo Mühlenhaus Husqvarna heißt. Auch wenn die casa del mulino jetzt aus Italien kommen, immerhin, es gibt sie noch. Zwerg, Klotz, Hexe, Hirsch, Perplex und Kondor machten dagegen recht schnell wieder den Abgang. Genau wie Tarzan. Tarzan-Motorräder zumindest, die in München nur ein Jahr lang zusammengesteckt wurden, 1925, als Johnny Weißmüller noch im 50-Meter-Becken und nicht, wie später, Jane und Cheetah kraulte. Auf der Leinwand, im Hollywoodstreifen. Der heuer ebenfalls hundert wird. Den Startschuss gab die amerikanische Outlaw-Legende Butch Cassidy in Edwin S. Porters Zehn-Minuten-Opus »Der große Eisenbahnraub«. Mit ihrer Beute, 5000 Dollar, hätten Butch und seine Gang sich standesgemäß motorisieren können, mit einer anderen amerikanischen Outlaw-Legende, Harley-Davidson. Die es 1903 bekanntermaßen schon gab. Und heute noch gibt. Ersteres trifft übrigens auch auf Indian zu. Doch nicht nur im Western sind die Indianer die Verlierer. Harley machte sie platt, weil man es in Milwaukee besser verstand, dem American Way of Life zu folgen und sich spät, aber nicht zu spät mit der Kulturindustrie zu verbrüdern. Einem anderen Kind des Jahres 1903 war das stets zuwider: Teddy. Wobei damit nicht 55 PB (55 Zentimeter, Plüsch, beweglich) gemeint ist. Denn der verdankte seinen Erfolg sehr wohl den USA. Deren Präsident Roosevelt spendierte ihm den Namen, und ein amerikanischer Spielwarenvertreter erteilte Margarete Steiff den ersten großen Auftrag – 3000 Teddybären. Der andere Teddy von 1903 gab sich nie so kuschelig, blieb stets kritisch, theoretisch. Theodor Wiesengrund Adorno brummte nicht, wenn man ihm auf den Bauch drückte, sondern äußerte Sätze wie: »Die ungelösten Antagonismen der Realität kehren wieder in den Kunstwerken als die immanenten Probleme ihrer Form.« Könnte sogar sein, dass Willie G. Davidson diesen Satz verstanden hat. Was erklären würde, warum die V-Rod so aussieht, als gäbe es im modernen Amerika immer größere, ungelöste Probleme. Gerade das mag manchen ganz recht sein. Anderen bereitet es Kopfschmerzen, denen nicht mal mit einem Wundermittel beizukommen ist, das mittlerweile ebenfalls schon gut hundert Jahre auf dem Bayer-Kreuz hat. Aspirin. Die Arznei des Jahrhundert konnte denen zupass kommen, die sich über Adorno den Kopf zerbrachen. An der Universität. Der das Jahr 1903 gleichfalls eine Neuerung beschert. In Bonn promovierten Frida Busch und Hermine Edenhuizen als erste Frauen in Deutschland zum Doktor der Medizin, pardon, zur Doktorin. Sie taten’s, so viel ist gewiss, noch ohne Büstenhalter. Denn dessen Prototypen schnürte Mary Jacobs erst 1914 aus zwei Taschentüchern und einem Band zusammen. Der erste Prototyp von Puch war da schon elf Jahre alt. Doch während man sich bei Puch nach einigen Durchhängern nur um Kleinvolumiges kümmert, nimmt es der BH mit immer größeren Herausforderungen auf. Anders als der VfB Leipzig, zwischenzeitlich Lok Leipzig. Ach apropos Lok, die Transibirische Eisenbahn ruckelt und zuckelt nun auch schon seit hundert Jahren durch die Taiga, auf breiter Spur. Eher schmalspurig kickt sich der VfB derzeit durch die Oberliga, vierte Klasse. Und das, obwohl doch Leipzig die erste deutsche Fußballmeisterschaft gewann, 1903 versteht sich. Gegen Prag, versteht sich heute gar nicht mehr. Wie der Umstand, dass der ADAC einst als Motorradfahrer-Verband begonnen hat: »In Anbetracht der Thatsache, dass es notwendig ist, die Vorurteile und Hindernisse, welche vielerseits wie allem Neuen so auch dem Motorrade entgegengebracht werden, zu bekämpfen«, gründeten am 24. Mai 1903 25 begeisterte Motocyclisten die »Deutsche Motorradfahrervereinigung«. Zur selben Zeit hielt Orville Wright in North Carolina sein Motorflugzeug 70 Meter lang in der Luft. Maurice Garin hatte ein paar Meter mehr abzustrampeln, als Sieger der ersten Tour der France.Abstrampeln musste sich auch die deutsche Motorradindustrie. Denn nach deren hurtigem Aufstieg, als jeder bessere Schmied in seiner Werkstatt ein motorisiertes Zweirad fabrizierte, folgte ein ebenso rascher Niedergang, dem Marken zum Opfer fielen wie Propul, Voran, Robako, Schmidt, Kadi, Wimmer, Vis,Kobolt, Erka, Ergo, Oda, Wiga, Liliput, Bodo, Bubi, Wotan, Eisenhammer, Elster, Dümo, Fex und Fifi. Das viel gepriesene Wirtschaftswunder brachte dann das zweite große Motorradsterben in Deutschland. Hoffmann ging 1954 kaputt, Tornax 1955, Adler und Triumph 1957, Ardie und Express 1958, Horex, Victoria und Dürkopp 1959, U.T. 1960. Den Rest, Hercules, Zündapp, Kreidler, Maico, DKW, NSU, erledigten dann die Japaner. Mit famoser Technik, immensen Stückzahlen, attraktiven Preisen. Die sind mittlerweile so etabliert, dass sie es sich sogar leisten können, ihren Motorradmodellen dämliche Namen zu verpassen: Dominator, Deauville, Black Widow, Fireblade, Fire Storm, Blackbird, Varadero, Ninja, Twister, Drifter, Mean Streak, Bandit, Freewind, Marauder, Intruder Volusia, Hayabusa, V-Strom, Bulldog, Virago, Fazer, Wild Star, Road Star Warrior. Aber ist ja auch egal, Hauptsache die Kisten haben Dampf und ordentlich Sound. Schall und Rauch eben.
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