250er Moto Cross-WM-Finale (Archivversion)

Hoffnungslauf

Das Prinzip Hoffnung galt für Pit Beirer beim 250er-Endlauf im amerikanischen Budds Creek, wo er noch eine klitzekleine Chance auf den Titel hatte.

Wäre Pit Beirer ein Boxer, Teamchef Jan de Groot hätte schon vorsichtshalber zum Handtuch gegriffen. Denn der Haken, den WM-Kontrahent Frédéric Bolley in Gaildorf beim vorletzten WM-Lauf platzierte, hatte mit voller Wucht getroffen. Sturz am Start, danach eine defekte Hinterradbremse – null Punkte im ersten Lauf für Beirer, Sieg dagegen für Bolley. Im zweiten Heat gab’s Rang vier direkt hinter Bolley. Aus mit der WM-Führung. 19 Punkte Rückstand nach acht Grand Prix als Tabellenführer. Angezählt, wie Boxer sagen. Aber noch nicht k.o.Ein Fünkchen Hoffnung glimmte noch im dunklen Sand des Potomac Speedway im US-Bundesstaat Maryland, kaum fünfzig Kilometer südöstlich der Metropole Washington. Nur ein schwaches Fünkchen, aber immerhin. Letztlich hätte ein Sturz oder ein Ausfall von Bolley dem jungen Mann aus Ludwigshafen am Bodensee immer noch die historische Chance bieten können, als erster Westdeutscher den WM-Titel in einer Moto Cross-Soloklasse zu ergattern.Und doch sollte das entscheidende Duell im Ring trotz aller Wichtigkeit beileibe nicht die einzige offene Rechnung sein, die es galt, dieses Wochenende zu begleichen. »Anyone but Everts«, jeder außer Everts, prangte dem vierfachen Weltmeister Stefan Everts schon am Trainingstag auf den Bannern am Streckenrand entgegen. Aufgepinselt als Reaktion der nationalbewussten US-Fans auf Everts’ unpopuläre Äußerung über das Engagement der international hochgeschätzten US-Moto Cross-Top-Liga in Sachen Heim-GP. »Die Jungs sind allesamt Feiglinge, sonst würden sie sich in ihrem eigenen Land mit uns WM-Fahrern messen«, sagte der vierfache Weltmeister und ließ den verbalen Fehdehandschuh via Presse und Internet der potentiellen Gegnerschaft hinwerfen. Wenigstens mit einem Teilerfolg. Von den gerade mal fünf der besten 50 US-Cracks, die sich in Maryland überhaupt blicken ließen, kam wenigstens ein Einziger nur zur Genugtuung in den Osten – Kevin Windham. Der 21-jährige Outdoor-Vizemeister aus Louisiana ließ sich zur unüberhörbaren Freude aller einheimischen Off Road-Freaks kurz vor Toresschluss in den Ring schicken, nur um dem aufmüpfigen Belgier das frechen Mundwerk zu stopfen.Was auch Sébastien Tortelli gern getan hätte. Der noch amtierende Weltmeister nutzte die Gunst der Stunde, um – nach seinem aktuellen Exkurs in die USA – ein erstes und letztes Mal die Startnummer eins in der 250er-WM zur Schau zu tragen. Allerdings bremste den 21-jährigen Franzosen aus der Gascogne eine Verletzung ein. Der Honda-Werkspilot hatte die US-Meisterschaft – wohlgemerkt in Führung liegend – nach einer Verletzung am Handgelenk kampflos aufgeben müssen. Und ein standesgemäßes Comeback im Kreis seiner ehemaligen Kollegen hätte dem extrem ehrgeizigen Wahl-Amerikaner sicherlich zusätzlichen Kredit beim gegenüber Nicht-Amerikanern ohnehin äußerst skeptischen heimischen Publikum eingebracht.Den Ex-Weltmeister Greg Albertyn nach fünf Jahren im US-Exil endlich genießen darf. Der frisch vermählte Südafrikaner hatte sich erst eine Woche vor dem WM-Finale beim letzten Lauf zur US-Moto Cross-Meisterschaft seinen lang ersehnten Meistertitel gesichert und strahlte während des gesamten Wochenendes wie das vielbeschriebene Honigkuchenpferd. Was den frommen Sonnyboy allerdings nicht von bösen Erinnerungen befreite. Buhmann Everts hatte Albertyn vor fünf Jahren in dessen letzter Saison in Europa auf der Piste derart zugesetzt, dass der Blondschopf aus Südafrika nur mit Mühe seinen WM-Titel in körperlich unversehrtem Zustand einfahren konnte.Was Fred Bolley und besonders Herrn Beirer letztlich herzlich wenig interessierte. Doch – es sei vorweggenommen – Pit Beirers Übersee-Auftritt stand unter keinem guten Stern. Nach Platz vier im ersten Lauf spielte der 26-Jährige im zweiten Heat selbst Schicksal. Ein katastrophaler Start verbannte den Deutschen rundenlang ins hintere Drittel des Felds, während Bolley quasi auf Zehenspitzen Rang zehn und damit den Titel einfuhr.Wobei sich der frisch gebackene Weltmeister – zum Trost für Pit – kaum einen schlechteren Platz für die Titelparty hätte aussuchen können. Weil Albertyn zumindest in zweiten Lauf und Windham in der Tageswertung Stefan Everts den Schneid abkauften, ähnelte Bolleys Ehrenrunde inmitten des überschwänglichen nationalen Glücksgefühls der 5000 amerikanischen Fans eher einer Auslaufrunde beim Feld-, Wald- und Wiesencross. Außer Teamchef, Mechaniker und ein paar Freunden nahm kaum jemand Notiz vom neu gebackenen Champion aus Frankreich. Das Desinteresse des US-Publikums an dem von Europäern bestimmten GP-Geschehen verwunderte Promoter John Beasley nicht. Der 40-jährige Besitzer des Rennsport-Komplexes mit Moto Cross-, BMX-, Stock Car- und Dragster-Piste veranstaltete den WM-Lauf in Budds Creek nur, um sich für das Moto Cross der Nationen 2003 zu empfehlen. Und dieser Wettbewerb, den die US-Boys jahrelang dominierten, interessiert die Fans mehr. Insofern darf sich Pit Beirer seinen ersten Titel ruhig für nächstes Jahr aufsparen. Denn dann wird das 250er-WM-Finale mit sicherlich über 30 000 Fans in Luxemburg stattfinden.
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