Behinderte Motorradfahrer (Archivversion)

Wo ein Wille ist...

Körperbehinderte sitzen im Rollstuhl, so das landläufige Bild. Aber Motorradfahren? Na klar. Und die meisten rollen nicht nur mal eben um den Block.

»Sei am Anfang etwas vorsichtig, die neuen XV-Motoren verschlucken sich leicht, bis sie richtig warmgefahren sind.« Yamaha-Händler Seiwert meint es gut mit dem in Leder gedressten David Ward, der gerade seine nagelneue XV 535 in Empfang nimmt. Ein paar Kunden beobachten die Szene. Ganz normal sehen auf den ersten Blick Mann und Maschine aus. Erst als David mit der linken Hand am Gasgriff dreht und noch dazu in umgekehrter Richtung, während seine handschuhlose Rechte leblos auf dem Lenkerende ruht, schauen die Jungs ein wenig verdutzt hinter der gemächlich davonblubbernden Fuhre her. Seit dem leidigen Unfall vor drei Jahren, der zur Amputation des rechten Unterarms führte, mußte der ehemalige Versicherungskaufmann eine Menge Kämpfe mit Behörden und der Berufsgenossenschaft ausfechten. Denn er gilt mit seiner Unterarmprothese als 100 Prozent schwerbehindert, worauf ihm das Landratsamt flugs den Führerschein wegnahm. Den bekam er zwar mit einigen Auflagen versehen wieder - aber nur fürs Auto, das jetzt ein Automatikgetriebe haben muß. Aus der Traum mit Motorradfahren. David wollte schier verzweifeln, wäre da nicht seine Frau Jutta gewesen, die den Verunsicherten immer wieder aufrichtete. »Du bist früher Motorrad gefahren, also fährst du auch weiter.« Ein überzeugendes Argument. Erst mal hieß es jedoch, eine Fahrschule und vor allem eine TÜV-Prüfstelle zu finden, die seinem Klasse 1-Wunsch offen gegenüberstanden. Denn so mancher Fahrprüfer des TÜV scheut die Verantwortung, einem Behinderten die Fahrerlaubnis zu erteilen. Während die Suche im Saarland erfolglos blieb, zeigte sich der TÜV Rheinland einsichtiger und bereits erfahren in solchen Angelegenheiten. Jetzt galt es noch, ein Bike aufzutreiben. Da jede Behinderung ein individuell umgerüstetes Fahrzeug erfordert, besitzt natürlich kaum eine Fahrschule ein entsprechendes Schulungsmotorrad. Dank Willi Költgen, selbst behinderter Biker und inzwischen durch zahlreiche umgebaute Zweiräder bekannt, fand sich schließlich eine gebrauchte, bereits auf Linksbedienung umgerüstete Yamaha XV 535. Von ihm erfuhr David auch gleich noch eine geeignete Ausbildungsstätte. Költgen hat vor vier Jahren die Interessengemeinschaft behinderter Motorradfahrer ins Leben gerufen und verfügt mittlerweile über 315 Adressen betroffener Zweiradfahrer. Zweimal im Jahr treffen sich die gehandicapten Biker zum Feiern und Erfahrungsaustausch. Natürlich sind auch nichtbehinderte Motorradfahrer bei den Treffen willkommen, wenn möglich aber mit Voranmeldung. Ansonsten geht Willis Kalkulation nicht auf, der selbst fürs leibliche Wohl sorgt. Wobei der Hobbykoch in jedem Fall eine Lösung parat hat: »Wenn da statt rund 80 plötzlich 200 Leute auftauchen, müssen wir halt sämtliche Pizza-Dienste in der Umgebung alarmieren.« Schließlich hat Köntgen schon ganz andere Probleme bewältigt. Zum Beispiel zusammen mit seinem konterganschädigten Kumpel Knuffi, dem Willi vor zwei Jahren aufs Bike half. Die behördlichen Bremser überwanden die beiden gemeinsam, der Führerschein war bald gemacht. Költgen baute für Knuffi zunächst eine Honda Shadow um, heute ist der 36jährige stolzer Besitzer einer ebenfalls von Költgen modifizierten Harley. Lediglich hohe Riser am Lenker und eine pedalbetätigte Integralbremse, um die fehlende Kraft der rechten Hand auszugleichen, mußten angebaut werden. Die beiden Rheinländer machen auf sympathische Weise deutlich, daß ihr Leben nicht von Peinlichkeit und Rückzug in die Privatsphäre bestimmt wird. Da tun sich die Normalos manchmal schwerer. »Meist helfen wir den Leuten über ihre anfängliche Unsicherheit hinweg«, schildert Költgen mit verschmitztem Grinsen die Alltagssituation, »da reicht ein Scherz oder ein lockerer Spruch.« Diese lockere Haltung zeigt sich auch im Fahrstil des 38jährigen Tüftlers. So mancher unversehrte Ducati-Fahrer soll sich schon gewundert haben, wenn Költgen es mit seiner R 1100 R so richtig hat laufen lassen. Kräftig Gas gibt auch Emmerich Stenger, der sich fast jedes Wochenende auf irgendeiner Rennstrecke tummelt. Stenger, dem das linke Bein fehlt, hat vor einigen Jahren eine elektromagnetische Schaltung entwickelt, die er seither ohne Probleme bei Rundstreckenrennen einsetzt. Für knapp 3000 Mark bietet der in Frankreich lebende Rennfan seine Schalthilfe zum Kauf an, inzwischen nutzen bereits 42 Motorradfahrer in aller Welt Stengers System. Mechanisch funktioniert´s auch, sagte sich Wolfgang Reinhard, und billiger kommt es außerdem. Er arbeitet weder mit Hydraulik noch mit Pneumatik, sondern verlegt das Schaltpedal per Umlenkgestänge kurzerhand nach rechts. Der ehemalige Mitinhaber der Firma REIMO, die sich Anfang der 80er Jahre mit Suzuki-Sportumbauten einen Namen gemacht hatte, arbeitet heute hauptberuflich als Lehrer, führt aber nebenbei auf Wunsch Umbauten aller Art aus. Zehn Maschinen hat er inzwischen behinderten- und TÜV-gerecht umgerüstet, für »grob geschätzt so zwischen 1000 und 2000 Mark, je nach individuellem Aufwand«. Für Ellen Peik ist er bereits zweimal aktiv geworden. Die 30jährige trägt seit ihrem 15. Lebensjahr eine Beinprothese. Mit 16 machte sie den Führerschein Klasse 1 b und fuhr bis 1995 Roller, dank Vespa-Handschaltung kein Problem. Dann beschloß die Buchhalterin, den richtigen Motorradführerschein nachzuholen, um bei Ausfahrten mit Freunden endlich mithalten zu können. Mit Entschlossenheit und der Unterstützung ihrer Fahrschule in Ludwigsburg half sie den im Umgang mit Behinderten unbeholfenen Behörden auf die Sprünge: »Wenn die nicht wissen, welche Gutachten und Bestätigungen sie brauchen, dann kriegen sie von mir eben einfach serviert, was ich habe.« Zwei Monate später hielt Ellen ihre neue Fahrerlaubnis in der Hand. Nach rund 11000 Kilometern mit einer Honda Shadow folgte 1996 eine nagelneue Transalp, mit der sich die Unternehmungslustige unmittelbar nach Wales aufmachte. Inzwischen hat auch die »Neue« bereits 8000 Kilometer hinter sich, und in Ellens Hinterkopf gedeihen schon Pläne für eine Nachfolgerin. Eine BMW, wie die ihres Freundes, »die R 1100 GS, das wär´s«. Ellen spart bereits, und Wolfgang Reinhard sollte schon mal das Schweißgerät anwerfen. Ebenso wie Ellen Peik bestand auch David Ward den Führerschein auf Anhieb, ein Erfolgserlebnis, das ihm Mut machte. Sechs Wochen später kam neues Ungemach: Der Yamaha-Motor ging kaputt. Wieder ergriff Ehefrau Jutta die Initiative und schenkte ihrem Mann zu Weihnachten eine nagelneue XV 535 S. Ebenso glücklich wie ungeduldig suchte der Beschenkte einen Fachmann für den Umbau. Die beiden Chefs Seiwert und Wahl der Firma SEWA im benachbarten Illingen, bisher eher bekannt für leichte Supersportler, hörten sich die Umbauwünsche genau an und setzten sie zügig in die Tat um. Die Saarländer verlegten Gaszüge und Schalter nach links, frästen Halterungen,installierten ein Integralbremssystem und montierten noch einige optische Schmankerl - alles zur vollen Zufriedenheit des neuen Kunden. Die ersten Meter mit seiner Traummaschine vertreiben die Anspannung und die Nervosität, ein überglücklicher Biker braust am Ortsschild vorbei. Auf dem Rücken seiner Lederjacke steht mit Nieten »Jutta« geschrieben. David Ward bedankt sich auf seine Weise.
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