Berliner Motorrad Tage (Archivversion)

Wir sind das Volk

Wenn hinterm Ducati-Stand der reisende Händler 1a-Fransenjacken anpreist, wächst zusammen, was zusammen gehört - die Motorradszene. Frühjahrsmessen haben nun mal etwas ungemein Erhellendes. Die erste gab’s in Berlin.

Als Zimmermann hat René sich krumm geschafft. Deshalb studiert er mit seinen 36 Jährchen auf dem malträtierten Buckel spätberufen Psychologie. A la mode gewandet, das Haupt wohlrasiert, führen Selbstanalyse und Probesitzen auf 998 zur Erkenntnis, dass sein Ich zwanghaft nach Ducati giert. »Wenn die ähnlich günstige Finanzierungsangebote hätten wie die Japaner – Marktführer Suzuki wirbt mit 0,49 Prozent - würde ich sofort eine ordern.« »Berlin birgt ein Riesenpotenzial«, freut sich Thomas Bielawny vom Ducati-Außendienst. »Da ist eine Menge Geld in der Metropole.« Bei den Managern der Konzerne, die ihre Zentralen an den Potsdamer Platz hinprotzen, bei den Regierungsbeamten, die so schlecht auch nicht verdienen, und irgendwann bei all den Renés der Stadt, die eh von ‘ner Duc träumen. Höchste Zeit also für einen zur Noblesse von Marke und Kundschaft passenden Glaspalast. »Unser Ducati Store eröffnet am 9. Februar«, verkündet Bielawny stolz und grinst den ein bisschen verbiestert dreinschauenden Typen neben ihm an. »Das ist unser Herr Tiedemann.« Der bislang einzige Vertragshändler an der Spree. »Wir haben ihm den Store angeboten, aber er hat abgelehnt.« Tiedemann, Urgestein der Berliner Italo-Szene, sagt: »Das hab’ ich mir nicht getraut, ist eine Nummer zu groß für mich.« Ins Bockshorn jagen lässt er sich von der schnieken Konkurrenz freilich nicht. »Die Leistung, die man selbst bringt, entscheidet über den Erfolg.« Dass Ducati den einheimsen wird, ist für Bielawny gewiss. In Berlin - »Die Stadt verträgt sogar zwei Stores, vielleicht kommt der alte Hase Tiedemann noch auf den Geschmack« - und in der gesamten Republik. »Wir wollen acht bis zehn Stores neu eröffnen.« Angesichts der bis dato lediglich sechs importeursgesteuerten Edelläden wahrlich ein stolzes Programm. Nur ein paar Stände weiter, bei Aprilia, der von dramatischen Marktverlusten - minus 28 Prozent - gebeutelten italienischen Konkurrenz, sieht die Welt schon weniger rosig aus. »Schauen Sie sich doch mal die Arbeitslosenzahlen an.« Für Jörg Wenzel-Ockenga, Controller bei Triumph (minus eins Prozent), ist das Konjunkturglas definitiv halb voll und nicht halb leer. »Wir vertreiben hochwertige Produkte, und die sind krisenresistent.« Feingeistig parliert er über Rezession, das Paradoxon des Luxus und die neue Einarmschwinge der Daytona Centennial. Verklickert, dass Triumph-Fahren mit den Niederungen der wirtschaftlichen Entwicklung nichts, aber auch gar nichts zu tun habe. Wenn Bielawny von Ducati nicht nur den Wirtschaftsteil, sondern, wie Wenzel-Ockenga, auch das Feuilleton der FAZ studieren würde, hätte er seinen störrischen Tiedemann mit solch euphorischen Elogen sicher schon längst zum Abenteuer Zweitstore bekehrt. Aber was liest man eigentlich bei Aprilia?Messen fungieren als Barometer der Branche. Und das steht bei den Berliner Motorrad Tagen nicht auf Tief. Simpelstes Indiz dafür: die Zahl der Besucher. Genau so viele wie im Vorjahr. Knapp 80 000. Obwohl die Hallen unter Funkturm heuer nur für drei Tage geöffnet haben, 2001 waren’s noch deren vier. Und auch das Publikum am MOTORRAD-Stand lässt sich von den ein paar Tagen zuvor veröffentlichten Konjunkturdaten nicht verunsichern. Motto der meisten Besucher: Wir machen weiter wie bisher.Kieken wollen die Berliner, drängeln sich dort, wo es was Neues gibt. Da besteigt der Vizepräsident des alteingesessenen MC Born to Be Wild Harleys V-Rod und seufzt: »Nicht mein Ding, sieht aus wie ein Japaner, interessant macht die Maschine nur, dass sie von Harley ist.« Mit dem Verdikt des bekutteten Traditionalisten kann Beatrix von Classic Bike, der hauptstädtischen Harley-Vertretung, prima leben. »Wir habe schon etliche Vorbestellungen.« Von Leuten, die das Motorrad nur aus Zeitschriften kennen. 1800 sind’s bereits bundesweit, die 20 000 Euro fürs unbesehene Eisen auf den Tisch ihres Dealers legen.Blind bestellen - für Georg Schreiber, Ingenieur aus Berlin, ein Ding der Unmöglichkeit. Der überzeugte Tourer hat Yamahas FJR 1300 Probe gefahren. »Hätte ich sofort gekauft, wenn nicht Hondas Pan European ABS käme.« Die beäugt er akribisch, wartet, bis er endlich auch mal draufsitzen kann. Ergonomisch muss alles passen. »An die 15 000 Kilometer reiß ich runter im Jahr.« Noch auf CX 650 Turbo. Doch die hat ausgedient. Jetzt muss ‘ne Neue her. Welche - das wird sich weisen. Nach Proberitt auf der Pan. Jörg Schuster, Flugzeugabfertiger, hat sich unlängst schon was zugelegt, eine Aprilia Futura. »Gefahren habe ich sie noch nicht, das Wetter war zu schlecht.« Und obwohl in Leipzig, wo er lebt, demnächst ebenfalls alle Neuheiten zu goutieren sind, drängte es ihn zu den Berliner Motorrad Tagen hin. »Ich hätte das Warten nicht ausgehalten.« Der Mann ist motorradverrückt.Das will Sebastian erst noch werden. Zusammen mit seinem Vater zwängt er sich zwischen den Draht-Container-Wänden des Detlef-Louis-Restposten-Verkaufs zum Sonderangebot »Alle Helme 30 Euro« durch. Papa fährt nicht, Sohnemann auch nicht. Aber der ist schließlich erst 15 Jahre jung. In der Schule kann er den Moped-Führerschein für lau machen. Und diese Schnäppchen - Pappe in Penne, Hut auf Messe - lässt er sich nicht entgehen.»Zu normalen Konditionen geht hier gar nichts«, ärgert sich Holger Haase von Biker Miles, letzter freier Einzelhändler in Berlin. »Der Markt ist seit drei Jahren rückläufig.« Und die Messe, sagt er, schade ihm letztlich nur. Wer sich hier eindeckt, kauft später nicht mehr bei ihm. Mit seinem Sortiment habe er sich nun mal auf höherwertige Produkte kapriziert. So offeriert Haase Premium-Kombis zum Schleuderpreis. »Ich hab’ mich mit dem Klaus Hämmer von Schwabenleder verkracht. So ist es nun mal, wenn ein Berliner Sturkopf auf einen schwäbischen Sturkopf trifft.« Der Restposten muss raus. Dass er das für Messeverhältnisse iimer noch teure Leder losschlagen kann, glaubt Haase selbst nicht. »Aber hier sehen die Leute wenigstens, dass es diese Ware bei mir gibt.« Deshalb sind die Berliner Motorrad Tage für den skeptischen Haase ein Muss. »Hier heißt es Flagge zeigen.«Die hisst auch seine Konkurrenz, die großen Zubehörketten. Hein Gericke lässt die Puppen tanzen. In topaktuellen Klamotten, die der Kunde am Verkaufsstand eine Halle weiter vergeblich sucht. »Da ziehen nur Sonderangebote. Aber wir verramschen nicht.« Hein Gericke will sich auf dem Markt neu positionieren. Seriöser eben. Detlev Louis stört der Gweruch des Billigheimers nicht. »Das Geld sitzt nicht mehr so locker. Wir setzen auf Kaufimpuls durch Preisanreiz.« Um an die »immer knapper werdenden finanziellen Ressourcen ranzukommen«, so Louis-Messekoordinator Harms, darf sogar neu bestellen, wer die alte Rechnung noch nicht beglichen hat. »Das rechnet sich, die Ausfallquote ist gering.« Seltsame Motorradwelt. Da sagen die einen, Kohle spielt keine Rolle, und die anderen feilschen um jeden Euro, jeden Cent. »Wenn’s Geld knapp wird, sparen die Leute zuerst am Motorrad«, klagt Einzelhändler Haase. »Berlin hat einen so guten Nahverkehr, da investiert man doch lieber ins Motorrad als ins Auto«, dreht Wenzel-Ockenga von Triumph die Chose positiv und preist - weil Metropolen auch ihre Schattenseiten haben - das Alarmsystem im Zubehörprogramm der Briten an. Aber die haben ja bekanntlich einen besonderen Humor. Den haben drei große Japaner im vergangenen Jahr verloren. Doch heuer wollen Honda, Yamaha und Kawasaki wieder richtig lachen. »Wir geben Gas mit unseren neuen Modellen«, machen sich die Honda-Leute Mut (18 Prozent minus 2001). »Angreifen« lautet die Parole bei Yamaha (19 Prozent minus). »So schlecht war 2001 doch gar nicht«, schätzt Kawasaki (7 Prozent minus) die Motorradlage ein. Obwohl BMW (7 Prozent plus) den schwächsten Japaner glatt abhängte. Bei ihrem Heimspiel in Berlin erlebten die Münchner freilich eine irgendwie voraussehbare Überraschung. Die neue Scarver, konzeptionell für ein eher neues und junges Publikum gedacht, kam dort zwar auch, vor allem aber bei den älteren Semestern prächtigst an. Überhaupt fanden alle fast alles geil. Michael Braun, Installateur aus Rathenow, die VTX von Honda, obwohl’s der an einem Bierhalter fehlt. »In zwei Jahren kauf’ ich mir die als Gebrauchte, für eine Neue reicht die Kohle nicht.« Auch Heiko Strahl war’s höchst zufrieden. Hauptberuflich macht er in Marketing, nach Feierabend vertreibt er mit Freunden ein Motorradmultiinstrument, das alle anderen Uhen ersetzt. Leicht zu montieren und in allen Farben eloxiert. Ausstattung ganz nach Wunsch des Kunden, Vertrieb fast ausschließlich übers Netz. Und wie Michaels Honda-Zweizylinder-Hubraumriesen-Projekt verschärft zukunftsorientiert. Nur eben etwas anders. Beides tut der Branche gut. Und Berlin sowieso.
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