Berliner Trike-Treffen (Archivversion)

Wir sind das Volk

Ein MC Irgendwas wollen die Triker aus Berlin und Umgebung auf keinen Fall sein. Statt dessen demonstrieren sie alljährlich mit ihren Dreirädern gelassen Volksnähe am Brandenburger Tor.

Eine halbe Stunde lang herrscht Anarchie am Brandenburger Tor: Japanische Touristen vergessen, ihre Angehörigen ins Bild zu rücken, deutsche Polizisten tolerieren tatenlos lächelnd die Mißachtung eines absoluten Halteverbots, und die sonst immer mustergültigen Berlin-Hostessen lassen sich von wildfremden Männern mit Bärten zu Platzrunden einladen. Drei Dutzend entschlossene Recken und ihre Dreiräder genügen, um die Umgebung des Berliner Wahrzeichens aufzumischen. Dabei wollten sie doch nur mal Berliner Luft schnuppern. »So isses eben als Triker«, sagt Olaf Röder. »Man trifft nur nette Leute. Du kannst einem die Vorfahrt nehmen, und der winkt dir noch zu.« Dann bollern Olaf und seine Freunde nach Werneuchen, wo die Berliner ihr Jahrestreffen ausrichten.Ganz locker natürlich. Denn die Dreiradfans stehen nicht auf durchorganisierte Events: »Bloß kein Club.« Aber ein Leitmotiv eint die Nicht-Mitglieder dennoch: »Das Leben ist viel zu kurz, um popelige Autos zu fahren.« Alles andere darf man nicht so eng sehen.So verkündet Heinz vom Thron seiner breitbereiften Chromschüssel herab gelassen die Selbstdiagnose: »Wir ham alle irgendwo´n Rad ab.« Oder eins zuviel? Auf alle Fälle legen sie sich wacker mit den Kräften der Fahrphysik an. Schließlich ist ein Trike ein Motorrad mit Porsche- oder Alfa-Romeo- oder VW-Käfer-Motor, vielleicht auch ein Auto zum Draufsetzen.Wer auf so etwas steht, muß einfach ein ungewöhnlich netter Mensch und mit sich und der Welt im Reinen sein. »Es kommt nicht darauf an«, meint Olaf Röder, »daß es Geld kostet. Spaß soll es machen.«Selbst die betont martialische Kleiderordnung spielt keine Rolle für die soziale Akzeptanz der Triker: Lederkluft, Hörner am Helm, Totenkopf am Lenker - Dreirad bleibt Dreirad, und darauf kann man auch bedenkenlos seine Kinder setzen. Die Berliner laden gelegentlich und gegen einen kleinen Obulus sogar ausdrücklich dazu ein. Papi oder Mami zahlt, Sohnemann oder Töchterchen dürfen sich ein paar Minuten lang fühlen wie Peter Fonda mit Stützrädern, und der Erlös kommt einer guten Sache zu, im letzten Jahr zum Beispiel den »Spandauer Aktionstagen für Knochenmarkspende«.Ab und zu wollen Papi oder Mami natürlich auch mal selbst ran. Erwachsene - die Welt ist eben ungerecht - dürfen dann sogar ganz alleine. Spritztouren mit dem Miet-Trike erfreuen sich, wie andere Extremsportarten auch, zunehmender Beliebtheit, was wiederum die Dauerfahrer für ihre Zwecke nutzen können. Olaf, im bürgerlichen Beruf bei der Stadtreinigung, finanziert das aufwendige Hobby mit den Einnahmen seiner »Dreirad-Station« (DreiSt). Hin und wieder fehlt ihm trotzdem ein Trike. Wie beim Berliner Treffen in Werneuchen auf einer Wiese mit dazugehöriger Scheune. Die Scheune stand bis oben hin voll Gerümpel, die Wiese diente einer Kunststoff-Recycling-Firma als Lagerfläche und konnte nur unter Zuhilfenahme eines Radladers von den kubikmeterweise herumliegenden Plastikschnipseln geräumt werden. Und nach all der Plackerei dann die Panne: sämtliches Gerät ausgeborgt, bis auf eines natürlich, und das war am entscheidenden Tag zwar blitzblank, wollte aber nicht anspringen. »Jetzt hab’ ich vier Trikes, und nun muß ich mir eins leihen« - das Leben kann hart sein.Olaf sieht«s locker. Ein echter Triker wie er regt sich schließlich noch nicht mal über den TÜV auf, und wer diese hohe Bewußtseinsstufe erlangt hat, den kann eigentlich überhaupt nichts mehr aus der Ruhe bringen; der kann mit voller Gelassenheit die wahrscheinlich wichtigste Maxime des Trike-Fahrens zitieren, die da lautet: »Der Weg ist das Ziel.“
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