Biker-Krimi (Archivversion)

Kryszinski

Der Typ mit dem ruhrpöttlerischen Namen ist Member des Stormfuckers MC, malocht als Privatschnüffler - und entschlüpft der Phantasie des Deutschen Krimipreis-gekrönten Autors Jörg Juretzka.

Dass Kryszinski - der besseren Lesbarkeit wegen von nun an auf ein bedeutungsschwangeres K. kupiert -, dass K. also der hirnigen Spezies Detektiv zuzuschlagen wäre, deren mit den Gesetzen der Logik vermüllten Schädeln Denkblasen der milden Sorte »Kombiniere, es war der Gärtner« ähnlich penetrant entfleuchen wie Dieter Bohlen der Naddel, das alles lässt sich nach Lektüre von »Der Willi ist weg« wahrlich nicht behaupten. Wohl aber, dass K. wenngleich nicht auf den Kopf gefallen, mitunter ziemlich bekloppt agiert. Was K.s Besuch bei den »Eisenköpfen«, paramilitärischen Nazirockern mit, so viel Klischee muss sein, Gusto auf BMW, ebenso nachdrücklich wie gasgrifflich demonstriert. Statt höflich an der »Haselnuss«, dem Clubheim der Schwarzbraunen, anzuklopfen und beim siebten Cola-Doppelkorn en passant zu fragen, ob die Glatzen versehentlich den Willi entführt hätten - Willi, den triebstarken, ewigen Prospect des Stormfuckers MC -, gibt K. stumpf Stoff, rast mit Yamaha XS 650 auf den als Hundesportverein - miese Mimikry übrigens: Hunde treiben keinen Sport - getarnten Faschotreff zu. »Die Drehzahl wanderte in den roten Bereich, was bei der XS hochschalten, Gas wegnehmen oder aber anfangen zu beten bedeutet, doch stattdessen knipste ich bei weiterhin voll aufgedrehtem Gas nur für einen Augenblick die Zündung aus, und in genau dem Augenblick, als die beiden Wächter das rotweiße Stahlrohr (der Absperrung) auf Höhe meines Helms zu ziehen versuchten, eine Zehntelsekunde, bevor es zu krachendem, knirschendem Kontakt kommen musste, einen Wimpernschlag vor einer sirenenheulenden Blaulichtfahrt in die Notaufnahme, schaltet ich sie - immer noch bei Vollgas - wieder ein. Der folgende Fehlzündungsknall hätte einem Möllemann das Bäffchen von der Plätte gerupft. Krähen stiegen auf. Letztes Laub rieselte aus kahlem Geäst. Die beiden Pförtner fanden sich links und rechts auf dem Boden wieder. Und ich war durch.« Was lernt der geneigte Leser aus dieser bahnbrechenden Eskapade? Dass K. den designierten Kanzlerkandidaten der FDP nicht mag? Kann sein. Dass K. beim Ermitteln von kriminellen Delikten so gnadenlos subtil vorgeht wie ein Vorwerk-Vertreter an der Haustür von dem Kowalski Jupp seiner Oma? Das auf jeden Fall. Doch der Leser lernt aus dem »Wille« noch viel mehr. Etwa wie gestandene Rocker »Reise nach Jerusalem« spielen. Wie ein entfesselter Lover das Herz von Dagmar Berghoff dann doch nicht bricht. Wie man bei einem Kindergeburtstag chez McDonald’s einer gluckigen Mutter einen »ChocoMacSlurpy-Shakie-Becher« über die Ohren zieht. Dieses Buch zeichnet freilich aus, dass man damit nicht nur fürs Leben lernt, sondern - nette Dreingabe - vor Vergnügen quiekt. Weil’s geschrieben ist, wie Gary McCoy die Kurve kratzt. Und um den Reifen oder gar die Reife, die vermaledeit sittliche, ist’s, meint K., eh nicht schad’. Hauptsache abgefahren: Darf getrost als Affront gegen eine Gesellschaft verstanden werden, in der man Profil kaufen kann.
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