Bitumen - die Unterschriftenaktion (Archivversion)

Mehr Druck machen

»Wir fordern die Bundesregierung auf, die Zulassungsverfahren der alternativen Reparaturverfahren zu beschleunigen und mit ihrem politischen Einfluss dafür zu sorgen, dass diese Methoden alsbald in der Praxis angewendet werden.«

Wer Leute bittet, mit ihrer Unterschrift eine Forderung zu unterstützen, so wie wir das tun, sollte ihnen genau erklären, warum. Darum nehmen Sie sich die paar Minuten und lesen Sie, was MOTORRAD bewogen hat, diese Aktion zu starten. Erfolge können fürchterlich bitter schmecken. Als das Oberlandesgericht Koblenz am 18. März 2002 entschied, dass der Fall Scheffler, der jedem MOTORRAD-Leser bekannt sein dürfte, an die erste Instanz zurückverwiesen werden müsse, weil ihr Urteil, in dem die Behörden von aller Schuld freigesprochen wurden, aufgrund der schlampigen Arbeit des Gerichts nicht zu halten sei, da hätte man eigentlich von einem kleinen Triumph reden und schreiben können. Gerhard Scheffler sah das nicht so. Seit 1994 - damals, im September, starb sein Sohn Joachim nach einem unvermeidbaren Sturz auf regennassem Bitumen pur - schuftet, kämpft, streitet er für Gerechtigkeit.An diesem 18. März war er genau so weit wie die acht langen Jahre zuvor. Ohne die Spenden der MOTORRAD-Leser - um die 70 000 Mark kamen zusammen - hätte sich Scheffler diesen »Erfolg« gar nicht erst leisten können. Jetzt, da die Beweisaufnahme neu beginnt, müssen abermals Gutachten erstellt und beglichen werden. So gesehen bezahlt Scheffler, bezahlen die MOTORRAD-Leser auch die Ignoranz der ersten Instanz. Und die prinzipielle Misere im Straßenbau.Am selben Tag, als Scheffler erfuhr, dass alles von neuem losgeht, die ganze Tortour, trafen sich in der Redaktion MOTORRAD Vertreter aus Politik, Behörden, Baubranche und Justiz zu einem Gespräch über Alternativen zum, wie es im Behördenjargon heißt, »Anspritz- und Absplittverfahren«. Das funktioniert so: Bei Straßenschäden, seien’s Risse oder Schlaglöcher, füllen Straßenbauer die Hohlräume mit Bitumen, schütten Splitt drüber, walzen den entweder ab oder vertrauen darauf, dass der rollende Verkehr ihn reindrückt. Klar, dass daraus keine homogene Mixtur entsteht. Doch damit nicht genug: Straßen gibt’s, die werden - Joachim Scheffler geriet das zum Verhängnis - zur Gänze kilometerweit so »saniert«. Bei Hitze säuft der Splitt ab, an der Oberfläche glänzt Bitumen pur. Wenn’s regnet oder die Sonne brennt, ist das Zeug glatt wie Eis. »Da hast du keine Chance«, sagte beim MOTORRAD-Gespräch Helmut Dähne, Nürburgring-Legende und Isle-of-Man-Veteran. »Der Bremsweg verdreifacht sich, die mögliche Schräglage reduziert sich auf schlappe 15 Grad. Ich befürworte deshalb alle Alternativen der Straßenreparatur.« In Bayern wurden zwei davon ausprobiert, nachdem der SPD-Abgeordnete Ludwig Wörner in MOTORRAD darüber gelesen hatte (Heft 14/1999). Der SPD-Parlamentarier Hans-Günter Bruckmann aus Essen, Mitglied im Verkehrsausschuss des Bundestags, wollte nach dem MOTORRAD-Meeting vom damaligen Verkehrsminister Kurt Bodewig wissen, wie lange es dauert, bis die neuen Verfahren sanktioniert werden - und bekam prompt Antwort. Zwei Jahre. Auch Bayern reagierte: »170 000 Euro werden in neue Versuchsstrecken gesteckt«, so Hermann Regensburger, Staatssekretär im Innenministerium. Bis im Frühjahr 2004 sollen die Versuche abgeschlossen sein. »Dann könnten die Alternativverfahren eventuell Eingang in das Regelwerk für Straßenbauer finden«, meint Dipl.-Ing. Norbert Biller von Bayerns Oberster Baubehörde. »Allerdings«, und das ist die Crux, »müssen wir die Kosten genau abchecken.«Der Kosten wegen starb BMW-Fahrer Harry Leugner im Frühjahr 2002 - neun Monate, nachdem die L 2053 in Hessen in der Bitumen-Datenbank von MOTORRAD als besonders gefährlich vermerkt worden war. Dass sie diese Information bekommen hatten, bestreiten die Behörden nicht. Aber: Es habe an Geld gefehlt, die Strecke zu sanieren. Seltsam: Nach dem tödlichen Unfall war es plötzlich da. Genau darum geht’s. Eigentlich weiß jeder Bescheid, doch kaum einer tut was. Weil viele Straßenbauer in ihrer Lethargie verharren. Wegen der Vorschriften, die noch nicht geändert wurden, wegen der chronisch knappen Finanzen. Dabei kosten die alternativen Reparaturen nur ein paar Euro mehr. Deshalb ist jetzt die Politik gefordert, und deshalb richtet sich die MOTORRAD-Unterschriftenaktion ganz konkret an den Bundesverkehrsminister. Er muss dafür sorgen, dass die neuen Verfahren nicht nur schnellstens erprobt, sondern auch angewendet werden. Wir fordern nichts Unmögliches, lediglich, dass das Machbare umgesetzt wird. Dafür, heißt es, sei Politik schließlich da. Erinnern Sie den Minister daran.
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