Bitumen-Unfall (Archivversion)

Bananenrepublik

Von einem Motorradfahrer, der auf eisglattem Bitumen stürzte, das Geld für die Reparatur des zerschraddelten Straßenstücks einzufordern ist schon verdammt kess. Aber bundesdeutsche Wirklichkeit.

Tatort: Eifel, L 70 von Kelberg nach Nohn. Gemächlich, wie’s der holprige Zustand des Straßenbelags verlangt, swingen zwei Motorradler durch die hügeligen Lande. In einer langgezogenen Rechtskurve kommt Ulrich Gawandka, ein Versicherungsexperte aus Hürth, auf seiner Suzuki TL 1000 urplötzlich schwer ins Schleudern. Weil die brennende Sonne die dort großflächig hingeschmierte Bitumenmasse aufgeweicht und die also »reparierte« Straße glatt wie Schmierseife gemacht hat. Gawandka, ein routinierter Biker, kriegt’s irgendwie hin, den Schlingerkurs seine Suzuki zu stabilisieren. »Ich hatte Glück«, sagt er. Sein nicht weniger Motorrad-erfahrener Freund Pierre Zündorf hat dagegen lediglich Glück im Unglück. Der 35-jährige Juniorchef einer Kölner Firma für Innenausbau stürzt, schliddert haarscharf am entgegenkommenden Verkehr vorbei. Bänderdehnungen, Prellungen, Zerrungen und Hautabschürfungen wird sein Arzt später diagnostizieren. Als Zündorf aufsteht, verspürt er keinen Schmerz. Dass seine Honda CBR 900 den Weg eines Kleinlasters kreuzte, der sie schrottete, stört ihn zunächst wenig. Erst mal tief durchatmen. Schließlich hätte er auch den Weg der Fireblade nehmen können.Die Polizei inspiziert die Unfallstelle, befragt die beiden Freunde und kommt schnell zu ihrem Urteil: »Vor Ort wurde festgestellt«, steht in der Verkehrsunfallanzeige, »dass in diesem Kurvenbereich die Fahrbahndecke komplett aufgeweicht war. Der obere Fahrbahnbelag hatte sich gelöst und bildete eine klebrige Masse. Dieser Straßenzustand dürfte auch ursächlich für den Unfallverlauf sein. 02 (Zündorf, die Redaktion) gab an, dass er ca. 50-60 km/h schnell fuhr. Diese Angaben dürften mit dem Unfallhergang korrespondieren.« Die Polizisten verständigen sofort die Straßenmeisterei. Großveranstaltung am nahen Nürburgring - da droht verschärfter Rückreiseverkehr und neues Malheur. Sie hätten schon vermutet, dass es an diesem Streckenabschnitt zu »Problemen« kommen könne, sagt der Kolonnenführer. Und er sagt’s vor Zeugen. Eine Äußerung, die in der Schadenersatzklage, die Zündorf einreicht, von erheblicher Bedeutung sein dürfte. Weil in ähnlichen Fällen - MOTORRAD berichtete mehrmals über die ebenfalls in der Eifel in ein und derselben Kurve tödlich verunglückten Joachim Guido Rübhausen und Joachim Scheffler - die Behörden nonchalant vorgaben, von nichts zu wissen. Und wer nichts weiß, so die Rechtsprechung, kann auch nicht verantwortlich gemacht werden. »Ausnahmen bestehen nur in den pathologischen Fällen, in denen solche Schäden bewusst in Kauf genommen wurden oder eindeutig vorhersehbar waren«, argumentiert der Tübinger Rechtsprofessor Dr. Michael Ronellenfitsch.Warum sie vorher nichts unternommen hätten, obwohl ihnen die Gefährlichkeit dieser Kurve bekannt gewesen sei, will Gawandka vom Kolonnenführer wissen. Der zuckt mit der Schulter, schweigt. Splitt streuen, aufwalzen, Warnschilder aufstellen - die Baukolonne legt los. Die übliche Methode. Der übliche Wahnsinn: Lkw und Autos fahren den Ballaststoff, der den Asphalt griffiger machen soll, ruckzuck aus der Bitumenmasse heraus. Und bei der nächsten Hitzewelle oder bei Regen ist diese provisorisch geflickte Kurve so rutschig wie zuvor. »Ich bin früher auch Motorrad gefahren, und ich weiß, was für Konsequenzen Splitt für Motorradfahrer haben kann«, meint Gerd Weisel. Der Jurist ist im Koblenzer Landesamt für Straßenwesen für die Bearbeitung der Schadenersatzklage des Pierre Zündorf zuständig. Ob die simple und vermeintlich preisgünstige Technik, Splitt in Bitumen lediglich oberflächlich einzuarbeiten, Sinn macht, dazu will er sich nicht äußern. »Schließlich bin ich kein Straßenbauer. Da haben wir unsere Spezialisten, und zu denen habe ich volles Vertrauen.«Das haben die Kollegen im benachbarten Nordrhein-Westfalen offensichtlich nicht. Wann immer Joseph Wagemanns, Ingenieur in Diensten des Landschaftsverbands Rheinland, durch die rheinland-pfälzische Eifel tourt, muss er »diese spiegelglatten Stellen umkurven, wo großflächig reines Bitumen verarbeitet wurde«. Bei Nässe sind da maximal 15 Prozent Schräglage drin, und der Bremsweg verdreifacht sich. Reiner Brendicke vom Institut für Zweiradsicherheit vergleicht das Fahren auf diesem Untergrund mit einem »Eislauf auf zwei Rädern«. »Kein Geld in der Kasse, wir möchten zwar, aber wir können nicht anders.« So lautet das Standardargument. Das Koblenzer Landesamt für Straßenwesen macht da keine Ausnahme. Zugegeben: Teil eins der Antwort, keine Kohle, stimmt definitiv, Teil zwei, keine Alternative, ganz bestimmt nicht. »Wir walzen Splitt nicht auf, wir verwenden mit Splitt versetztes Bitumen«, erklärt Joseph Wagemanns, der Straßenbauer aus Nordrhein-Westfalen. Kosten: minimal mehr. Effekt: ähnlich gute Reibwerte wie der umgebende Asphalt. Es geht also auch anders (siehe Alternativen zur Bitumenflickerei in MOTORRAD 14/1999). Aber viele Ämter werkeln stumpf weiter im gewohnten Trott.So wird dann auch das für den Unfallort zuständige Straßen- und Verkehrsamt Gerolstein aktiv. Aber anders, als Pierre Zündorf sich das vorstellt. Er traut seinen Augen nicht, als er in einem Schreiben der Behörde lesen muss: »Mit Ihrem Fahrzeug ... wurde ... Schaden am Straßeneigentum in Höhe von 994,48 DM verursacht.« Bitte Rechnung begleichen bis zum 20. August! Entweder hat der zuständige Sachbearbeiter die »Verkehrsunfallanzeige« der Polizei nicht gelesen – ein schwerwiegender Fehler. Oder er hat sie zur Kenntnis genommen – eine zynische Unverschämtheit. »Der Staat erfüllt seinen Auftrag zur Daseinsvorsorge schlecht, wenn er die Opfer zu Tätern macht«, meint Juraprofessor Ronellenfitsch. Auch das unterscheidet den Rechtsstaat von einer Bananenrepublik.
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