Bitumen (Archivversion)

Chronik eines angekündigten Todes

Alle wussten Bescheid. Dennoch musste Harry sterben. Schicksal? Nein. Es sei denn, man hält hundsmiserable Straßen für gottgegeben. MOTORRAD hatte lang vor dem Unfall die Behörden informiert. Demnächst wird saniert. Für Harry, seine Witwe und ihr Kind zu spät.

Der Schuldige war wieder mal der Tote. Vermutet Regierungsoberrat Strack-Schmalor von der Verkehrsbehörde des Lahn-Dill-Kreises. Wäre Harry Leugner nicht an seinen inneren Verletzungen gestorben, »hätte er mit einem Strafantrag rechnen müssen«. Wegen überhöhter Geschwindigkeit, so steht’s im Polizeibericht. Wie schnell genau, das wissen die Beamten nicht. Aber in solchen Fällen gilt immer und überall: Der Motorradfahrer als solcher ist des Rasens notorisch verdächtig. »Wir hatten maximal 50 km/h drauf auf gerader Strecke«, sagt Ralf. Er führte den Konvoi der zehn Bikes des Roadrunner MC Frechen auf seiner Frühjahrstour durchs hügelige Mittelhessen an. »Es hatte gerade aufgehört zu regnen, und dass der Belag unheimlich glatt war, haben wir sofort registriert.« Als Harry, das dritte Glied in der Motorradkette, sanft die Stopper seiner BMW R 1100 GS Classic aktiviert, keilt das Hinterrad wild aus, zuerst nach rechts, dann nach links. Nicht mehr zu halten, der Boxer. Pilot und Maschine schliddern gen Gegenfahrbahn auf ein Auto zu ... »Auf glattem Straßenbelag erhöht sich beim Beschleunigen oder Bremsen der Schlupf blitzartig, und die Seitenführungskräfte gehen perdu«, weiß Waldemar Schwarz, MOTORRADs technischer Leiter. Aus der Reibwertmessung, die der MC wenige Tage nach dem Unfall am 27. April 2002 auf der L 3053 zwischen Großaltenstädten und Erdaer Kreuz initiierte: »Auf dem geschlossenen Bitumenfilm ist mit n-SCRIM-Werten von rund 0,10 zu rechnen. Messwerte in dieser Größenordnung sind zu vergleichen mit der Griffigkeit einer nassen Stahlschiene.«Aus der Meldung von Leser Erhard Klein in der Bitumen-Datenbank von MOTORRAD, eingegangen am 2. Juli 2001: »L 3053: absolute Gefährdung für Zweiradfahrer, kein Splitt mehr an der Oberfläche zu erkennen, und dies über mehrere Kilometer. Geschwindigkeit in diesem Bereich unter 50 km/h bei Trockenheit und bei Nässe Straße meiden.« Das Verkehrsministerium bestätigte in einem Schreiben vom 12. Juni 2001 an MOTORRAD, dass es alle Hinweise auf Gefahrenstellen an die zuständigen Straßenverkehrsämter weiterleite. »Bei einer solchen Mitteilung setzen sich die zuständigen Sachbearbeiter zusammen, inspizieren die Straße, meist unter Hinzuziehung der Polizei, und leiten entsprechende Maßnahmen ein«, bekundet Eugen Reichwein, Sprecher des Dillenburger Amts für Straßen und Verkehrswesen. Soweit die Theorie. »Ich habe nichts in den Akten gefunden«, beteuert dagegen Strack-Schmalor, Leiter der für konkrete Maßnahmen zuständigen Verkehrsbehörde. »Einheimische Motorradfahrer boykottieren diese Strecke«, sagt Volker Heim, Italo-Händler aus Bischoffen-Niederweidbach. »Dafür ist dort einfach schon zu viel passiert.« Dass die L 3053 »in den vergangenen Jahren durch schwere Unfälle mit mehreren Toten in die Schlagzeilen geraten ist«, vermeldete erst unlängst wieder die Wetzlarer Neue Zeitung. Doch woher sollen genussvoll durch die Landschaft kurvende Kradler aus dem Rheinland um diese unvorhersehbaren Risiken wissen? Von Geschwindigkeitsbegrenzungen habe man abgesehen, erklärt Reichwein. Die kämen sein Amt für Straßen- und Verkehrswesen schließlich teuer zu stehen. »Wir haben mal auf 60 km/h reduziert. Als da jemand verunglückte, zog der vor Gericht und hat gewonnen.« Weil der Verkehrsteilnehmer, so die Rechtsprechung, davon ausgehen kann, dass ihm bei Einhaltung dieses Tempos kein Ungemach passiert. Bürokraten, die mit ihren, zugegeben, zu knappen Mitteln beckmesserisch wirtschaften müssen, folgern mit ihrer sparsamen Logik daraus: freie Fahrt für (vogel-)freie Bürger selbst auf hundsmiserablen Pisten.Am Samstag starb Harry, ab Montag war die L 3053 für Motorräder gesperrt, drei Wochen später verkündete Reichwein, dass das Land 135 000 Euro für die Sanierung der Straße bewilligt habe. Dass diese Finanzspritze mit dem Tod des Motorradfahrers zusammenhänge, wird, versteht sich, allseits dementiert. »Die L 3053 stand nicht ganz oben in der Prioritätenliste«, verlautbart Thomas Uber vom hessischen Verkehrsministerium, »bis sich der Zustand der Strecke schneller verschlechterte, als erwartet.« Dazu noch mal die Wetzlarer Neue Zeitung: »Schwere Unfälle mit mehreren Toten in den vergangenen Jahren«. Noch Fragen?Maximilian, Harrys Sohn, ist anderthalb Jahre jung, Steffi, seine Mutter, muss jetzt kämpfen, sehen, wie sie über die Runden kommt. Dabei hat sie noch Glück im Unglück, sie hat ihre Jungs und Mädels vom Roadrunner MC. Und sie hat einen engagierten Rechtsanwalt, Jakob Bochem. Er und Harry waren Kumpels. Bochem hat einen Strafantrag gestellt und geht, weil er weiß, wie schwierig es ist, einen Beamten zur Rechenschaft zu ziehen, parallel den zivilrechtlichen Weg. Dabei hilft ihm die Datenbank von MOTORRAD. Mit seiner Beschreibung der L 3053 - maximal Tempo 50, bei Nässe meiden - hat Leser Klein Harrys Unfall grauenvoll präzise prognostiziert. Also, liebe Leserinnen und Leser, nutzen Sie die Bitumen-Datenbank von MOTORRAD (siehe Heft xx/2001). Geben Sie die Ihnen bekannten Gefahrenstellen ein. Vielleicht retten Sie damit ein Leben. Vielleicht helfen Sie jemandem, zu seinem Recht zu kommen. Einer wie Steffi zum Beispiel. Und vielleicht - Wunder gibt es immer wieder - wecken Sie sogar einen Amtsschimmel auf. Die Meldebögen finden Sie unter www.motorradonline.de
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