Blick zurück nach vorn (Archivversion)

Blick zurück nach vorn

Schon bei den ersten Ansichten mancher Maschinen des Jahrgangs 1999 glaubten viele, in den Rückspiegel der Motorradgeschichte geblickt zu haben. Beispielsweise bei den Drifter-Modellen von Kawasaki, die Cruiser-Look mit Indian-Anleihen verbinden und deshalb wohl auch als Neudefinition des alten Themas Freunde finden, die nicht Mitglieder im »Club of Chrome« werden wollen. Bei allem Retro-Design und ebensolchem Look für die auch noch so kleine (Markt-)Nische: Nicht nur, aber vor allem Kawasaki scheint eine ganz neue Marketing-Strategie zu fahren. Wie schon bei der Zephyr-Reihe wird beim Blick zurück kräftig nach vorn geschaut. Es werden Motorräder angeboten, die sowohl irgendwie vertraut wirken, als auch ihre Käufer respektive Fahrer im Vertrauen bestärken, die richtige Wahl getrofffen zu haben: Frei von Leistungsdruck und implantiertem Racer-Gehabe, (fast) frei vom Imitatsvorwurf und damit Minderung des Besitzerstolzes und vor allem frei vom Verdacht, etwas anderes weder fahren oder gar finanzieren zu können.Ganz klar wird dies nach dem ersten Test der neuen W 650 (siehe Seiten 34 bis 39), die Nostalgiker schon auf der INTERMOT `98 animierte, von BSA, Triumph Bonneville und anderen Parallel-Twins der vermeintlich guten alten Zeit zu schwärmen. Trotz Königswelle und anderen Yesterday-Reminiszenzen stellte Reporter Fred Siemer fest, daß es sich um ein wirklich fahraktives Motorrad handelt. Niemand muß also über dem stetig ansteigenden Altersschnitt der Motorradfahrer (derzeit fast 35!) liegen, um damit Spaß zu haben.Daß andere durchaus auch anders denken, zeigen die Wiederbelebungsversuche der Marke Excelsior-Henderson. Was MOTORRAD-Testerin Monika Schulz in Florida bewegte (siehe Fahrbericht ab Seite 42), ist nun wahrlich ein »Eisenhaufen«, der mit Macht versucht, die 20er und 30er Jahre wieder auferstehen zu lassen. Damals gab´s in Amerika annähernd 250 Motorradschmieden - und die drei größten hießen Indian, Harley-Davidson und, man ahnt´s, eben Excelsior-Henderson.Bekanntlich hat nur Harley-Davidson alle Wirtschaftskrisen und Eigentümerwechsel bis heute überstanden, behauptet aber auch nach 96 Jahren, Lebensstil und nicht Motorräder zu verkaufen. Dazu lesen Sie am besten die Seiten 80 und 81, auf denen sich Kollege Dr. Norbert Sorg mit dem Marken-Mythos auseinandersetzt. Dies ist übrigens der erste Artikel einer neuen Reihe, in der MOTORRAD in Essay-Form Themen aufgreifen wird, die im wahrsten Sinn des Wortes nicht auf der Straße liegen.Es grüßt Sie herzlich
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