Bonneville Speedweek 1995 (Archivversion)

Salzgurken

Einmal im Jahr geht´s für Hochgeschwindigkeits-Fahrer aus aller Welt ans Eingemachte. Dann holen sie ihre stromlinienförmigen Ungetüme aus dem Keller und jagen in der Wüste von Utah über den Bonneville-Salzsee.

Drei...vier...fünf. Alle zehn Sekunden fliegt eine der orangefarbenen Tafeln vorbei, die die Meilen der Hochgeschwindigkeitsstrecke markieren. Bei Tempi von über 320 Kilometern pro Stunde vibriert das Fahrzeug so stark, daß die Ziffern auf den Schildern zu undefinierbaren Klumpen verschwimmen. Also mitzählen. Sechs - jetzt bloß keinen Fehler machen. Einen Sturz bei diesem Tempo übersteht niemand unbeschadet. Sieben - runter vom Gas, Bremsfallschirm raus. Geschafft. 342 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit - neuer Weltrekord für eine Honda Gold Wing 1500. Der Todesmutige, der sich da mit seinem zigarrenförmigen Streamliner über das Salz traut, ist Kenny Lyon, einer der vielen Geschwindigkeitsfanatiker, die alljährlich dem Ruf der Southern Californian Timing Association (SCTA) folgen und sich in der großen Salzseewüste in Utah, USA, treffen, um alle Weltrekorde zu brechen. 1995 reisten die High-Speed-Teams zum 47. Mal nach Bonneville. Die Piste ist gesteckt, die Lichtschranken sind aufgebaut, jetzt hoffen alle auf gutes Wetter. Seit W.D. Rishel im Jahr 1911 erstmals in seinem Packard mit schwindelerregenden 80 km/h über das Salz düste, machte die Witterung häufig einen Strich durch die Rechnung der Speed-Fans. So auch in den vergangenen zwei Jahren. Heftiger Regen hatte die Salzkruste überflutet. Doch dieses Jahr sollte alles klappen. Eines der Teams, das schon seit Jahren nach Bonneville kommt, ist das von Kenny Lyon. Viermal hat der bärtige Kalifornier hier schon einen Weltrekord aufgestellt, zuletzt mit einem BMW-getriebenen, stromlinienförmigen Ungetüm auf zwei Rädern. Auch diesmal reiste Kenny wieder mit seinem Acht-Meter-Motorrad an. Doch in der Fieberglas-Schale steckt jetzt das Aggregat einer Honda Gold Wing 1500/6. Beim Start stützen zwei hydraulisch betätigte Ski die 522 Kilogramm schwere Speed-Gurke. Erst bei etwa 35 km/h kann Kenny die Kiste halten, die Stützen fahren ein. »Die ersten zwei der sieben Meilen (elf Kilometer) langen Rennstrecke brauche ich zum Beschleunigen«, erklärt Kenny. Danach geht alles blitzschnell. Er konzentriert sich voll darauf, die Räder des Rekordrenners am Boden zu halten. Das ist gar nicht so einfach, wie es sich anhört. Eine Unebenheit, angewehtes Salz auf der Piste, eine Windbö, ein leichter Fahrfehler - und schon stellt sich der windschlüpfrige Riese auf, wirbelt durch die Luft und knallt mit Urgewalt auf die brettharte Piste. Kenny gehört zu den wenigen Glücklichen, die bisher ohne Unfall davonkamen. Und sein Erfolg läßt ihn vom Gesamtrekord für Motorräder träumen. Der liegt zur Zeit bei 518 km/h, aufgestellt mit einem von zwei Harley-Motoren getriebenen Streamliner. Viel zu sehen gibt es nicht bei den Rennen. Die Geschosse, von denen ihre Besitzer behaupten, sie seien Motorräder oder Autos, flitzen über den Salzsee und sind innerhalb von Sekunden nur noch als Stecknadelkopf am Horizont zu erkennen. Die Warterei zwischen den Läufen und die sengende Hitze machen die Speedweek für Zuschauer und Sponsoren uninteressant. So bleiben die Teams meist unter sich. Wer es sich leisten kann, hat irgendwo in der Nähe ein Hotelzimmer reserviert. Aber die wirklichen Enthusiasten campen in den Dünen. Abends beim Lagerfeuer machen die unglaublichsten Geschichten die Runde. Gäste sind willkommen, solange sie sich nicht an der rauhen Herzlichkeit der eingefleischten Speedweek-Fahrer stören. Schon mal probiert, einen Tennisball mit der bloßen Hand hin und her zu schlagen? Macht Spaß? Ja, aber richtig spaßig wird’s erst, wenn der Ball in Benzin getränkt als flammende Feuerkugel durch die Nacht fliegt. Und wer sagt, daß Metall nicht brennt? Einen kräftigen alten VW-Motor ins Lagerfeuer schmeißen, und schon schützt nur eine Sonnenbrille vor dem grellen Licht des brennenden Magnesiums. Einen Eimer Wasser drauf, und der schmelzende Motorblock spuckt ein prächtiges Feuerwerk aus. Nicht zur Nachahmung empfohlen. Sobald der Tag anbricht, ziehen die Mechaniker die Planen von den Fahrzeugen und legen letzte Hand an die Motoren für einen weiteren Versuch, den Geschwindigkeitsrekord in der jeweiligen Klasse zu holen. Vielleicht zum letzten Mal. Denn die Chemiefabrik Reilly baut das Salz langsam, aber sicher ab, um daraus Kaliumcarbonat zu gewinnen. Die einstmals 30 Zentimeter dicke Schicht schrumpfte im Lauf der Jahre auf nur noch zweieinhalb Zentimeter. Erst kürzlich stoppte Reilly Chemicals ein Projekt zur Rettung der Bonneville Saltflats. Veranstalter und Teilnehmer der Speedweek wollen nun für den Erhalt ihrer Rennstrecke und der einmaligen Salzlandschaft im Südwesten der USA vor Gericht gehen. Sie sind fest entschlossen, nächstes Jahr wieder über die weiße Fläche zu jagen.
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