Brigade Verte: Umweltpolizei im Elsaß (Archivversion)

Grün-Streifen

Ob mit Motorrad, auf Skiern oder zu Pferd: Seit acht Jahren durchstreifen die Grünen Brigaden im Oberelsaß Wald und Flur - Umweltsündern auf der Spur.

Nebelschwaden umkreisen die bewaldeten Gipfel der Vogesen, silbrig glänzend schlängelt sich der Rhein weit unten durch die Ebene, und am fernen Horizont schimmern bläulich die Kämme des Schwarzwalds. »Ich hänge an dieser Gegend«, schwärmt Nicolas Krust. Die Weite der elsässischen Landschaft überblickt er von einem rebenbestandenen Hügel aus. Doch die Idylle trügt. Landwirte und Winzer versprühen tonnenweise Gift, Tausende von Touristen trampeln oder fahren querfeldein und lassen ihren Müll zurück: Alte Reifen, Autobatterien, Plastikflaschen, Büchsen - das alles türmt sich irgendwo am Wegesrand auf. »Und hoppla, fliegt was aus dem Fenster.« Bei jeder Patrouille sammelt Nicolas Krust die gedankenlos weggeworfenen Wohlstandsreste auf. Das gehört zu den Aufgaben der Grünen Brigade, einer Umweltschutztruppe mit Polizeigewalt im Departement Haut-Rhin. Ohne Pistolen, aber mit Gewehren bewaffnet. »Damit schießen wir nur tollwütige Füchse«, erklärt der Elsässer. Für ihre Auftraggeber, 250 Gemeinden, rücken die rund 50 Beamten zu jeder Tages- und Nachtzeit aus. Auch am Wochenende. »Die Leute wissen nie, wann und wo wir auftauchen«, sagt Brigadist Philippe Barotte. Dazu steht fast jedes erdenkliche Transportmittel in den zehn Dienststellen bereit: Jeeps, Motorräder, Schneemobile, Skier und Pferde. Die je nach Einsatzzweck und Jahreszeit zum Zuge kommen. Mit den Enduros etwa suchen die Umweltpolizisten in unwegsamem Gelände nach Verletzten oder Verirrten. Vor ein paar Wochen rissen zwei kleine Mädchen aus, die sich unter einer Brücke versteckten. Und erst neulich verschwand eine Frau, die Selbstmord begehen wollte, in den Bergen. »Die hatte Medikamente genommen und Schnaps getrunken.« Die Frau wurde mit dem Rettungshubschrauber ins nächste Krankenhaus geflogen. Und überlebte.Wenig Chancen, den Augen des Gesetzes zu entfliehen, haben Biker, die sich auf verbotenen Wegen durch die Wildnis kämpfen. »Mit den Motorrädern kriegen wir sie am schnellsten.« Die Geldstrafen für Erkundungsmanöver der illegalen Art sind gesalzen, wenn die Hatz der Brigadisten erfolgreich endet: zwischen 450 und 6000 Francs, also bis zu 2000 Mark. Und obendrein kann das Motorrad beschlagnahmt werden. »Das haben wir aber noch nie gemacht.« Wer im Elsaß abseits ausgetretener Pfade Enduro-Touren genießen will, sollte sich vorher erkundigen, rät Nicolas Krust. Der sich oft genug wundert: »Manche Leute glauben, es sei noch viel mehr verboten, als in Wirklichkeit verboten ist.« Wo Biker was dürfen, wissen Touristenämter, Forstverwaltungen und die Brigade Verte in Soultz. »Ich fahre auch gern Enduro«, lächelt Nicolas Krust verschmitzt. Neben Crossern besaß der 31jährige schon eine Kawasaki ZX-R 750. Sogar den Besuch von Rennsportveranstaltungen kann der hauptberufliche Naturschützer mit seinem Weltbild in Einklang bringen. Moto Cross im belgischen Assen oder Grand Prix auf dem Hockenheimring - da düst er hin mit seinen Kumpels. Trotz dieser Vorliebe sind keineswegs Motorräder, sondern Pferde das Symbol der Truppe. Jeder Polizist trabt mit dem eigenen Roß zum Dienst, für die Pension zahlt aber die Brigade, die auch alle Maschinen stellt. »Nicht jeder kommt mit jedem Gaul zurecht«, weiß der Brigadist. »Um das eigene Pferd kümmert man sich auch einfach mehr.« Sein zehnjähriger Wallach Stanislaus entpuppt sich trotz imposanter Größe als knuddeliges Schmusetier, das sich polizeilichen Streicheleinheiten keineswegs entzieht. Anfangs löste die Brigade bei den Elsässern weniger wohlige Gefühle aus. Noch eine Polizei, stöhnten die Leute. Doch inzwischen kennt sie fast jedes Kind, und man weiß ihre Tätigkeit zu schätzen. Nicht zuletzt, weil Nicolas Krust und seine Kollegen fürs gute Image zu werben wissen. Es kommt gut an, wenn sie zusammen mit Schulkindern zur Laichzeit Schutzzäume entlang von Straßen bauen, um die wandernden Kröten vor dem Überfahren werden zu schützen. Und wenn sie mal Zeit finden, reiten zwei Brigadisten auf den Schulhof. Da schmilzt jedes Kinderherz beim Tätscheln der schnaubenden Braunen. Die Erwachsenen haben«s inzwischen auch eingesehen: »Die Brigade ist einfach notwendig«, hört man allerorten. Seit 1989, dem Gründungsjahr, schrumpfen die illegalen Müllkippen im Wald - Aufklärung, drakonische Geldstrafen, aber auch Sammelstellen für Abfälle aller erdenklichen Art haben dazu beigetragen. Der Einsatz der Umweltpolizei umfaßt jedoch noch weit mehr Gebiete: Die Truppe schützt Burgruinen, alte Erzminen und Höhlen, hält im Sommer Feuerwache, spürt Wilderer und Schwarzangler auf und sucht orchideenpflückende Naturliebhaber von ihrem Tun abzuhalten. »Unsere Aufgabe ist das Reden und Diskutieren mit den Leuten.« Nicht die Strafen, von denen die Brigade immerhin 2000 jährlich verhängt. »Wir kriegen keine Provision. So kann man unseren Erfolg auch nicht messen«, betont Nicolas Krust. Doch nicht immer stößt er auf Gegenliebe. Ein Bauer hat ihn schon mal mit vorgehaltener Mistgabel vom Hof gejagt. »Meist schimpfen die Leute aber nur.« Oft genug beneiden sie ihn auch. »Viele meinen, wir hätten einen Traumjob. Aber wir sind auch bei schlechtem Wetter unterwegs. Der Dienst ist nicht so schön, wie sich das mancher erträumt.« Immer öfter müssen die Brigadisten bei Nachbarschaftsstreitereien vermitteln. »Da hängen Äste über die Grundstückgrenze. Oder einer verfeuert Reifen, ein anderer feiert zu laut, ein Hund bellt zu oft.« Für Nicolas Krust frustrierende Einsätze. »Wenn die sich seit 30 Jahren in der Wolle haben, wie sollen wir das in fünf Minuten ändern? Solche Probleme lassen sich nicht lösen.« Das stinkt ihm gewaltig. »Ich will etwas Konkretes erreichen.« Zufrieden mit sich und der Welt fühlt er sich erst wieder nach einem Tag auf Streife, wenn er sein Anliegen vielen Elsässern und Touristen nahegebracht hat. »Unsere Mission ist die Prävention. Daß die Leute wissen, was es zu schützen gilt.« Finanziert werden die Beamten durch die Gemeinden, die sie betreuen, und das Departement Haut-Rhin, das für den Löwenanteil des finanziellen Aufwands aufkommt. Verantwortlich sind sie aber gegenüber den Bürgermeistern. Die entscheiden nämlich über Höhe und Art der Strafen. Deshalb ist die französische Polizei auch nicht begeistert ob des Plans, die Brigade auf ganz Frankreich auszudehnen. »Die befürchten, jeder Bürgermeister bekommt seine eigene Miliz.« Umweltpolizist Krust sieht das anders: »Wenn fünf Dörfer beitreten, kann von dem Geld ein neuer Brigadist eingestellt werden.« Schließlich gibt es in Frankreich über drei Millionen Arbeitslose und 122 Gemeinden ohne Brigade Verte - allein im Oberelsaß. »Das Prinzip ist zwar dasselbe. Aber ich verkaufe lieber Umweltschutz als ein Auto.“
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