Centennial-Classic-TT (Archivversion)

Wie einst im Mai...

Noch einmal Ago gegen Read fahren sehen oder den gewaltigen Sound der Sechszylinder-Honda hören - das und vieles mehr hatte die Classic-TT im holländischen Assen zu bieten.

Gäbe es einen Oscar für außergewöhnliche Leistungen in der internationalen Rennszene, Ferry Brouwer wäre in diesem Jahr sicher ein ganz heißer Kandidat. Denn was der Holländer, einst Grand Prix-Mechaniker bei Yamaha, am zweiten Mai-Wochenende in Assen auf die Beine gestellt hat, war schlichtweg sensationell - und bisher einmalig. Knapp 500 ehemalige WM-Fahrer aller Klassen aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren, darunter 29 Weltmeister, nahmen die Einladung Brouwers an, und röhrten mit ihren Maschinen von damals um den holländischen Traditionskurs.»Ich hatte einen Traum, aber die Realität ist noch viel schöner«, brachte Ferry Brouwer seine Gefühle angesichts der gewaltigen Ansammlung von außergewöhnlichen Menschen und Maschinen auf den Punkt. Daß der Organisationschef am Samstag 50 wurde und Motorradsport-Legenden wie die mehrfachen Ex-Champions Ubbiali, Surtees, Lomas, Duke, Masetti, Anscheidt, Taveri, Agostini, Read, Redman, Villa, Ballington, Sheene und Steinhausen zu seinen Gratulanten gehörten, war für Brouwer das Tüpfelchen auf dem i.Die Stars von einst genossen ihrerseits das Zuschauerinteresse und den Medienrummel, den die Centennial-Classic-TT entfacht hatte. So viele Kameraobjektive und Mikrofone wie an den drei Tagen von Assen waren früher wohl in einer ganzen Saison nicht auf die Piloten gerichtet. Und die Pressemeute sowie die 35 000 Zuschauer an der Strecke wurden für ihr Kommen reich belohnt, bot die Classic-TT doch einen prickelnden Augen- und Ohrenschmaus. Die Maschinen aus den genannten Epochen machen nicht nur optisch etwas her, auch der Sound der Motoren geht unter die Haut, weil er ungefiltert aus offenen Auspufftüten dröhnt - was auf die Dauer allerdings nur mit Ohrstöpseln zu ertragen ist.Nahezu alle Maschinen, die in der Zeit vom WM-Gründungsjahr 1949 bis 1980 eine Rolle spielten, drehten in Assen nochmal ihre Runden. Aus dem Viertaktlager zum Beispiel die berühmten Renn- und Sportmäxe von NSU, zahlreiche Norton Manx und BMW RS, eine große MV Agusta-Armada und dazu weitere erfolgreiche Italo-Renner von Benelli, Ducati, Gilera, Mondial, Moto Guzzi und Moto Morini. Auch die legendäre 350er Sechszylinder-Honda war zu bestaunen - allerdings nur relativ kurz, denn der ehemalige Werksfahrer Jim Redman konnte mit der Maschine nur sonntags antreten, weil es wegen dem edlen Stück Differenzen zwischen dem Besitzer und dem Veranstalter gegeben hatte.Aus dem Zweitaktlager kam zum Beispiel die 50erSuzuki mit zwei Zylindern und 14 Gängen, mit der Hans-Georg Anscheidt zwischen 1966 und 1968 drei WM-Titel in Folge gewann. Yamaha hatte eigens für die Classic-TT aus Original-Ersatzteilen drei Weltmeister-Maschinen der Sechziger neu aufgebaut: eine 250er mit Zweizylinder-Reihenmotor sowie je eine 250er und 125er mit V4-Triebwerk. Ein starker Yamaha-Konkurrent jener Tage war ebenfalls in Assen präsent: die Werksrenner von MZ. Die relativ modernen 500er Maschinen der späten siebziger Jahre von Kawasaki, Suzuki und Yamaha rundeten die Palette der Zweitaktsägen ab.Begonnen hatte das Spektakel am Donnerstag auf dem Marktplatz mitten in der Stadt. Dort wurden die Maschinen - wie früher in Assen üblich - den technischen Kommissaren vorgeführt. Erste Gelegenheit auch für die Fahrer, sich den Fans zu präsentieren, denn der Korso der Motorräder von der Rennstrecke ins Stadtzentrum und zurück sowie die technische Abnahme an sich mobilisierten bereits mehrere Tausend Schaulustige.Viele Piloten haben im Laufe der Jahre etwas Speck um die Hüften angesetzt. Andere sind schlank und drahtig wie eh und jeh: Jim Redman und Luigi Taveri zum Beispiel, zwei Honda-Stars und Weltmeister aus den Sechzigern. Oder Hollands ehemaliger 500er Held Wil Hartog. Wegen seiner stattlichen Größe und seiner blütenweißen Kombi wurde der fünfmalige GP-Sieger »Der weiße Riese« genannt. Bei der Classic-TT war Hartog richtig aufgedreht. Erst fightete er auf der Strecke recht flott mit Randy Mamola, dann lief er auf der Start- und Zielgeraden eine Ehrenrunde vor den johlenden Fans, und schließlich nahm er auf dem Siegerpodest spontan Barry Sheene auf seine Schultern - wie beim Grand Prix 1976, als Sheene gewonnen hatte und Hartog Dritter geworden war.Die Asse fuhren in Assen mit sehr unterschiedlichen Ambitionen. Manche betont kontrolliert und routiniert wie Multi-Weltmeister Giacomo Agostini, andere sehr beherzt wie Wil Hartog. Einigen ging im Eifer des Gefechts sogar der Gaul durch. So schmiß zum Beispiel der Ungar Laslo Szabo seine 250er Werks-MZ heftig ins Kiesbett. Eines war aber fast allen Fahrern wichtiger als schnelle Rundenzeiten: das Treffen mit den Konkurrenten von einst, die man seit 20 oder 30 Jahren nicht mehr gesehen hatte. »Wir waren Gegner auf der Strecke, aber Freunde im Fahrerlager«, erinnert sich der ehemalige MZ-Werksfahrer Heinz Rosner gern an die familiäre Atmosphäre, die früher im WM-Zirkus geherrscht hat.Davon erzählt auch John Surtees, bis dato der einzige Rennfahrer, der sowohl auf dem Motorrad als auch im Formel 1-Renner Weltmeister wurde. Heute ist er 64 und noch immer ein Profi vom Scheitel bis zur Sohle. Ganz Gentlemen, beantwortete der Brite mit den schlohweißen Haaren in Assen geduldig alle Fragen der Reporter, kritzelte nebenbei für die Fans Autogramme und war bei den offiziellen Terminen stets als erster zur Stelle. Und auf der Strecke gehörte John Surtees klar zu den schnellsten - egal, ob auf MV Agusta, BMW oder Norton. Auch dieser Mann hätte durchaus einen Oscar verdient.
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