Cross-Strecken und Ökologie (Archivversion)

Frosch-Perspektive

Im Münsterland gingen Crosser in die Öko-Offensive. Und siehe da: Neben Piste, Anliegern und Sprunghügeln fühlt sich die Natur richtig wohl.

Quak. Wie bitte? Ja, quak. Laubfrösche? Das konnte nicht sein. Oder doch? Die Mitglieder der Münsteraner Arbeitsgruppe Amphibien und Reptilien (AGAR) staunten nicht schlecht, als ihnen unweit des Dortmund-Ems-Kanals wahrhaftig Mitglieder dieser Froschlurch-Familie unter die Augen kamen. Denn erstens erwarten Naturfreunde entlang eines künstlichen Gewässers wenig, was ihr Herz erfreuen könnte. Und zweitens zählen die fälschlich als Wetterpropheten gepriesenen Fliegenfänger längst zu den bedrohten Tierarten, gelten schon deshalb als Indikatoren für eine intakte Umwelt.Doch das Erstaunen der Biologen steigerte sich noch, als sie erkundeten, wo denn genau die Frösche unterschlüpfen: auf dem Areal einer Cross-Strecke. Die hat der MSC Münster seit zwölf Jahren gepachtet, um seinen aktiven Crossern einen angemessenen Tummelplatz zu schaffen. Weil hier an den Öffnungstagen - während der Saison jeden Mittwoch und Donnerstag sowie an Wochenenden - gegen Gebühr auch Nicht-Mitgleider herumtoben, ist manchmal ganz schön was los auf dem insgesamt 100000 Quadratmeter großen Gelände. Fernab jedweder Behausung stört sich kein Mensch daran. Und die Frösche? »Die sind ja, kaum hatten wir hier die ersten Teiche gebaggert, freiwillig gekommen«, schmunzelt Andreas Brockmann, Cross-Beauftragter und Platzwart in Personalunion. Tatsächlich entsprach auch der MSC-Platz bis vor acht Jahren dem, was man sich landläufig unter Münsterland so vorstellt. Platt wie ein Brett erstreckte sich die auf Schwemmboden aus dem Kanal gedeiende Wiese Richtung Horizont. Erst als die Ansprüche der Crosser stiegen, Sprunghügel und Anlieger entstanden, belebte sich die Topographie. Logisch, weil für jeden Sprunghügel Erde zusammengekratzt werden mußte und so diverse Löcher entstanden. Die Senken liefen dank des lehmhaltigen Bodens ruckzuck voll Wasser. »Bald stand da Schilf drin«, berichtet Andreas. Lampenputzer folgten, allerlei Getier stellte sich ein, und so gehört es seit Jahren zum guten Brauch, während der streng eingehaltenen Mittagspause und - auf ein Bier - auch nach Feierabend dem Konzert der Frösche zu lauschen. Richtig rührend, die harten Crosser.Und richtig aufgeschreckt, als die Biologen ihnen 1996 mitteilten, welch seltene Spezies da so laut quakte. Denn längst hallt es durch Deutschland »Motorsportler raus«, wenn sich irgendwo in der Nähe von Pisten, Sektionen oder Sprüngen auch nur zwei Karnikel paaren. Beistand war also gefragt, und er nahte flugs in Gestalt des ebenso Umwelt- wie Enduro-bewegten Rüdiger Böngeler, veritabler Doktor der Physik, Betreiber eines kleinen Umwelt-Instituts in Münster und - Mitglied bei AGAR. »Laßt Euch nicht erschrecken«, sprach der Physikus, denn ihn beseelte schon seit längerem eine hoffnungsvolle Ahnung. Um die zu bestätigen, angelte er sich mit Thomas Mutz einen renommierten Biologen sowie mit Andreas Kronshage einen Landschaftsökologen und startete eine Reihe von Platzbegehungen.Dabei bewahrheitete sich, was Böngeler längst vermutet hatte: Die ganz spezifische Nutzung von Cross-Plätzen begünstigt Lebewesen, die ansonsten in unserer intensiv genutzten Landschaft oft zu kurz kommen. »Und die sich an dem Motorengeräusch nicht die Bohne stören«, ergänzt der Umweltfreund. »Für den Frosch ist alles quak, wenn er keine flachen, schnell erwärmenden Gewässer vorfindet. Und der Libelle alles schnurz, wenn sie nur ihre Larven ordentlich ablegen kann.« Eine echte Viecherei also, so ein freies Gelände mit Büschen drauf und Sträuchern, mit Wasser und aufgewühlter Erde. Zumal rundum die Alternativen nur heißen: Nutzwald oder Acker. Die intensive Land- und Forstwirtschaft hat sie abgehängt, die südliche Binsenjungfer, den Wasser- und den Laubfrosch. Den Bergmolch ebenfalls, und auch Pflanzen wie Froschlöffel oder Armleuchteralge suchten dringend nach einer Heimstatt, haben den Cross-Platz in Greven-Schmedehausen dankbar angenommen.Mehr noch: Sie stehen sogar auf Cross, denn jede Nutzungsänderung brächte sie erneut in Bedrängnis. »Wenn hier zum Beispiel große Bäume wachsen würden, wäre es mit den sonnenerwärmten Teichen schnell vorbei«, erklärt Rüdiger. Weil man sich an großen Bäumen richtig weh tun kann, decken sich die Interessen von Crossern und Fröschen. Deshalb empfiehlt der Münsteraner allen Betreibern, sich ebenfalls mit einer Umwelt-Expertise gegen eventuelle Eingriffe von Behörden zu munitionieren: »Nur auf absolut winzigen Mickey-Mouse-Kursen hat die Natur kaum Chancen. Ansonsten dürfte es auf vielen Plätzen so munter zugehen wie hier.«Zu Lande und zu Wasser, versteht sich: »Die Wasserproben, die wir gezogen haben, waren vom Feinsten«, erzählt Rüdiger, und Andreas erklärt: »Warum sollte das Wasser auch verschmutzen? Moderne Crosser ölen nicht mehr, das Kettenfett ist biologisch abbaubar, und jeder, der Leistung will, stellt auch seinen Zweitakter ziemlich mager ein.« Leistung wollen sie alle, auf der anspruchsvollen, von nah und fern gern besuchten Strecke. Einer gut gepflegten obendrein: Am Abend vor jedem Trainingstag wird die Piste geschoben. »Und wenn ich dann morgens wieder rauskomme«, berichtet Andreas, »dann verraten Spuren, daß auch Rehe und Schwarzwild auf Cross-Pisten stehen.« Was übrigens sogar der zuständige Jagdpächter würdigt, der zwar seine Ressentiments gegen die Stollenritter noch immer nicht aufgeben mag, aber mittlerweile im direkten Umfeld der Piste ganze vier Hochsitze betreibt.Waidmanns Heil wünschen die Crosser, denn sie haben längst erkannt, wie wunderbar die Symbiose aus Sport und Umweltschutz ihren Interessen dient. Geduldig lauschten sie Vorträgen des Biologen Mutz, im November weiteten sie ihre Umwelt-Offensive nochmals aus: Seither betreut das Netzwerk Umwelt- und Naturschutz den Platz. Achtet darauf, daß Frösche und Lurche prächtig gedeihen, beobachtet, ob ihnen mit gezielten baulichen Maßnahmen oder Anpflanzungen auf noch größere Sprünge zu helfen ist. Rüdiger Böngeler kann dieses Verfahren nur empfehlen: »Jede Naturschutz-Organisation sucht händeringend Flächen, wo sie bestimmte Arten ansiedeln oder betreuen kann. Cross-Pisten bieten sich dafür an, weil sie nicht alle Tage befahren werden, weil sich also Sportler und Naturschützer überhaupt nicht stören.«Eine gewisse Grundtoleranz sollten beide Seiten freilich mitbringen, und deshalb darf nicht wundern, wenn ausgerechnet die Crosser des MSC Münster Vorreiter spielen. Junge, engagierte Leute kämpfen hier für ihr Hobby, versuchen, andere dafür zu begeistern: Ein Kinderkurs wartet neben der Strecke, mehrmals jährlich gibt’s Fahrkurse, und die Anfänger-Runde geleitet malerisch um einen Teich. Auch Enduristen sind willkommen - und jetzt sogar die Umweltschützer. Als Lohn für alle Bemühungen muß der Dank des fahrenden Volkes reichen. Andreas wundert sich: »Hier und in anderen Vereinen reißen sich ehrenamtliche Helfer die Beine aus. Aber fast alle, die an unserem Sport verdienen, legen ihre Hände in den Schoß.« Dabei wäre jede noch so kleine Unterstützung willkommen, diente - zumindest in Greven-Schmedehausen - einem doppelt guten Zweck und würde Andreas Brockmann wenigstens einer Sorge entheben. Der hat nämlich schon wieder eine neue: »Wenn im Frühjahr das Schwanenpaar kommt. Muß ich dann aufpassen, ob die von den Armleuchteralgen naschen?“
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