Daytona Bike Week ’98 (Archivversion)

Das Recht und die Pflicht zur Party

Über eine halbe Million Biker pilgerten zum Winterende an den Strand von Daytona, zum 57. und noch lange nicht zum letzten Mal.

Die Geschäftsleute von Daytona Beach mögen die Bike Week. »Die Biker sind nett, friedlich und lassen einen Haufen Geld in der Stadt«, bestätigen nicht nur die Händler der einschlägigen Ledergeschäfte und Tattoo-Studios in der Main Street, dem Nabel der gut zehntägigen Dauerparty für Hunderttausende. Auch Hotel- und Gastronomie-Manager aus der ganzen Region stimmen fröhlich ein.Sind wir im falschen Film? Was ist übrig von den verwegenen Vorbildern Marlon Brando und Peter Fonda, von den Legenden der Angels, Bones und wie sie auch immer heißen? Sind die wilden Easy Rider zahnlos geworden?Nun, nicht ganz, nur ein bißchen älter vielleicht. Stand vor fünf Jahren nur eine Handvoll Pick-Up-Trucks verschämt am Stadtrand oder in den hinteren Ecken von Hotel-Tiefgaragen, weil der kernige Biker seine Harley natürlich noch per Achse zum großem Frühjahrsmeeting steuerte, ist heute alles anders: Die Ausstellung edler Mini-Trucks sowie formidabler, jedem semiprofessionellen Racing Team zur Ehre gereichender Transportanhänger kann es längst mit der Harley-Parade aufnehmen, die während der Bike Week ununterbrochen die Main Street rauf- und runterrollt. »Wie ich hier hergekommen bin?«, fragt der schwer tätowierte Frederic aus dem mittleren Westen erstaunt zurück, »mit dem Truck natürlich. Die Harley hinten im Trailer. Kein Mensch, zumindest nicht von außerhalb Floridas, reist anders an. Ich bin doch nicht wahnsinnig.«Aber wenigstens die wichtigsten Riten und Äußerlichkeiten sind noch erhalten. Dem Biker kommt es bei aller, auch von unübersehbarer und unerbittlicher Polizeipräsenz geförderter Friedlichkeit selbstverständlich nicht in den Sinn, hinter seiner Sonnenbrille uncool zu grinsen oder gar zu lachen.Auch die Rolle der Frauen auf der Dauerfete bleibt unerschütterlich in der Macho-Tradition der Südstaaten-Gesellschaft. Die Mädels sind spärlich bekleidete Sozias, die ihren Auftritt bei Wet-T-Shirt-Contest, Schlamm- oder Öl-Wrestling sowie Table Dance-Shows haben. Aber selbstverständlich, schließlich sind wir ja alle gute Amerikaner, bei aller Offenherzigkeit nie gänzlich unbedeckt. Denn die freundliche Reaktion auf den Daytona-Klassiker »Show me your tits« etwa will wohlüberlegt sein. Wenn ein Wächter des Gesetzes die nackten Tatsachen erblickt, packt er zu. Eine vorübergehende Festnahme und 50 Dollar Bußgeld sind dann das Mindeste. Liberaler sind die Ordnungshüter, was die eigentlichen Objekte der Biker-Begierde angeht. Es besteht zwar Helmpflicht, die auch strengstens überwacht wird. Aber es gilt im weitesten Sinne alles als Helm, was einen Kinnriemen hat. »Loud pipes save lives«, ein weiterer Bike-Week-Klassiker, hat ebenfalls nach wie vor uneingeschränkt Hochkonjunktur. Kein Mensch wird vom Donnerschlag in klar dreistelligen Phon-Bereich auch nur annähernd belästigt, ganz im Gegenteil. Es rümpft höchstens mal einer die Nase, wenn der hochtourig peitschende Krach eines japanischen Vierzylinders die Biker-Ohren quält. Allgemeines Unverständnis und Kopfschütteln erregen höchstens die wohnmobilhaft aufgerüsteten Honda Gold Wing, deren Sechszylinder-Boxer völlig geräuschlos vorbeisäuseln.Eine Hauptrolle in einer weiteren klassichen Bike-Week-Inszenierung kommt diesen Kreuzfahrtschiffen auf zwei Rädern, die nirgendwo besser hinpassen als auf US-Highways, dennoch zu, wenn auch eine eher tragische. Der Bikertreff Pub 44, zehn Meilen südlich von Daytona Beach, veranstaltet alljährlich seit 1981, als der schon damals längst in den USA produzierten Gold Wing die voluminöse »Interstate«-Verkleidung gewachsen ist, den »Bike Bash«.Da darf der aufrechte All American-Hero gegen eine geringe Gebühr, die selbstverständlich caritativen Zwecken zugeführt wird, nach Herzenlust mit dem schweren Hammer auf die verhaßten Ausgeburten japanischer Motorradtechnologie eindreschen.Wesentlich staatstragender muß der wilde Party-Reiter dagegen am nächsten Vormittag wieder auftreten, wenn es an den nach offiziellen Angaben längsten Strand der Welt geht. Das Meeresufer darf zwar mit jeglichen Fahrzeugen befahren werden, aber nicht schneller als mit 10 Meilen pro Stunde. Das Bier muß in neutralen Behältern unkenntlich gemacht werden, und in Sachen »Show me your tits« sind die Staatsautoritäten um ein Vielfaches wachsamer als am Abend in der Main Street.Nichts von alledem wird den All American-Biker aber davon abhalten, im nächsten Vorfrühling wieder seinen Trailer zu packen und seinen V8-Pick Up gen Osten zu treiben, um bei der 58. Daytona Bike mit Hunderttausenden Kumpels wieder so richtig auszuflippen.
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