Daytona Bike Week (Archivversion)

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Ja, was denn nun? Rennwoche, Partywoche, Kehrwoche? Eigentlich alles zusammen. Ein blitzsauberes Vergnügen mit Race-Einlagen, die an manchem freilich spurlos vorbeigehen. Dem Mythos Bike Week auf der Spur.

Wir haben es verbockt. Wir, das sind mein rennfahrender Kollege Guido und ich – der Knipser. Samstag bedeutet für Guido renn- und trainingsfrei. Also: Zack, zack in der Daytona Main Street knallhart die Reporter gemimt, um sich geschmeidig so gegen halb vier nachmittags im Speedway Oval bei Kaffee und Kuchen das Supercross-Finale reinziehen. Was unseren Plan betrifft: Nun ja, wir machten den Fehler und gingen zu Fuß.Es existieren zwei Welten in Daytona. Die eine heißt Rennsport, die andere Harley-Davidson. Die Klammer für beide nennt sich Daytona Bike Week. Geografisch liegen diese Welten ungefähr fünf Meilen auseinander.Als Wanderer zwischen den Welten starteten Guido und ich heute Morgen als menschliches Strandgut an eine riesige Straßenkreuzung gespült, hocken wir – Samstagmittag - genau dazwischen. Ein stiller Zeremonienmeister, als schnöde Verkehrsampel getarnt, dirigiert ein wunderbares Spektakel. Pött, pött, pött - bruuuaah. Eine Horde Harleys, beschleunigt durch helmlose Gesellen, ergießt sich in die Weiten Floridas, dass die Sümpfe wackeln. Bevor man Mund und Ohren zukriegt, donnert schon die nächste Welle.Leichter Nieselregen, weder warm noch kalt, aber eine Luftfeuchtigkeit, die einen platt macht. Auf einem kleinen Mäuerchen gönnen wir uns eine Rast und glotzen auf die Straße. Ich habe mir eine Blase gelaufen, trinke aus einem Megabecher Kaffee – oder was die Amis dafür halten – und mampfe zuckersüße Donuts. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Selten ging es mir prächtiger. In alle Himmelsrichtungen gibt die Ampel den Dragstrip frei, füllen sich unverzüglich die Startplätze mit weiteren Motorrädern. Das Ganze besitzt meditativen Charakter, und mit leicht debilem Grinsen flutsche ich in die Glückseligkeit.Der Nachschub muss unendlich sein. It’s Showtime, und die Amis zelebrieren dieses Spiel. Es sind ja nicht nur die altertümlichen Chopper-Böcke. Nach den Kennzeichen zu urteilen, müssen viele schon tagelang unterwegs sein. Reisemobile im Omnibus-, Autos in XXL-Format. Jahrhundertelange Planwagenfahrerei scheint sich zu vererben. Dabei alles poliert, schweineteuer und Tag und Nacht in Betrieb. Motorräder auf einem Rad, Motorräder tiefergelegt, Motorräder auf Hänger - alles möglich und vermutlich in ganz Daytona außer zwei verdächtig wirkenden Trotteln niemand sonst auf Schusters Rappen unterwegs.Falls Sie es nicht wussten, all die lustigen Bildlein aus Daytona stammen hauptsächlich von der Main Street, weil selbst der unbegabteste Fotodödler in diesem Verkehrschaos noch scharfe Szenefotos hinbekommt. Weil hier allerorten Laiendarsteller rumlungern, welke Omas und Poser, die sich stundenlang anstellen oder im Kreis fahren, kurz durcheiern und hoffen, dass wenigstens einer mit der Videokamera draufhält. Die machen’s umsonst, die netten Mädels posieren mit Touri für ein paar Dollars mehr.Mir geht mein mieses Motel durch den Kopf. Ziemlich muffig und mit Serienmörderambiente für schlappe 140 Dollar ohne Frühstück. Aber die Szenerie auf dem Parkplatz ist großartig. Donnerstagmorgen um sechs Uhr fuhren sie vor. MC Nasty Boys. Die hatten ungelogen an einem Pick-up einen Anhänger dran mit Grill drauf, der die Größe meiner Muffbude locker mitging! Mit stoischer Ruhe – egal, bei welchem Wetter - ballern sich diese Jungs seither unaufhörlich Mammutbecher Cognac (Eis im anderen Anhänger) in die Birne oder fingern an ihrem Grill rum. »Sollen wir weiter«? Guido holtmich aus meinen gedanken zurück, aber meine Motivation liegt flach, und Supercross ist eh schon rum. Der Verkehr nimmt noch mal zu. Gestern hatte irgendjemand von 500000 Menschen gesprochen, null Ahnung, wie viele es tatsächlich sind. Doch damit sich keiner ein falsches Bild macht: Die ganze Chose läuft durchgehend ruhig ab. Oder präziser ausgedrückt: Es ist ein reichlich familienfreundliches Happening, wer die Sau rauslassen will, sollte sich genau überlegen, wann und wo. Und das soll Spaß machen? Jo!Keine Helmpflicht (Sonnen-, äh Schutzbrille bleibt aber coole Vorschrift ), volle Dröhnung durch offene Rohre, so frönt der Harley Fahrer seinem Lieblingshobby: 24 Stunden rauf und runter bleiern, und das Ganze ohne abtörnende Multifunktionsklamotten. Einfach so. Für Guido und mich wird es Zeit, sich auf den Rückweg zu machen. Warum wir kein Taxi nehmen? He, schlau. Aber es gibt keines. So trotteln wir gemächlichen Schrittes in die andere Welt zurück wohl wissend, dass die Legitimation beider Seiten jeweils die andere ist.
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