Der Trike-Hersteller Boom (Archivversion)

Traute Dreisamkeit

Im schwäbischen Sontheim, zwischen Ulm und Würzburg gelegen, findet sich der größte Hersteller unserer Trike-seeligen Republik. Die Firma Boom, 1990 vom Fahrzeugbau-Ingenieur Wolfgang Merkle gegründet und heute von ihm sowie dem Kaufmann Thomas Stubenvoll und Industriemeister Hermann Böhm geführt, produziert jährlich 600 bis 700 Dreiräder. Für 1999 hoffen die Boomer sogar auf vierstellige Zahlen, weil ihnen die Öffnung der EU-Märkte endlich auch Zugang zu französischen Kunden verschafft. Cote d«Azur und Trikes - da müßte doch was gehen.Rund 25 hauptberufliche Mitarbeiter beschäftigt Boom, hinzu kommen in der Saison noch ebenso viele Aushilfskräfte oder Heimarbeiter. Damit die Produktion stets flutscht, hat man sich einen Stamm fester Zulieferer aufgebaut. Rahmen, Edelstahl- und GfK-Teile, Sitze - noch einmal an die 100 Leute leben davon, Komponenten für Boom zu bauen. Die Motoren - derzeit ausschließlich Vierzylinder-Boxer von VW - stammen entweder neu aus der mexikanischen Käfer-Fabrik oder grundüberholt vom holländischen Groß-Instandsetzer Vege. Erstere auch mit Einspritzung und Kat, aber egal woher: auf jeden Fall mit zwölf Monaten Garantie.Grundgerüst jeden Boom-Trikes bildet ein Kastenrahmen aus Stahl, der nicht nur für Stabilität bürgt, sondern auch das nötige Gewicht aufs Vorderrad bringt. Daran schließt sich ein Käfer-Getriebe samt Achsen an, wobei sowohl die uralte Pendelachse als auch die etwas modernere Schräglenker-Variante im Programm sind.Der offen getragene Stoßstangen-Boxer bietet sich laut Wolfgang Merkle als logischste Lösung an: »Er ist auch als Neuteil relativ preiswert, das vor dem Motor liegende Getriebe paßt perfekt zum Trike, und seine Leistung reicht völlig aus.« Was wohl schon der Umstand beweist, daß über 90 Prozent aller Boom-Kunden einen Motor mit 34 bis 60 PS wählen. Gute fünf Prozent wagen sich vor bis 100 PS, nur eine Handvoll Freaks läßt mittels zwei Litern Hubraum, Doppelvergasern und und und auf über 100 PS aufrüsten.Otto Normaltriker steckt sein Geld dagegen lieber in mehr oder weniger sinnvolle Accessoires. Obwohl Trikes grundsätzlich im sinnfreien Raum zu fahren scheinen. Irgendwie ja auch sympathisch. Topcase, Gepäcktaschen und -brücken, Motorschutzbügel oder -beleuchtung, auffällig geformte Auspuffsysteme, Getränkedosen-Halter, Zusatzinstrumente - der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Bevorzugte Materialien: Leder und glitzerndes Metall. Wobei der Trend entgegen allen Vorurteilen weg geht vom Chrom und hin zu poliertem Edelstahl. Der besseren Rostvorsorge wegen.Damit ist bereits ein Trend für zukünftige Trikes benannt. Die anderen wären: Auch Trikes müssen sich für verschärfte Abgas-Bestimmungen wappnen, weshalb Boom zunehmend auf neue Käfer-Motoren mit Einspritzung und geregeltem Kat setzt. Verschärften Lärm-Bestimmungen möchte man mit Resonanz-Auspuffsystemen begegnen, die Leistungsminderungen verhindern. Als verbesserte Hinterradführung wäre eine Raumlenkerachse denkbar, und bei Boom-Kunden setzt sich bereits jetzt die neue Komfortgabel durch. Als geschobene Schwinge spricht sie noch einmal deutlich sensibler an als bislang übliche Springer-Gabeln und verspricht obendrein eine noch stabilere Radführung.Die Fertigung bei Boom hat - ebenso wie beim stärksten Mitbewerber Rewaco - längst Kleinserien-Charakter. Professionelle Lagerhaltung und gediegene Qualitätskontrolle gehören ebenso dazu wie glasklare Garantie-Bedingungen. Derlei Bemühungen manifestieren sich unter anderem darin, daß Rewaco mittlerweile eine Trike-Reihe mit ABE produziert und Boom seit 1997 unter den strengen Auflagen des TÜV als Hersteller nach DIN EN ISO 9001 fertigt. Oder auch darin, daß ein Kabelbaum nach Industrienorm verwendet wird, der sicher funktioniert und sich blitzschnell verlegen läßt. Zeit ist Geld. Auch für jene Kunden, die ihr Trike am liebsten selber zusammenbauen. Dazu zählen nicht selten Händler, deren Werkstatt im Winter nicht voll ausgelastet ist, die diese Monate mit Montage-Arbeiten nutzen. Wer ein Fertig-Trike ordert, darf sicher sein, daß sich ein Mechaniker ganz persönlich dem kompletten Fahreug widmet. Dadurch, so Wolfgang Merkle, habe man die Qualität noch einmal deutlich steigern können. »Da fühlt sich jeder noch mehr verantwortlich.«Die Kundschaft reiche, so Merkle weiter, quer durch alle Schichten. »Völlig korrekte Leute«, beteuert er. »Mit Handschlag-Mentalität.« Und nicht wenige kämen vom Motorrad zum Trike oder hätten eben beides. So wie Wolfgang Merkle.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote