Die hohe Kunst der Unvernunft (Archivversion)

Die hohe Kunst der Unvernunft

Nach der Präsentation der sensationellen Münch Mammut 2000 hegte auch ich gewisse Zweifel, ob sie wirklich jemals fahren wird. Zu abgefahren erschienen die Daten und Details dieses Monsters. 250 PS, zwei Liter Hubraum, über 350 Kilogramm Lebendgewicht – und das auf zwei Rädern?Nun, die Tatsachen sprechen für sich. Das Mammut lebt, schnaubt und stampft wie ihre Urahnin, die Münch Mammut 1200. Thomas Petsch, Initiator dieses Ultra-Bikes, hat etwas geschafft, was den meisten Motorradfirmen heutzutage abgeht: Er besaß den Mut, in das scheinbar Verrückte, das wirklich Unsinnige, ja, das vollkommen Unvernünftige zu investieren. Kein Mensch braucht eine Mammut 2000, aber viele finden sie faszinierend.Vernünftige Motorräder gibt es ja wirklich genug. Jeder Hersteller bietet sie an. Und das ist auch gut so. Wir testen sie bei MOTORRAD auf Herz und Nieren und freuen uns, dass sie sich so stark verbreiten. Aber so ein richtiges Unvernunftsmotorrad, das jenseits von schierer Leistung und Topspeed für Diskussionen sorgt, für Kopfschütteln oder Begeisterung, das fehlt mir bei den meisten Motorradfirmen. In den 80er Jahren boten viele Hersteller Modelle, die entweder technisch auf außergewöhnliche Lösungen setzten oder konzeptionell neue Wege bestritten. Beispielsweise eine Yamaha Vmax. Oder die bissige, wenngleich meist nicht sehr standfeste Suzuki RG 500. Ebenso Hondas NR 750, sündhaft teuer, aber voll faszinierender Technik mit ihren Ovalkolben und Achtventil-Zylinderköpfen. Oder eine Kawasaki Z 1300, mit Sechszylindermotor jenseits aller Handlingsüberlegungen entwickelt.Es war die hohe Kunst der Unvernunft, die die Unternehmen alle diese scheinbar verrückten Maschinen bauen ließ. Drehen wir doch das Rad der Zeit ein wenig weiter zurück, als Friedel Münch sich entschloss, einen NSU-Automotor in ein Motorradfahrwerk zu integrieren. Mitte der 60er Jahre hatte ein gewisser Soichiro Honda eine ähnliche Idee, nämlich ein Motorrad mit vier Zylindern in Reihe, viel Hubraum und viel Leistung zu bauen. Die Honda CB 750 war eine faszinierend verrückte Maschine, schlug über die Stränge. Doch genau sie hat letztlich den Boom des Reihenvierzylinders ausgelöst, der bis heute das am weitesten verbreitete Motorenkonzept ist.Es ist eben manchmal ein neuer Ansatz nötig, das scheinbar Verrückte, um Anregungen, Visionen zu entwickeln, die für die Zukunft tragen können. Und so könnte auch das Projekt Mammut 2000 die Großserienhersteller zu neuen Taten inspirieren.
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