Die Menschen an der Strecke (Archivversion)

Leben am Ring

70 Jahre Ring sind auch 70 Jahre Adenau, Breitscheid und Nürburg. Ex-MOTORRAD-Testredakteur Michael Schäfer erinnert sich an Kindertage an der Strecke.

März 1997. Wie schon ungezählte Male vorher stehe ich mit Vater und Bruder wieder an der Nordschleife des Nürburgrings, nach der langen Motorsportpause des Winters geradezu ausgehungert nach Rennen. Nach Motorrädern, nach Benzingestank, nach Motorengebrüll, nach allem einfach. Heute startet der erste Lauf des Veedol-Langstreckenpokals. Endlich.Meine Familie stammt aus Adenau. Vater wuchs 300 Meter vom Streckenabschnitt Breitscheid entfernt auf und kennt hier jeden Stein und jeden Baum. Auch ich erinnere mich an manches wieder: Da ist das Loch im alten Drahtzaun, an dem ich mir als Junge mal die Hose zerrissen habe. Dann die Baumwurzel, an der es mich der Länge nach hingehauen hat. Aber Eifelindianer kannten schon damals keinen Schmerz. Während sich die Erwachsenen früher einen Renntag lang die kreischenden Motorräder angesehen haben oder Renn-Tabellen führten, Rundenzeiten nahmen und hin und wieder die Würstchen auf dem Grill umdrehten, sind wir Kinder zwischen den Bäumen verschwunden und haben mit Taschenmesser, Pfeil und Bogen den nächsten Kaninchenbau belagert - grundsätzlich ohne Erfolg.»Die Zuschauer standen hier früher dicht an dicht, so weit man gucken konnte«, erzählt Vater, als wir uns den Weg auf einem schmalen Pfad durch Brombeer-Ranken bahnen. Bis zu 400 000 Zuschauer kamen in den 50er Jahren bei einem wichtigen Rennen zum Nürburgring. »Die 17 Gleise auf dem Kopfbahnhof von Adenau standen gerammelt voll mit Sonderzügen. Die B 257 nach Adenau wurde an Rennwochenenden zur Einbahnstraße erklärt. Und in Adenau selbst war der Verkehr so dicht, daß am Bahnhof, in der Ortsmitte und bei Breitscheid drei Holzbrücken über die Hauptstraße errichtet wurden, damit die Fußgänger hinüber konnten.«Damals gab es kein RTL, DSF oder Eurosport. Wer Sport erleben wollte, mußte selbst an die Strecke. Doch etwas gab es: das Streckenradio, ähnlich dem Manx-Radio auf der Isle of Man. Auch heute war es schon auf der Anfahrt auf UKW, Frequenz 87,7 Megaherz, zu hören: »Das Wetter ist leicht bewölkt mit sonnigen Abschnitten und Windböen, die Temperatur beträgt plus zwei Grad.« Die grüne Hölle, wie der Formel 1-Rennfahrer Jackie Stewart den Nürburgring einst nannte, ist eine kalte Hölle: Der Ring liegt in der Hocheifel, einer wetterwendischen, herben Region. Preußisch-Sibirien heißt es nicht zu unrecht im Volksmund. Im Königreich Preussen wurden sogar tatsächlich in Ungnade gefallene Beamte dorthin strafversetzt. Die Fahrer fürchteten und achteten den Ring gerade wegen seiner Wetterextreme. Hier wurden schon Rennen im Schneetreiben zu Ende gefahren, und die Regenschlachten auf der Nordschleife sind Legende. Auf welcher Rennstrecke der Welt werden im Winter sonst noch Skilanglauf- und Hundeschlittenrennen ausgetragen? Wer im Fahrerlager oder auf den Zeltplätzen eine eisige Frühjahrsnacht im Zelt durchgeschlottert hat, glaubt gerne, daß hier schon Siegesträume durch gefrorenes Kühlwasser geplatzt sind. Und manchmal, wenn der Ring in seiner berühmten Nebelsuppe wabert, reicht die Sicht oft gerade mal noch drei Meter weit. Zehn Kilometer weiter brennt die Sonne. Eifelwetter.Vater stapft zum nächsten grünen Hang: Hier haben wir uns rumgetrieben, wenn die Gulf-Porsche sich mit den Chevron-Lola und dem »Staubsauger«-Chapparal - der mit den zwei Ventilatoren an der Heckschürze - herumschlugen, wenn die BMW 3.0 CSI und die Ford Capri RS, die BMW 2002 tii und Ford Escord RS 2000 miteinander und mit dem Nürburgring rangen. Die Motorräder auseinanderzuhalten fiel mir schwerer. Zu ähnlich sahen sich die Maschinen damals mit ihren Vollverkleidungen. Zumindest in meinen Augen. Was haften blieb, ist der unglaubliche Lärm, den sie produzierten. Die letzten ballernden Einzylinder-Aermacchi versuchten sich noch tapfer zu wehren. Doch viel lauter war schon das schrille Sägen der damals völlig ungedämpften TZ-Yamaha, waren die bellenden Benelli und MV Agusta mit ihren offenen Megaphonen und die irrsinnig schreienden Honda Vier- und Sechszylinder: »Die waren so laut, daß du nicht in ihrem Windschatten fahren konntest. Du hast dich freiwillig zurückfallen lassen, weil der Krach nicht auszuhalten war«, erzählte mir einmal auf einem Motorradtreffen ein älterer englischer Herr, der damals eine 350er Norton fuhr.Doch selbst der Honda-Urschrei soll noch übertroffen worden sein. Mein Großonkel Michel Miesges aus Adenau, der auch Rennen fuhr, hatte seine Ladepumpen-DKW mit 175-cm3-Einzylinder-Zweitaktmotor über den Krieg gerettet. Er soll mit ihr 1949 im Training zur 175er Klasse der Deutschen Meisterschaft auf den sechsten Startplatz gefahren sein - bevor er stürzte und mit schweren Prellungen das Rennen sausen lassen mußte. Aber: »Die DKW vom Onkel Michel war so laut, die konnte man am Breitscheid hören, wenn er am Start losfuhr«, erzählte Vater die Geschichte. Immerhin über sechs Kilometer Luftlinie.Großonkel Michel hatte damals unglaubliches Glück. Denn in den 50er und 60er Jahren war ein tödlicher Unfall an einem heißen Rennwochenende auf dem Ring nicht die Ausnahme - er war die Regel. Kiesbetten? Auslaufzonen? Links und rechts der Geraden ragten Hecken wie an einem Feldweg an der Fahrbahn auf - dahinter stand starr und schweigend der Wald ... Und in Kurven gab ein Erdwall wie an jeder Kanalbaustelle die Flugbahn vor.Hart war deshalb der Job der Streckenposten, Einheimische aus den umliegenden Orten meist. Vater war natürlich auch dabei. Zwei Jahre lang hatte er den Job gemacht. »Aber dann kam 1953 der Lauf zur deutschen Meisterschaft für Motorräder«, erinnert er sich. »Da ist in der ersten Kurve am Wehrseifen, knapp rechts von meinem Abschnitt, ein Fahrer geradeaus durch die Hecke gerast und frontal gegen einen Baum geknallt. Den haben wir hinter der Hecke regelrecht vom Stamm gewischt, während davor das Rennen weiterlief. Danach hatte ich keine Lust mehr.«Darum war er auch immer so angespannt, wenn ich mit meinen Redaktionskollegen auf die Nordschleife zum Testen fuhr oder mit meinem Bruder vor einigen Jahren ein paar Langstreckenrennen dort gefahren bin. Aber seine Sorgen waren unbegründet. Wer mit und an dem Ring aufwächst, weiß, daß man den alten Drachen nicht ärgern darf. Auf ihm reiten und mit ihm spielen, das ist in Ordnung - wenn man seine Regeln beachtet. Wenn nicht, dann spuckt er auch mit seinen 70 Jahren noch ordentlich Feuer. Und dann wird er tatsächlich zur Hölle.
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