Die Simson-Kids (Archivversion)

Da biste platt

Inmitten kunstvoll begrünter Berliner Plattenbau-Tristesse hegen junge Mopedfreunde eine immer seltener werdende Spezies noch allzeit flügger DDR-Fahrobjekte.

Simson-Rennen auf der Speedway-Bahn in Berlin-Wolfslake. Die Kids jubeln: »Und schon wieder ein Hellersdorfer!« Otto hat mit seiner Spatz den Vogel abgeschossen und alle Gegner versägt. Als nächster ist Tilo mit seiner Schwalbe dran. Hektisch montiert er einen Tuning-Auspuff ans Moped. »Damit geht’s besser ab.« »Sag mal, welche Runde ist das jetzt eigentlich? Etwa schon das Halbfinale?« fragt Sven. »Weeß ick nich.« Was um sie herum vorgeht, interessiert die Jungs aus dem Ostberliner Plattenbaubezirk Hellersdorf nicht die Bohne. Irgendwie schaffen sie’s dennoch, immer rechtzeitig am Start zu sein. Und so kann’s passieren, daß Otto auf dem dritten Platz landet und eine Urkunde kassiert, Tilo gar Zweiter wird, wofür’s als Belohnung einen Satz Reserveschläuche gibt. »Prima«, freut er sich, »damit hab’ ich das Startgeld glatt wieder reingekriegt.«Von der Rennbahn bis nach Hellersdorf sind’s etwa 50 Kilometer. Mit den knatternden Zweitaktern zieht sich die Distanz doch sehr ins Langstreckenhafte. Otto verliert unterwegs einen Luftfilter. Für morgen steht Vergaserputzen auf dem Plan. Hellersdorf liegt so weit im Osten von Berlin, daß es auf den meisten Stadtplänen gar nicht erst zu finden ist - eine der vielen gesichtslosen Trabantenstädte, die hemmungslos aus dem Boden gestampft wurden. Nicht einer der Simson-Freaks kam hier auf die Welt. Mit ihren 16 bis 18 Jahren sind sie allesamt älter als ihr Wohnviertel. Einer ist der Clique zugefahren, Tilo kommt eigentlich aus Marzahn. Das liegt gleich nebenan. »Macht keinen Unterschied«, grinst er, »hier sieht sowieso jede Siedlung gleich aus.«»Eigentlich müßte der Senat die Rennerei und Schrauberei an den Simson als Jugendprojekt fördern«, meint Michael, seines Zeichens ein ebenso sozial- wie Moped-engagierter Theologe, »besser die machen ihre Maschinen heiß, als daß sie in der Nacht losziehen und ‘Fidschis klatschen’, wie das hier in Skin-Kreisen heißt.« Und er verweist darauf, daß die Hellersdorfer Simson-Jünger mit den Klischees von der verwahrlosten und perspektivlosen Plattenbaujugend nichts, aber auch gar nichts zu tun habe. Statt am nächsten Kiosk Kolben zu ziehen, werkeln sie fix an Zylinderköpfen rum. Arbeitslos sind sie auch nicht. Fast alle haben eine Lehrstelle gefunden. Nach langen Anläufen freilich: »Jeder von uns hat seine 100 Bewerbungen geschrieben.« Das Interesse für ihre Mopeds, davon ist Michael fest überzeugt, »gibt ihnen auch die Geduld und Kraft, mit den Problemen des sozialen und beruflichen Lebens besser fertig zu werden. Wenn schon die neuen Länder nicht so recht blüh’n, soll wenigstens der Auspuff glüh’n.« Aus Hellersdorf weg will keiner. »Ist doch ein geiler Kiez. Auf den endlosen Zubringerstraßen kannste einfach toll Moped fahren.« Dank diverser Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen grünt’s zwischen den Plattenbauten mittlerweile sogar ein bißchen. Aber was diese Trabantenstadt für die Kids so richtig heimelig macht, das ist nicht der weiße Flieder, das ist ihre Kameradschaft und die gemeinsame Liebe zu den Mopeds aus Suhl. Allerdings nur zu denen, die noch zu DDR-Zeiten gebaut wurden. Denn damals waren Schwalbe, Habicht, Star und Spatz mit ihren 60 Sachen den Westprodukten schon ab Werk mindestens zehn km/h voraus. Der Einigungsvertrag sollte daran nichts ändern. »Gegen Westmotoren haben wir ‘ne Abneigung.« Aber Simson fahren die Hellersdorfer nicht aus kultischen Erwägungen heraus; sie tun’s, weil die Dinger einfach schneller sind. Natürlich blieb es nicht bei den 60 km/h. Hemmungslos plaudern die Jungs ihre Geheimnisse aus: »In Wirklichkeit sind hier alles 80er, mindestens.« Die Mopeds müssen schließlich nicht nur für die Fahrt zur Disco, sondern auch fürs Rennen taugen. Nur Sven hat einmal ein bißchen übertrieben. »Ich muß wohl die Vergaserdüsen ein bißchen arg weit aufgebohrt haben. Da hat meine Simme glatt acht Liter geschluckt und getan wie ein Kremlstaubsauger.«Manchmal träumen sie sogar von richtig großen Motorrädern, von einer KTM mit 620 Kubik und schnellen Kawas. Aber ihre Simson verkaufen, das würden sie nie. Darauf gibt’s ein großes Ehrenwort.Übrigens nennt Hellersdorf noch einen Jugendclub sein eigen. Hauptattraktion: eine Tischtennisplatte.
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