Dirk Raudies tritt zurück (Archivversion)

Ein Meister fällt vom Himmel

Ebenso überraschend, wie Dirk Raudies 1993 zum Weltmeister aufstieg, stürzte er nun ins Hinterfeld der 125er Klasse ab. Da keine Besserung in Sicht ist, hört der Schwabe lieber auf.

Valentino Rossi stürmte beim Grand Prix Katalonien zum zehnten Saisonsieg und löschte den Rekord von Dirk Raudies, der 1993 neunmal überlegen gewonnen hatte.Auch sonst ist der Ruhm jenes grandiosen Jahres verblaßt. Seit seinem ersten Grand Prix-Sieg 1992 in Brasilien gewohnt, den Rest des 125er Feldes um einen halben Kilometer abzuhängen, schrumpfte die Bilanz bereits 1994 wegen unerwarteter Technik-Probleme an seiner Werks-Honda auf drei Saisonsiege und den vierten Platz in der Endwertung. 1995 gewann Raudies in Assen zum letzten Mal einen Grand Prix und erlebte wenig später den absoluten Tiefpunkt seiner Karriere, als er sich bei einem Highsider kurz vor Saisonende in Brünn einen dreifachen Beckenbruch zuzog.1996 wurde er die halbe Saison über von seltsamen Fieberschüben heimgesucht und fuhr in Österreich nochmals auf Platz zwei, seither sind Podestplätze für den Oberschwaben nur noch glorreiche Vergangenheit. Denn 1997 wurde Dirk Raudies aus der Kandidatenliste für den exklusiven Honda-Werkskit gestrichen und setzte auf Swissauto-Leistungsteile. Das unerprobte Hybridmotorrad wurde zum Flop und trieb Chefmechaniker Ulli Maier bereits beim ersten Rennen zu einem Nervenzusammenbruch. Teamkollege Josep Sarda hatte die ständigen Schäden schon nach sechs WM-Läufen satt und warf das Handtuch. Der Spanier machte mit einem handelsüblichen Production Racer alleine weiter. Raudies blieb dem Swissauto-Motor treu und plagt sich bis heute mit technischen Gebrechen wie der verrückt spielenden Auslaßsteuerung, die neuerdings meistens lahmgelegt bleibt.Wegen der ständigen Ausfälle und Defekte verlor Dirk auch fahrerisch Biß und Konzentration und steht nun vor den Scherben seiner Karriere. »Manche haben einen schleichenden Plattfuß. Ich bin voll in den Nagel reingefahren. Die Luft ist raus«, sagt der ehemalige Champion.Die Chancen auf einen WM-Startplatz 1998 stehen ebenso schlecht wie die auf eine Werksmaschine, und das in Brünn angedachte Abenteuer eines Umstiegs in die 250er Klasse hat Dirk Raudies aus Vernunftsgründen verworfen. »Wenn alles optimal liefe, könnte ich vielleicht mal Achter werden und in der Gesamtwertung in die Top Ten vorstoßen. Und selbst wenn mir nach zwei Jahren eine Werksmaschine angeboten würde, müßte ich aus finanziellen Gründen ablehnen. Damit sind meine Zukunftsperspektiven bei null, und deshalb ist am Saisonende Schluß«, macht Raudies deutlich. »Denn nur um des Fahrens willen gurke ich sicher nicht hinterher. Ich war Weltmeister, habe auch in den Jahren danach bewiesen, daß ich mit Werksmaterial um den Sieg mitfahren kann, und das war schön so. Jetzt ist es halt vorbei, und obwohl es weh tut, kann ich immer noch froh sein, mit gesunden Knochen abtreten zu können. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum Peter Öttl noch mal mit aller Gewalt einen Platz als Fahrer sucht«.Lieber denkt Raudies nun über Zukunftsperspektiven als Teamchef nach. »Ich habe mich mit Stefan Kurfiss unterhalten. Dem tat der Rücktritt zunächst auch weh, doch jetzt ist er glücklich mit seinem Job bei Hein Gericke«, meint Dirk Raudies. »Mein größter Wunsch wäre, ein WM-Team zu leiten. Eine zweite Möglichkeit wäre, jemanden in der DM und EM aufzubauen. Oder ich könnte für gewisse DM-Fahrer Motoren tunen. Ich habe meinen Rennbus, ich habe Erfahrung und Beziehungen, und ich weiß, wie man mit kleinem Budget erfolgreich wirtschaften kann. Wenn mein Rücktritt pubik wird, kommt vielleicht ein Angebot«.Raudies ist nicht »der Typ, der zuhause faul rumhockt«, muß im Zweifelsfall aber auch nicht zu den Sonderschichten bei der Kühlschrankfirma Liebherr zurück, mit denen sich der 33jährige Maschinenschlosser einst die erste Rennmaschine zusammengespart hatte. »Zum Glück habe ich nicht den Fehler gemacht, das rauszuwerfen, was ich auf die Seite gebracht habe«, stellt Raudies erleichtert fest.Seine Familie mit Sohn Hannes und Töchterchen Katharina ist finanziell abgesichert, und für den Fall, daß das Angebot für einen Job als Teamchef auf sich warten läßt, schmiedet Dirk bereits andere Pläne. »Meine Frau Birgit will sich ein Pferd kaufen. Dann reite ich den ganzen Tag - damit mir der Abschied vom Rennsattel leichter fällt."
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