DM 500 (Archivversion)

Hurra, wir leben noch

Volle Startfelder, keine Nachwuchssorgen. Die längst totgesagte deutsche 500er DM lebt. Wirklich als Königs- oder doch eher Hobbyklasse?

Wenn die dicken V4 mich wenigstens aus dem Windschatten heraus überholen würden. Aber nein, die blasen mit fünf Meter Abstand an mir vorbei«, schnaubt Jörg Schöllhorn. Der Fahrer einer kleinen 360er Bischoff-Yamaha-V2 kann einem auf der schnellen Naturrennstrecke in Schleiz schon leid tun. Schöllhorn gibt 100 Prozent und manchmal noch ein bißchen mehr, um den kraftstrotzenden V4 von Kollege Niggi Schmassmann und Co. Paroli zu bieten. Trotz seiner 32 Lenze gilt der deutsche 250er Vizemeister von 1994 für viele als Hoffnungsträger der einstigen Königsklasse. Bis zum Rennen in Schleiz führte er das Klassement sogar an. Noch vor zwei Jahren stand die 500er DM vor dem Aus: Ältere Herren auf museumsreifen Rennmaschinen – das war das Image der Halbliter-Strategen. Von den Medien kaum beachtet und von den Kollegen aus anderen Rennklassen höchstens milde belächelt. Die schmunzeln mitunter immer noch, denn der Altersdurchschnitt war auch in der Saison 1997 relativ hoch. Aber selbst die Kritiker müssen heute zugeben, daß sich bei den 500er einiges zum Besseren gewendet hat. Denn vor allem in puncto Organisation und Vermarktung hat der Promoter Michael Schädler viel bewegt, auch wenn der 41jährige solche Lobeshymnen nicht gerne hört. Der bescheidene Badener agiert lieber unauffällig im Hintergrund. Und wünschte sich in Schleiz insgeheim nichts sehnlicher als einen neuen deutschen Meister namens Jörg Schöllhorn. Nicht, weil er den Abonnement-Champion Niggi Schmassmann nicht leiden könnte. Ganz im Gegenteil. Sondern, »weil’s wichtig für die Klasse wäre und für’s nächste Jahr junge Fahrer anlocken würde«, sagt Schädler. Gerade für die möchte er 1998 ein besonderes Einstiegspaket anbieten: Eine gebrauchte 360er V2-Maschine für 30000 Mark. »Billiger Rennfahren kann man nicht«, behauptet der Promoter. Die 500er DM – Schädler spricht immer nur von der »Königsklasse«– soll vom Kampf erfahrener V4-Piloten gegen junge V2-Fahrer leben, so seine Vision. 1998 rechnet er mit rund 40 Startern, für deren Preisgeldtopf er noch »aggressiv auf Sponsorensuche gehen will.« Denen Schädler natürlich keine sündhaft teure Premiumklasse und Top-Rennen nach Vorbild der WM präsentieren kann. Auf dem Schleizer Dreieck zum Beispiel waren sowohl die kleinen 250er wie auch die 600er Supersport-Kollegen schneller unterwegs. Was den echten Fans reichlich egal zu sein scheint. Gerade im Osten stehen die 500er ganz oben in der Publikumsgunst, leicht erkennbar an den vielen Autogrammsammlern, die sich um die Königsklassen-Piloten scharen. »Schleiz ist für uns der Saisonhöhepunkt«, schwärmt Schädler. Ob das Saisonfinale auf der Insel Usedom Anfang Oktober auch so richtig nach Schädlers heimlichen Plan war, darf bezweifelt werden. Da haben seine »alten Herren« ihm einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht: Kein Happy-End für Jörg Schöllhorn, der den Meistertitel eigentlich seinem verstorbenen Tuner Hartmut Bischoff widmen wollte. Das Rennen »V4 gegen V2« endschied ein anderer für sich: Niggi Schmassmann fuhr auf seiner V4 Harris-Yamaha, Baujahr 1996, den Meister-Hattrick in die Schweiz. Insgesamt holte sich der 37jährige Ex-WM-Pilot den 500er DM-Titel bereits zum vierten Mal. Von Rücktrittsgedanken keine Spur: »Alter schützt vor dem Gasgeben nicht«, sagt Schmassmann verschmitzt, »schließlich ist der Mick Doohan ja auch nicht mehr der Jüngste.“
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