Drei Generationen auf dem Motorrad (Archivversion)

Wenn das Oma wüßte

Ließe es sie völlig kalt. Opa Bernhard muß Suzi nicht mehr vor ihr verstecken, und Sohn Michael hat wieder einen Platz in der Garage frei. Fürs Mofa von Enkelin Sabrina.

Michael kam, die Zündapp ging - der Junge auf die Welt, die 250er in zweite Hände. 1955 trennte sich Bernhard Collet von seinem Krad, stieg auf ‘nen Plastikbomber von Loyd um. Endlich ein Dach überm Kopf. »Wer sich kein Auto leisten konnte, war eben auf zwei Rädern unterwegs.« Doch Bernhard Collet kam vom Motorrad nicht los. Dank seiner Dienstmaschine. Einer BMW R 27. »Die hatte noch diesen doppelten Sattel«, das vergißt Filius Michael nie. »Als Kind saß ich oft hinten drauf. Da hab« ich mich infiziert.« Für ihn war«s Abenteuer, für Vater Bernhard Arbeit. Die Bajuwarin brachte ihn überland, von Strommast zu Strommast. Auf die stieg er rauf, bis zu 50 Meter hoch. Im Sommer wie im Winter. »Ich hätte lieber handwerklich kreativ gearbeitet.« Aber als er aus der Kriegsgefangenschaft ins westfälische Selm zurückkehrte, war er froh, überhaupt ‘nen Job gefunden zu haben. Während Michael die normale Motorradkarriere einschlug - Mofa, Kreidler RS, Suzuki-Zweitakter, RD 350, GPZ 750 und jetzt 600er GSX-R -, ward Bernhard immer zweiradabstinenter. Er frönte seinen Hobbys, drechselte, schweißte, machte die eine oder andere kleine Erfindung, heiratete, nachdem seine Frau gestorben war, die Lehrerin seines Sohns, baute sich ein Haus. »Das meiste haben wir selbst gemacht, hätten wir uns sonst finanziell nicht leisten können.« Als er schon über die 70 hinaus war, schleppte ihn Michael auf die Motorradmesse in Dortmund. Wo er sich in Suzukis GN 250 verguckte. »Weil man den Vater immer zu seinem Glück zwingen muß«, so Michael, »hab’ ich Anzeigenblättchen studiert.« Woselbst sich die Richtige fand. Draufsitzen, sich wohl fühlen. Als hätte er nie dreißig Jahre Pause eingelegt. Eigentlich gab’s nur ein Problem: Wohin mit der Maschine? Nach Hause traute er sich mit Suzi nicht. Seiner Liebsten wegen. »Die hätte gedacht, jetzt ist er total verrückt geworden.« Gut also, daß Sohnemann nur ein paar Minuten entfernt wohnt. Ein Vierteljahr lang lief alles prima. Bis ihn dann eines Tages der Teufel ritt. »Meine Frau gibt ab und zu Tanzkurse. Als sie eine Veranstaltung an der holländischen Grenze hatte, bin ich mit dem Motorrad dorthin. Acht Tage hat sie nicht mit mir gesprochen.« Mittlerweile geht«s im Hause Collet Senior wieder kommunikativer zu. »Wenn die Sonne scheint, fragt sie mich schon mal: Wie wär«s denn mit ‘ner Tour ins Sauerland?« Probieren geht eben über ignorieren. Opa Collet, 76 Jahre jung, genießt seit fünf Jahren wieder seinen Motorradspaß. Viel mehr als früher. Weil«s damals keine Alternative gab. »Wir sind Normalverdiener«, betont auch Sohn Michael, Elektriker wie sein Vater. Motorradfahren, das ist fast der einzige Luxus, den sich die Familie gönnt. Und der ist nicht für alle drin. Enkelin Sabrina träumt von einer Aprilia Extrema, muß sich aber mit einem 14 Jahre alten Hercules-Mofa begnügen. »Der Führerschein Klasse 1b kommt teuer, und weil er ja nicht auf den 1a angerechnet wird, kämen in zwei Jahren noch mal große Kosten auf uns zu. Nee, das ist nicht drin«, rechnet Vater Michael vor. Nicht immer einfach, in dem westfälischen Städtchen sein Auskommen zu finden. »Die Arbeitslosigkeit«, klagen Vater und Sohn. Michael fährt deshalb jeden Tag an die 30 Kilometer nach Dortmund - einfache Strecke. Auch Sabrina muß in die Ruhrpott-Metropole. In und um Selm herum fand sich keine Ausbildungsstelle für die angehende Rechtsanwaltsgehilfin. Weil die Collets genau rechnen müssen, machen sie an ihren Motorrädern fast alles selbst. »Opa hat ein Gespür für Maschinen, der kriegt alles wieder hin«, schwärmt Sabrina. Er bog den Rahmen ihrer Hercules wieder gerade, nachdem das Mofa geklaut und mutwillig zerstört worden war. Weil«s mit dem Bücken nicht mehr so klappen will, haben Vater und Sohn einen Flaschenzug gebaut, mit dem sie die Bikes in arbeitsfreundliche Höhen hieven. Zum Schrauben und zum Putzen. Die Motorräder müssen strahlen. Damit sie noch mehr Glanz in den Alltag bringen. Auch in den von Schwager Stefan und dessen Ehefrau Elke. Die hatten anfangs mit Bikes überhaupt nichts am Hut. Aber wer an Familie Collet ‘ranheiratet, muß wissen, worauf er sich einläßt. Vor einem Jahr machten die beiden den Einser.
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