Egon Müller hört auf (Archivversion)

Alles Müller oder was

Eine Legende sattelt ab. Nach über 30 Jahren als Aktiver hängt Egon Müller den Stahlschuh endgültig an den Nagel. Er ist Deutschlands erfolgreichster Bahnsportler, und er war der erste, der kapierte, daß Sport und Show zusammengehören. Ein Rück- und Ausblick.

»Ist doch Mist, wenn man den Leuten erst erklären muß, daß Simon Wigg kein Hustenmittel, sondern ein Rennfahrer ist.« Egon Müller nervt die Unprofessionalität, mit der der Bahnsport vermarktet wird. Wer nicht tief in der Szene steckt, wird auf Anhieb kaum die amtierenden Sandbahn- und Speedway-Weltmeister nennen können. Egon Müller kennen alle.Der 1,69 Meter kurze Kieler ist ein Phänomen. Er ist Rennfahrer, Manager, Presseagentur und Showprogramm in einem. Seine Sprüche, seine direkte Art, seine manchmal penetrante Omnipräsenz sind nicht jedermanns Sache. Doch in einem sind sich alle einig: Ohne ihn würde der deutsche Bahnsport immer noch unter Ausschluß der Öffenlichkeit stattfinden. Ohne ihn würden die Fahrer immer noch für ein Taschengeld Kopf und Kragen riskieren. Und vor allem: Ohne ihn wären die letzten drei Jahrzehnte Motorsport viel langweiliger gewesen.Egon Müller kommt 1948 als letztes von zwölf Kindern zur Welt. Sein Vater ist Berufsmusiker, seine Schwestern treten als Kunstradfahrerinnen in Varietés auf. Als Jüngster, Kleinster und Schmächtigster hat er nur eine Chance, sich durchzusetzen: Auffallen um jeden Preis, extrem ehrgeizig sein und es besser machen als die anderen. Der Vater kauft ihm für fünf Mark eine schrottreife Victoria. Egon lernt, das Ding auseinder- und wieder zusammenzubauen. Als er mit 15 eine Lehre als Zweiradmechaniker beginnt, hat er die Schrauber-Grundkenntnisse bereits intus.1964 fährt er sein erstes Geländerennen, 1969 entdeckt er den Trialsport. Bei 23 Starts erringt er 23 Siege. Das Trialfahren prägt seinen späteren Stil auf der Bahn: Kein anderer fährt mit einem solch traumwandlerischen Balancegefühl, kein anderer dosiert den Gasgriff so feinfühlig wie Egon.Das erste Bahnrennen fährt er 1970. 1972 ist er bereits Lizenzfahrer. Doch das ist auch das Jahr des ersten bösen Sturzes: Schulter mehrfach gebrochen. Ein Exkurs zum Thema Verletzungen: In seiner Karriere bringt Egon Müller es auf insgesamt 63 Knochenbrüche. Kaum einen Sturz verschuldet er selbst, kein anderer Fahrer wird so oft abgeschossen wie er. Bei seinem Kieler Arzt ist Egon seit 25 Jahren Stammgast: »Bei Professor Havemann bekomme ich Mengenrabatt. Ich fange immer im Sechsbettzimmer an, aber nach zwei Tagen habe ich ein Einzelzimmer. Die Mitpatienten bitten um Verlegung. Ich bin wohl zu hektisch.« Anfang 1973 versucht es der 24jährige beim Eisspeedway. »Im Rennen schlitterte eine gestürzte Maschine zwischen meine Beine, und das Hinterrad schrammte nur wenige Zentimeter am Beutel vorbei. Das hätte mir fast den Abend versaut.« Egon bleibt lieber auf der Sand- und Grasbahn und wird 1973 deutscher Langbahnmeister. Die Vermarktungsmaschine Müller läuft bereits auf vollen Touren. Während die Wettbewerber noch in tristem Schwarz stecken, knallt Egon bereits mit einer selbstgeschneiderten, kunterbunten Lederkombi ums Oval und trägt als erster einen Vollschutzhelm. Er organisiert seine Autogrammstunden bei Hertie selbst und baggert kräftig bei potentiellen Sponsoren. Egon zu seiner One-man-Show: »Manager braucht man nicht, das sind alles Klugscheißer. Wer geistig halbwegs beweglich ist, managt sich selbst.«1974 wird Müller in Scheeßel erstmals Langbahn-Weltmeister. Ein Jahr später kann er den Triumph im jugoslawischen Radgona wiederholen. Für ihn ist das auch heute noch der schönste Erfolg seiner Laufbahn. Um die Vermarktung kümmert er sich wie immer selbst. Er taucht kurzerhand beim ZDF in Mainz auf, verlangt Sportchef Hajo Friedrichs und macht ihm Vorwürfe, warum er noch nicht eingeladen wurde: »Muß ich erst zum Mars fliegen und Mars-Meister werden, um in Ihre Sendung zu kommen?« Zwei Wochen später sitzt Egon Müller bei Harry Valerien im Aktuellen Sportstudio. Den sportlich wertvollsten Sieg erringt er am 4. September 1983. Im ostfriesischen Norden wird Egon Müller vor 45000 Zuschauern erster und bislang einziger deutscher Speedway-Weltmeister.Die folgenden Jahre sind von sportlichen und auch privaten Niederlagen geprägt. Mit seinem Porsche fliegt er von der Autobahn und entkommt nur knapp dem Tod. Ein Autofaher überfährt den Fußgänger Müller in Amsterdam, und seine Frau trennt sich von ihm. Sein rennfahrender Sohn Dirk verunglückt schwer und liegt tagelang im Koma.Doch Egon steht immer wieder auf – nicht zuletzt, weil ein enger Freundeskreis fest zu ihm hält. Anfang der Neunziger ist er wieder voll da, aber die Verletzungsserie reißt nicht ab. Doch die Krankenhausaufenhalte haben auch ihr gutes, denn dort lernt er Carmen Fiedler kennen. Die resolute Frau ist heute Egons Lebensmittelpunkt. Seinen letzten Auftritt als Fahrer hat Egon Müller am 5. Oktober in Jübek. Vor 10000 Zuschauern verabschiedet er sich im Rahmen einer »Mega-Rennpaadie«. Bei der Abrechnung versucht man, ihn übers Ohr zu hauen. Egons Bitte an die Fans: »Meldet euch bei mir, wenn man euch nach dem Bezahlen ohne Eintrittskarte oder nur mit Stempel reingelassen hat.« (Egon Müller, Dorfstraße 17, 24247 Rodenbek.)Wenn Egon nicht als Marketingleiter für den Schmiermittelkonzern Motorex am Schreibtisch sitzt, ist er am eigenen Leistungprüfstand oder in seiner Werkstatt zu finden. Zur Zeit arbeitet er am Comeback von Sohn Dirk. Vom Showbusineß kann der Ex-Rennfahrer auch nicht lassen. Die nächte CD kommt im Frühjahr. Live kann man ihn auf der Krad 97 (Stadthalle Bremen, 22. und 23. November) oder auf dem Motorrad-Weihnachtsmarkt in Neumünster (5. bis 7. Dezember, Holstenhallen) erleben. Ein Comeback auf der Rennbahn wird es nicht geben, »denn sonst heiratet Carmen einen anderen Reiter«.
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