Enfield India-Werksreport (Archivversion)

Curry, Krishna, Diesel

In Madras laufen englische Klassiker fabrikfrisch vom Band. Sie hören auf den Namen Enfield India und stehen unter dem Schutz der Hausgötter Krishna und Shiwa.

Ein kräftiger Tritt auf den Kickstarter erweckt den bulligen Einzylinder zum Leben. Jagdish Bhai, 36 Jahre alt und sein halbes Leben lang in Diensten des indischen Motorradherstellers Enfield in Madras, hat Karriere gemacht und es zu einem Job an der Endabnahme gebracht. Auf einem modernen Rollenprüfstand jagt er die Tachonadel auf 120 km/h.In anderen Abteilungen geht’s dagegen zu wie in den Anfangstagen der industriellen Produktion. So halten sich die Lackierer lediglich ein Tuch vor den Mund - für Schutzmasken ist kein Geld da. Über die Entsorgung der Galvanikbäder macht sich niemand Gedanken - hinter der Fabrik schillern Öltümpel mattgrün.Arbeitsunfälle? Davon will der Enfield-Manager Ravi Lahir nichts wissen. Er zeigt auf den Tempel in der Halle, wo die Götter Shiwa und Krishna über das Schicksal der Arbeiter wachen. Und für den Fall, daß der göttliche Beistand versagen sollte, gibt es ja noch die werkseigene Ambulanz.20 Kilometer vom Zentrum der Industriemetropole Madras entfernt bauen 1300 Beschäftigte Motorräder. 1961 erteilte das Enfield-Stammwerk in Redditch, England, das 1965 dichtmachen mußte, den Indern erstmals Lizenzen zur Fertigung der Bullet, eines robusten Einzylinders mit 350 oder 500 cm³ Hubraum. Auch kleine Motorräder und Mopeds kommen aus Madras. Zunächst waren sie ohne Konkurrenz. Aber als Indien Mitte der 80er Jahre den Motorradmarkt öffnete, reagierten die Japaner blitzschnell. »Wir mußten die Fertigung unserer 50er, eines Zündapp-Nachbaus, einstellen«, erklärt Ravi Lahir, Produktmanager von Enfield India mit einer fast schon resignierenden Handbewegung.« Bis 125 Kubik haben die Japaner den Markt im Griff. Selbst für die Enfield-Klassiker, die 350er und 500er Bullet, wird die Luft jedes Jahr ein bißchen dünner. Von den 450 000 Motorrädern, die 1994 in Indien neu zugelassen wurden, stammen nur noch 85 000 aus einheimischer Produktion. Doch Ravi Lahir ist optimistisch: Die Struktur der Käuferschaft hat sich verändert. Waren es früher hauptsächlich Armee und Polizei, die sich gefälligst für die indischen Eintöpfe erwärmen sollten, so setzt Lahir heute vor allem auf die heranwachsende Mittelschicht in den Metropolen als neue Klientel. Seit der Übernahme der Firma durch das indische Firmenkonsortium Eichergroup im Jahr 1993 standen Enfield genügend Rupien zur Verfügung, ein Dieselmotorrad zu entwickeln, das vor allem in ländlichen Gebieten Käufer finden soll. Dank eines ganz besonderen Clous: Mit wenigen Handgriffen mutiert das Zweirad zu einem Antriebsaggregat für Wasserpumpe oder Stromgenerator. Zehn solcher Maschinen laufen heute täglich vom Band, dazu 50 Bikes mit Durst auf Benzin.Vor dem Haupteingang prüft der Sicherheitskontrolleur die Produktionspapiere der fabrikfrischen Bikes, die in einer flachen Halle gegenüber für den Export in Jutesäcke vernäht und in Kisten verpackt werden. Das muß blitzschnell gehen. Denn die Luft ist heiß, feucht und salzig - ein optimales Biotop für Flugrost auf edel blitzenden Tanks und Schutzblechen.Auf den Verbindungswegen im Werk herrscht reger Verkehr. Emsige Arbeiter schieben einachsige Handkarren zur Motormontage, randvoll mit frisch polierten Gehäuseteilen. Die Fertigungstiefe ist enorm: Fahrwerke, Abdeckbleche, Tanks, Zylinder und Zylinderköpfe - alles stammt aus Madras.In der Endmontage ist gerade Pause. Teezeit. Während die Arbeiter plaudernd ihr Getränk schlürfen, kurven Jugendliche mit kleinen Wagen zum stehenden Band, laden neue Teile ab. »Das ist so eine Art Lehre für die Jungs hier«, sagt ein Monteur. »Man dient sich allmählich hoch und lernt dabei.« Und da gibt es eine ganze Menge zu lernen. Zum Beispiel, wie man die von der Stanze ausgespuckten Knickwellen so kunstvoll dengelt, daß sie nach der Verchromung einem japanischen High-Tech-Produkt optisch in nichts nachstehen. Oder wie mit ruhiger Hand und dünnem Pinselstrich Tank und Seitenflächen mit Zierstreifen veredelt werden. Ein Boy kredenzt Darjeeling First Flush auf einem Silbertablett. Manager Ravi Lahir lehnt sich in seinem breiten Sessel zurück. An der Wand hängt ein farbiges Enfield-Plakat mit dem Slogan »If you are not a bikelover, we are not interested«. Ein Werbespruch aus früheren Zeiten. Heute kann sich Enfield seine Kunden nicht mehr aussuchen. Deshalb arbeitet der bekannte Schweizer Motorradbauer Fritz W. Egli an einer attraktiven Scrambler- und Chopper-Version der Bullet. Und in Madras tüfteln die Techniker daran herum, wie sie den bejahrten Einzylinder für die immer strengeren Abgasnormen in Europa fit machen. Es gibt viel zu tun, doch Enfield packt’s an.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote