Euro-Demo 1998 (Archivversion)

Mobilmachung

Die Motorrad Initiative Deutschland rief zur Euro-Demo nach Bonn. Gegen Bitumenflickerei, Straßensperrungen und Tragepflicht für Protektorenkombis richtete sich der Protest. Doch viele Biker blieben daheim.

Britische Trikes, holländische Langgabler, ein total verrostetes Rat-Bike aus Luxemburg neben einer brandneuen YZF-R1 mit deutschem Nummernschild. Bei der Euro-Demo in Bonn war alles vertreten. Punker in zerschlissenen Lederklamotten, Rocker in Kutten und Anhänger blitzsauberer Goretex-Anzüge lauschten auf dem Gelände der Alten Zementfabrik am Rheinufer der Kundgebung, die friedlich ablief. »Wir wollen ein Europa für Biker«, schrie Simon Milward, Generalsekretär der Vereinigung europäischer Motorradfahrer (FEMA) ins Mikrophon. »Wir wollen fair behandelt werden.« Applaus brandete auf. Noch größer war der Jubel, als Vertreter der Fahrerverbände aus Ungarn, Polen, Belgien und sogar Australien Stimmung machten. »Kämpft um eure Rechte«, lautete ihre Botschaft. Doch die verhallte. Zumindest teilweise. »Es sind viel weniger gekommen, als wir hofften«, räumte Herbert Pieper, Pressesprecher der Motorrad Initiative Deutschland (MID) ein, die die Demo organisierte. Und jetzt tief in den roten Zahlen steckt. Bis zu 20 000 hungrige und durstige Biker erwartete die MID. Aber nur rund 7000 rollten im Corso durch Bonn, begleitet von 182 Polizisten, die über eine Stunde lang sämtliche Auffahrten auf die Autobahn nach Koblenz für Vierradlenker sperrten. Vorfahrt für Biker - ein tolles Gefühl. Aber viele deutsche Motorradfahrer kriegten das gar nicht mit, waren sie doch zu Hause geblieben. Was die Veranstalter erbitterte. »Bei einer Streckensperrung sagen die, dann fahr’ ich halt Cabrio«, kritisierte Andreas Golombowski von der Vereinigung Christlicher Motorradfahrer.Und selbst die, die mitmischten, gaben sich wenig politisch: »Ich will Leute treffen«, sagte Wolfgang Weierstall, der aus »reiner Neugierde« gekommen ist. »Einfach mal dabei sein«, wollte Peter Drucks aus Datteln. Und Biker-Unionist Matthias Roder meinte: »Die Politiker versprechen viel, aber da kommt, glaube ich, ohnehin nichts raus.« Andere Länder, andere Sitten: »Wir sind gegen ein immer noch mögliches 100-PS-Limit in Europa. Und gegen die ungerechten Ozonfahrverbote in Deutschland. Für seine Rechte muß man eintreten. Sonst ändert sich nie was«, betonte der Belgier Etienne Dombret. »Wenn wir uns jetzt nicht wehren, wird unsere Kultur durch europäische Gesetze kaputtgemacht«, sorgte sich der Brite Harry Humphrey, einer von 30 000 Motorradfahrern, die im Königreich organisiert sind. Dagegen repräsentieren die fünf Verbände, die sich zur MID zusammengeschlossen haben, rund 10 000 Biker - bei einem Bestand von 2,8 Millionen Krädern in der BRD. Das empörte Simon Milward: »Wir sind stocksauer, daß so wenig Deutsche da waren. Die Zuhausegebliebenen sollten sich schuldig fühlen.« Schließlich seien die schärfsten europäischen Gesetzesvorschläge auf deutschem Mist gewachsen. »Eure Regierung spielt eine Vorreiterrolle. Wenn alle so drauf wären wie die deutschen Motorradfahrer, hätten wir heute einen Antimanipulationskatalog, Beinprotektoren, Reifenbindungen in ganz Europa und vieles mehr. Wir kämpfen für eure Rechte. Aber was tut ihr?« Dabei enthielt die lange Liste der Forderungen auch typisch bundesrepublikanische Themen - Straßensperrungen für Kradler. Die Flickerei mit rutschigem Bitumen. Oder auch die Steuergesetze, die keine finanziellen Erleichterungen für Besitzer von Bikes mit Katalysatoren vorsehen. Vier Wochen vor der Bundestagswahl ließ Verkehrsminister Matthias Wissmann verlauten, Steuervergünstigungen machten keinen Sinn. Weil die mit Katalysatoren erreichbaren Grenzwerte noch gar nicht verlangt werden. »Da beißt sich die Katze in den Schwanz«, sagte Pieper. Trotz allem sieht Simon Milward bereits den ersten politischen Erfolg der Demo: Wahrscheinlich werden Motorräder aus der Recycling-Richtlinie der Europäischen Union rausgenommen. Wenn das wahr wird, erfüllt sich eine der Forderungen. Die Altautoverordnung, wie sie vorgesehen war, hätte es Schraubern schwer gemacht, ein Bike auszuschlachten. Weil der geplante Verschrottungsnachweis dann fehlen würde. Neben Recycling stand die Pflicht zum Tragen von Schutzkleidung auf dem Programm. Die beiden Europaparlamentarier Bernd Lange und Markus Ferber versprachen, sich dafür einzusetzen, daß es kein solches Reglement geben wird. Doch Tedy Bach, alter Kämpe der Biker Union, verlangte gleich ein neues Gesetz, diesmal gegen »Warmduscher«: »Wer sich künftig nicht wehrt, soll Auto fahren.«
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote