Fan-Club Sachsenring (Archivversion)

Erb-Lust

Der alte Sachsenring ist tot, es lebe der neue. Doch die rennsportverrückten Fans der Traditionsstrecke pflegen das historische Gut mit Lust und guter Laune.

Als der westdeutsche Rennheld Dieter Braun anno 1971 den 250er Grand Prix gewann, tobten die DDR-Sportfunktionäre. Weil das Publikum dem Klassenfeind zujubelte. Ein Jahr danach war Schluß mit dem Spaß. Statt Großer Preise gab’s nunmehr den »Pokal für Frieden und Freundschaft«. Der Sachsenring - in der Hitliste weltberühmter Rennstrecken immer auf den Spitzenplätzen - rückte ins Abseits, und eine große Tradition drohte verschütt zu gehen. Bereits am 26. Mai 1927 organisierte ein Handvoll begeisterter Motorradsportfreunde aus Sachsen hier das erste Rennen - mitten durch die Dörfer, quer durch die Botanik. Eine eigene Piste brauchte es nicht, die gut 8,5 Kilometer lange Verbindungsstraße um Hohenstein-Ernstthal wurde einfach gesperrt. 130 000 Fans kamen zur Premiere, in den Dreißigern fand hier der Große Preis von Deutschland statt, und seit 1937 trug die Strecke auch offiziell den Namen Sachsenring. Obwohl nach den Zweiten Weltkrieg zunächst keine internationalen Rennen stattfinden durften, pilgerten 1950 sagenhafte 480 000 Besucher an den Kurs. Und von 1961 bis 1972 zählte der Große Preis der DDR zur Motorrad-Weltmeisterschaft. Danach war Schluß mit Weltniveau. Motorradverrückten DDRlern blieb nur noch der Grand Prix in Brünn. »Wer dahin wollte, mußte tricksen«, erinnert sich Karin Schettler, Vorsitzende des Fanclub Sachsenring. »Wir mußten heimlich Kronen besorgen; da das Geld dennoch nie reichte, haben wir Verpflegung und wer weiß, was sonst noch im Auto mitgenommen.« Der Fanclub entstand aus einer lockeren Interessengemeinschaft heraus am 14. Mai 1989, als an Wiedervereinigung und Reisefreiheit noch nicht zu denken war. Aber dann ging alles ruck, zuck, und im Juli 1990 beehrte die internationale Motorradszene den Sachsenring erneut. Viele Freunde des Kurses hofften schon auf seine Renaissance. Doch die Piste paßte nicht mehr in die neue Zeit. Nach drei tödlichen Unfällen stand fest: Nie wieder sollte auf dem alten Ring gerannt werden. Also wurde eine neuer Strecke gebaut; bis die 1996 fertig wurde, liefen die »Sachsenring-Rennen« eben in Brünn oder Most. Um weiterhin den Kontakt zu den Fahrern zu halten, organisierten die Sachsenring-Fans im November 1991 ein Rennsport-Meeting und schlossen sich als eigenständige Gruppe dem Automobil- und Motorradclub Sachsenring im ADAC an. »Nachdem klar war, daß es mit dem alten Sachsenring vorbei war«, berichtet Karin Schettler, »nahmen wir uns vor, die Geschichte und Tradition dieser berühmten Rennstrecke zu pflegen.« Zu ihrem Meeting 1991 verschickten die Fan--Clubber eine ellenlange Einladungsliste. Aus dem Westen fand freilich nur Gespann-As Ralph Bohnhorst den Weg zu den rennverrückten Sachsen. Dennoch wurde die Party ein Erfolg, und seitdem findet sie an jedem ersten Wochenende im November in einer angemieteten Turnhalle statt. Und auch die Westler geben sich hier mittlerweile die Klinke die Hand: Dieter Braun, Jim Redman, Noby Clark, Jon Ekerold und und und. Zum 70. Geburtstag des Rings 1997 planten die Sachsen im Rahmen eines internationalen Motorradrennens ein Gala-Treffen mit vielen Stars. »Doch daraus wäre fast nichts geworden«, erzählt Dieter Fleischer vom Fanclub, »denn am gleichen Wochenende feierte man in der Eifel 70 Jahre Nürburgring. Doch Ralph Bohnhorst machte sich für unsere Sache stark. Und was wir für unmöglich hielten wurde plötzlich doch noch wahr: Giacomo Agostini, Phil Read und Jim Redman, die es zusammen auf 29 WM-Titel brachten, nahmen unsere Einladung an.« Außerdem kamen noch die MZ-Werksfahrer Alan Shepherd und Heinz Rosner. Und heuer freuen sich die 28 Clubmitglieder auf den Auftritt der aktuellen Grand Prix-Stars vom 17. bis 19 Juli. Auf ihrem neuen Sachsenring.
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