Flucht ins Gelände (Archivversion)

Kleine Fluchten

Wenn es ganz eng wird, hilft manchmal der Ausritt ins Gelände. Bernt Spiegel, Instruktor des Perfektionstrainings und Professor für Psychologie und Verhaltensforschung, sagt, wie man heil ins Grüne kommt.

Jedem kann einmal »die Straße ausgehen«. Zum Beispiel, weil sich der Motorradler verschätzt oder von einer Kurve überrascht wird oder einfach weil er träumt. Oder wegen eines plötzlichen und nicht mehr umfahrbaren Hindernisses auf der Fahrbahn. Rollsplitt in der Kurve, Öl in der Bremszone und tausend andere Gründe zwingen den Motorradfahrer zu einem Notmanöver. In vielen Fällen kann man sich mit der »Flucht ins Gelände« retten. Diese gelingt aber nur, wenn dafür ein fester Handlungsablauf als abrufbares Programm fix und fertig zur Verfügung steht. Zum Erwerb dieses Programms eignet sich neben dem praktischen Trainieren - das so ganz realistisch eben doch nicht möglich ist - vor allem das mentale Training (siehe Heft 9/1999).Der Ablauf bei der Flucht ins Gelände ist nicht sehr kompliziert, aber die einzelnen Phasen folgen derart rasch aufeinander, daß es ohne ein bereitgestelltes Programm allzu leicht zu Fehlern kommt. Hier die einzelnen Glieder dieser Handlungskette:1. Mit möglichst wenig Schräglage auf den ins Auge gefaßten Punkt am Fahrbahnrand zufahren. Dabei den noch griffigen Untergrund zum maximalen Verzögern ausnutzen. Das heißt Vollbremsung! Und Vollbremsung heißt immer auch auskuppeln!2. Am Fahrbahnrand – noch vor Beginn des losen Untergrunds – beide Bremsen auf, und zwar rechtzeitig genug, damit das Vorderrad noch vor dem Schlag, der jetzt folgen kann, wieder genügend ausfedert. Kupplung aber weiter gezogen halten.3. Gleichzeitig in die Fußrasten stellen, Knie beziehungsweise Unterschenkel fest an den Tank, Gewicht nach hinten verlagern. 4. Im Gelände dann vorsichtig weiterbremsen. Vor allem die Vorderradbremse äußerst behutsam betätigen – eine nasse Wiese ist teuflisch glatt! – und sie im Fall des Blockierens sofort für einen Augenblick lösen und dann noch vorsichtiger weiterbremsen. Falls unüberwindbare und nicht umfahrbare Hindernisse den Weg verstellen, rechtzeitig davor das Motorrad durch entschlossenes Überbremsen des Hinterrads bei gleichzeitiger leichter Kurve »ablegen«. Ablegen ist ein feinerer Ausdruck für »hinschmeißen«. Voll bremsen, Bremsen auf, aber Kupplung gezogen halten, aufstehen und vorsichtig weiterbremsen – soviel ist da eigentlich gar nicht falsch zu machen. Und trotzdem: Wie häufig kommt es vor, daß beim Aufstehen nicht nur die Bremsen gelöst werden, sondern auch der Kupplungshebel mit freigegeben wird – das ist ja rechts und links die gleiche Bewegung! Oder: Wie häufig ist es, daß die Vollbremsung weggelassen wird! So, als seien mit dem Entschluß zur Flucht ins Gelände bereits alle Probleme beseitigt. Dabei gibt es nichts Wichtigeres, als erst einmal so weit wie nur möglich runterzubremsen, solange es noch geht. Damit die Handlungskette als festes Programm im unerwarteten Bedarfsfall wirklich zur Verfügung steht, hilft nur, immer wieder einmal »trocken« zu üben, am besten auf dem aufgebockten Motorrad und mit Betätigen der ganzen Hebelei, aber trotzdem muskulär möglichst entspannt. Dann das Ganze noch ein paar Mal mit geschlossenen Augen und unter möglichst eindringlicher Vorstellung einer konkreten Situation üben. Wird die Geländeflucht praktiziert, wie das bei Perfektionstrainings geschieht, dann läuft die Handlung schon viel stabiler ab und klappt viel besser, als wenn nur mit einer kurzen mündlichen Instruktion losgefahren wird. Diese Stabilisierung des Handlungsablaufs ist auch dringend nötig, denn im Ernstfall entsteht eine enorme psychische Belastung.Und noch eines: Wenn man den Entschluß zur Flucht ins Gelände einmal gefaßt hat, dann auch dabei bleiben. Niemals »umdisponieren«, um zu versuchen, ob es nicht vielleicht doch noch auf der Straße reicht. Man fällt garantiert zwischen Stuhl und Bank.Im nächsten Heft: Kurvenfahren
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