Frauen-Motorradtour von Brigitte Kraft (Archivversion)

Wehe, wenn sie losgelassen

Sieben Jahre ist es her, da suchte Brigitte Kraft, damals noch Führerscheinneuling, mit einer Annonce nach Frauen, die mit ihr auf Motorradtour gehen wollten. Heute genießen die von ihr organisierten Ausfahrten bereits Kultstatus. Dagmar Widmann war auf der Tour nach Italien dabei.

Was haben die zwei Typen hier zu suchen? Das ist doch eine Ausfahrt nur für Frauen, bei denen Männern allenfalls eine organisierende, um nicht zu sagen: dienende Tätigkeit zufällt. Die beiden haben’s, was bei dieser Spezies bekanntermaßen öfter vorkommen soll, schlicht und einfach nicht gecheckt. Weil sie so ihre Übersetzungsschwierigkeiten mit den für diese Tour programmatischen Wörtlein »Ladies First« hatten. Da Frauen aber nicht nur das schönere Geschlecht sind, sondern auch das tolerante, schicken wir die zwei verdutzt aus ihrer Kombi glotzenden Biker nicht zurück. Sie dürfen mit.Ausnahmsweise. Weil Brigitte Kraft, die Initiatorin dieser Ausfahrt, eh schon nicht mehr weiß, wie sie die vielen Frauen, die alle mitwollen, noch unter einen Hut kriegen soll. »Fünf Tage nach meinem schriftlichen Aufruf hatte ich bereits 65 Zusagen.« Diesmal geht’s nach Castiglione, was erstens ein verträumtes italienisches Städtchen südlich des Gardasees und zweitens die Partnerstadt von Feuchtwangen ist. Wo wiederum Brigitte wohnt. Zusammen mit Reinhold, ihrem Ehemann. Der importiert nicht nur die Edelmarke Bimota nach Deutschland, der legt auch den Verkehr lahm, damit 63 Frauen und zwei Männer nach einem schwäbischen Brezelfrühstück schön ordentlich im Pulk auf Feuchtwangens Straßen kommen. Danach entern er und eine Mitarbeiterin den Servicewagen. »Anita und ich haben die ehrenvolle Aufgabe, gestrandete Bikerinnen aufzulesen.«Ampeln zerfleddern den Konvoi in überschaubare Grüppchen. Die sollen sich zum gemeinsamen Tanken vorm Arlbergtunnel wiederfinden. Kein Problem dank des unglaublich detaillierten Routenplans, den uns Brigitte zugesteckt hat. Wer sich damit verfährt, sollte besser nie zu den Pfadfinderinnen gehen. Die letzten paar Kilometer zum Mittagessen in Nauders brummen wir in geschlossener Formation. Da staunt der Tiroler: »Schaug a mol, a Invasion.« Bei den Spaghetti zählen wir durch: Keine fehlt.An der Autobahnausfahrt Richtung Castiglione harrt unser bereits ein Empfangskomitee. 25 Jungs und Mädels vom Moto Club Castiglione, von denen einige auch im Partnerstadtverein Leutkirch-Castiglione mitarbeiten. Die haben für den nächsten Tag eine 150 Kilometer lange Sightseeing-Tour für uns abgesteckt. Und damit wir uns auch erkennen, kriegt jede ein T-Shirt ab. Auf dem steht »Ladies First und Castiglione«. Damit keine vergißt, wer wir sind und wo wir sind.Am Morgen und einige Chianti danach: Frühstück auf italienisch. Bauch voll. Und das Moped? Ecco: tanke schön. Andiamo. Ordentlich gruppiert und ortskundig geführt, bummeln wir Ladies first den blauenden Gardasee entlang, secondo über einen putzigen Paß ins schwer Gebirgige, wo uns freilich, drittens, Schichtarbeit erwartet: das Verspeisen einer Lasagne. So gestärkt stecken wir das Kulturprogramm in Castiglione locker weg. Als da sind: ein sinniger Stadtrundgang, das Vernichten landestypischer Gerichte und Getränke und der heiße Tanz mit feurigen Italienern. Wie es dazu kommen konnte, daß die Ladies am dritten Tag nicht mehr in voller Zahl gen Norden ziehen, ist einfach zu beantworten. Einige stehen bereits mit den Hühnern auf, um solo den direkten Weg nach Hause unter die zwei Räder zu nehmen. Sie versäumen was: dieses unvergleichliche Gefühl, in einem riesigen Pulk durch die Schweizer Berge zu brummen. Wie toll das alles war, kriege ich so richtig erst auf den letzten 200 Kilometern allein nach Stuttgart mit.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote