Führerschein in Japan (Archivversion)

Die Insel der Haie

Die meisten fallen bei der Führerscheinprüfung für Motorräder in Japan gnadenlos durch. Was ist so schwer dran?

Sushi, Pizza, Zeitungen, Briefe: In der Zwölf-Millionen-Metropole Tokio fahren Boten fast alles per Moped aus. Sogar heiße Nudelsuppe auf abenteuerlich anmutenden Schwingtablettkonstruktionen. Kleine und wendige Zweiräder sind im Tokioter Verkehrschaos die sicherste Bank. Über 410 000 Mopeds, Roller und Enduros mit bis zu 250 cm³ wieseln durch den Großstadtmoloch. Dazu kommen gut 170 000 Maschinen zwischen 250 und 400 cm³. Größere Motorräder machen sich rar. Denn die Führerscheinprüfung für Big Bikes ist nicht von Pappe. Im Reich der aufgehenden Sonne geht´s bei der Fahrerlaubnis nach Hubraum. 400 heißt die magische Zahl - bis 250 und 399 cm³ unterrichten und prüfen private Fahrschulen. Wer höher hinaus will, muß eine Prüfung ablegen, die - wie es in einer großen Tageszeitung hieß - »geschaffen wurde, um die Aspiranten durchfallen zu lassen«. Der Anwärter muß unter den gestrengen Augen der Ordnungshüter beweisen, daß er peinlich genau so fährt, wie es die Polizei erlaubt. Im engeren Stadtgebiet Tokios gibt es nur eine Prüfstation. Die liegt im Hafendistrikt und trägt den furchterregenden Namen dieses Viertels: Samezu, die Insel der Haie. Letztes Jahr schafften es nur 39 37 von 27 418 Probanden. Im April 1997 fiel Artur Marienfeld unter die Prüflinge. Nach zwei Jahren Japan ist der Deutsche vom Wunsch beseelt ist, der Tokioter Hitze zu entfliehen und durch den Norden des Landes zu touren. Auf seinem Traummotorrad - einer Yamaha Vmax. Da er keinen europäischen Schein besitzt, der sich umschreiben ließe, bleibt ihm nur eine Wahl - Samezu.Die Anmeldung verläuft reibungslos: 3700 Yen Gebühren (circa 50 Mark) wird er los, und drei Tage später ist es soweit: Die Maschine, eine 750er Yamaha FZX, abbocken, eine große Acht schieben, mit Hilfe des nächsten Prüflings auf die Seite legen, allein aufrichten und aufbocken. Eigentlich ganz einfach. Damit hat Artur keine Probleme. Oder doch? Die Maschine will nicht auf den Hauptständer, Artur zerrt nervös am Lenker. Endlich klappt´s. Anderthalb Stunden später treffen sich alle Fahrer am Parcours, den sie im Gänsemarsch abschreiten, heute Kurs B: Die Hühnerleiter, eine auf dem Boden liegende neunstufige Sprossenwand, die in langsamer Fahrt im Stehen überwunden werden muß. Dann kommt der Slalom, der in eine extrem enge Spitzkehre mündet, auf die gleich wieder eine große Acht folgt. Nach einem 15 Meter langen und 30 Zentimeter breiten Schwebebalken, auf dem man sich mindestens zehn Sekunden fahrend halten muß, geht´s auf den Straßenkurs. Artur stellt sich artig die Spiegel zurecht, brettert aber zu schnell über die Hühnerleiter, touchiert gleich den ersten Pylon. Aus. »Wollen Sie es noch einmal versuchen?« fragt der gestrenge Polizist. Klar, was sonst. Nächster Termin: 1. Mai. 39 Prüflinge finden sich im Warteraum ein. Jeder kämpft mit seiner Nervosität, niemand spricht. Manche blättern im Handbuch, memorieren den Kurs. Wann, wo und wie lange blinken, an welcher Stelle wie viele Zentimeter von der Randmarkierung entfernt sein, wo 40, wo 45 Kilometer pro Stunde schnell sein, in wie weitem Bogen die Pylonen umfahren? Alles ist genauestens vorgeschrieben.Artur übersteht diesmal den Technikteil, wo es heute schon drei Stürze gegeben hat, schafft es bis auf den Straßenkurs. Beim ersten Halt setzt er den rechten Fuß ab, wird zurückgepfiffen. 2. Mai: Wieder zu schnell über die Hühnerleiter, auf dem Schwebebalken nur 7,7 Sekunden verbracht und vor der ersten Kurve nicht anständig auf der Bremse gestanden - zweimal muß es mindestens leuchten. Aus. Von 35 Prüflingen bestehen nur drei.7. Mai: »Heute hatte ich ein so gutes Gefühl, und dann würge ich die Kiste vor der Hühnerleiter ab.« Artur ist fertig mit der Welt.8. Mai: Zuviel Abstand zum Straßenrand in einer Kurve. Der Prüfer ruft ihn vom Kontrollturm aus über die Lautsprecheranlage zurück. 9. Mai: Alle werden zurückgewunken - bis auf Artur. Der fährt den ganzen Kurs bis zum Bremstest am Schluß. Und da quietscht´s - was es nicht darf. 13. Mai. Artur fährt zentimetergenau. Das mit tausend Kontrolleuchten bestückte Motorrad strahlt wie ein Weihnachtsbaum, und beim Bremstest kommt er genau an der Haltelinie zum Stehen. Geräuschlos. Der Prüfer murmelt endlich das entscheidende Wort: »Gokaku« - Bestanden.Noch am selben Nachmittag bekommt er seinen Führerschein. Sieben von 24 haben bestanden, ein neuer Rekord. Was soll nur aus dieser Prüfung werden? Eine Änderung ist schon beschlossene Sache. Die Führerscheine werden nur noch in zwei Klassen ausgestellt: unter 400 und über 400 cm³ - und man läßt wieder zivile Prüfer zu. Zu spät für Artur. Aber was soll´s? Er hat seinen Schein. Am nächsten Tag bestellt er beim Händler eine nagelneue Vmax, aber keine PS-kastrierte inländische, sondern ein reimportiertes Modell aus Kanada. Jetzt steht der Sommertour nichts mehr im Weg.
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