Geist, Hans: Interview (Archivversion)

«Grand Prix-Organisation unnötig aufgeblasen“

Hans Geist, 39, Manager des A1-Ring Austria, steht den derzeitigen Strukturen des Motorrad-Grand Prix-Sports sehr kritisch gegenüber.

? Herr Geist, Sie werden 1998 keinen Motorrad-Grand Prix Österreich veranstalten. Warum?Unsere wirtschaftliche Erwartungen wurden in den letzten beiden Jahren nicht erfüllt. Dies haben wir genau analysiert. Gut, die Promotion hätte besser sein können. Dann gibt es keinen österreichischen Grand Prix-Star. Aber das Hauptproblem ist ein anderes: Das Produkt Motorrad-GP funktioniert nicht. Sein Konzept paßt nicht zusammen.? Was heißt das?Außer vielleicht im spanischen Jerez und beim GP Assen in Holland kommen nicht genügend Zuschauer, um bei den derzeitigen Belastungen Gewinn machen zu können. In Imola, Donington und hier auf dem A1-Ring waren es sogar weniger als bei den Superbike-WM-Rennen in den jeweiligen Ländern. Und das bei Fixkosten, die annähernd das Fünffache betragen. Die Dorna verlangt vom örtlichen Veranstalter 1,3 Millionen Dollar pro GP. Für einen Superbike-WM-Event zahlen wir an die Flammini Group 300000 Dollar. Und dies steht natürlich in keinerlei Verhältnis zueinander. Der GP ist so kein Geschäft mehr.? Sie haben der Dorna, der Agentur, welche die weltweiten Vermarktungsrechte für die Motorrad-Grand Prix besitzt, einen eigenen Vorschlag gemacht, wie Sie sich eine finanziell interessante Abwicklung des Österreich-GP vorstellen können.Genau. Wir wären bereit, wie bei der Superbike-WM 300000 Dollar zu bezahlen. Das wäre angesichts der zu erwartenden Zuschauerzahlen angemessen. Als Alternative haben wir Dorna angeboten, für 500000 Dollar von uns die Strecke komplett zu mieten. Seitens der A1-Ring Management GmbH hätten wir dann mit der ganzen Abwicklung nichts mehr zu tun. Aber beide Vorschläge wurden abgelehnt.? Bei unveränderten Forderungen der Dorna wäre ein GP also nur mit drei- bis vierfachen Zuschauerzahlen gegenüber der Superbike-WM rentabel?Ja, das wären am Sonntag 75000, und die sind illusorisch. Das Produkt GP stimmt nicht. Dorna versucht, die Automobil-Formel 1 zu kopieren, aber das ist der falsche Weg und klappt zudem noch nicht einmal. Lediglich die Personalstruktur vor Ort ist um ein Drittel größer als bei der Formel 1. Die Organisation der Motorrad-Grand Prix ist unnötig aufgeblasen.? Wie müßte ein stimmiger Motorrad-GP aussehen?Völlig falsch ist die hermetische Abriegelung des Fahrerlagers und damit die künstliche Überhöhung der ganzen Show. Das ist das Ecclestone-Konzept und funktioniert nur in der Formel 1. Das Motorrad-Publikum möchte Motorsport zum Anfassen. Dafür reicht ein steriler Pit Walk nicht aus.Außerdem fehlen die Stars mit Charme. Michael Doohan siegt alles zu Tode. Es fehlen Leute wie früher Kevin Schwantz oder Wayne Rainey. Bei aller Wertschätzung für die Superbike-WM, aber ein Mann wie Bernie Ecclestone würde beispielswiese John Kocinski und Carl Fogarty sofort in die GP-Szene herüberziehen.Darüber hinaus braucht ein solcher Event zusätzliche Attraktionen. Das können Musikveranstaltungen sein, Motorradausstellungen oder auch, wie bei der Superbike-WM auf dem A1-Ring schon 1997 vorexerziert, ein touristisches Beiprogramm sowie die Kombination mit einer anderen Veranstaltung wie dem Erzberg-Rodeo, einem Enduro-Extrem-Rennen ganz in der Nähe.? Da müßte aber auch die einschlägige Industrie mitziehen.Ja, aber die verhält sich im Fall der Motorrad- GP genau falsch. Denn eigentlich geht es ja wohl um Werbung durch erfolgreichen Rennsport. Die Motorradhersteller aber ziehen Geld aus dem GP-Zirkus heraus statt es hineinzustecken. Mit ihren horrenden Leasingraten für die Herausgabe von Werksmaschinen an externe Teams geht der gesamten Szene sehr viel Geld verloren, genau wie durch die unsinnig hohen Gebühren, welche Dorna an den Motorradweltverband FIM bezahlt. Dadurch ist sie ja erst gezwungen, die absurd hohen Beträge von den örtlichen Veranstaltern zu fordern.Eigenartig ist übrigens, daß in der Superbike-WM die gleichen Hersteller sich direkt engagieren.? Gibt es weitere gravierende Unterschiede zwischen Grand Prix und Superbike-WM?Erstaunlicherweise ja. Das Superbike-Publikum ist durchschnitlich älter und identifiziert sich eher mit »seiner« Marke. Wenn du beim Superbike-WM-Rennen über den Motorradparkplatz gehst, glaubst du zum Beispiel, daß keine Ducati aus ganz Österreich fehlt. Es entsteht auch der Eindruck, daß die Superbike-Zuschauer etwas wohlhabender sind und eher die Familie mitbringen.Die GP-Fans sind viel jünger und lauter, es sind wohl mehr jugendliche Sportfans. So ist es im Fall Superbike auch eher möglich, mit der Industrie zusammen Fanpakete zu schnüren wie zum Beispiel reservierte Tribünenblocks für Fans einer Marke im Zusammenhang mit Infoshows und markenspezifischem Rahmenprogramm im Zuschauerbereich, wie es zum Beispiel zu den besten Zeiten der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft, der DTM, stattfand.? Sind Sie überhaupt interessiert, den Motorrad-GP auf den A1-Ring zurückzuholen?Wir brauchen internationale Top-Events ganz klar aus Image-Gründen, um für unsere Alltagskunden - Renntrainingsveranstalter, Clubtreffen oder auch Industriepräsentationen - ein attraktiver Partner zu sein. Die haben wir mit der Formel 1, der Automobil-GT-WM und der Superbike-WM. Aber trotzdem müssen wir mit den Großveranstaltungen auch Geld verdienen. Und das ist mit dem Motorrad-GP nach derzeitigen Muster nicht zu schaffen.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote