Gespann-Moto-Cross-WM in Schnaitheim (Archivversion)

Zum Weinen, Mann

Sie wollten in Schnaitheim eigentlich die WM-Führung übernehmen. Doch dann kam es für die Weinmann-Brüder knüppeldick.

Klaus und Thomas Weinmann hatten sich viel vorgenommen für die erstmals in Schnaitheim angesetzten Läufe der Gespann-Moto-Cross-WM. Als Zweite der aktuellen WM-Tabelle waren die deutschen Vizeweltmeister zum vierten GP der Saison auf die Schwäbische Alb gereist. Die WM-Führung war greifbar nahe, und Platz fünf im Zeittraining stimmte durchaus hoffnungsfroh. Zumal der durch Krankheit geschwächte deutsche WM-Spitzenreiter Martin Gölz mit seinem Schweizer Beifahrer Hans-Rüdi Stettler nur auf Trainingsrang 14 gelandet war.Noch kurz vor dem Start zum ersten Lauf stapfte Klaus Weinmann lässig vor dem versammelten Feld umher, als wollte er der Konkurrenz und den gut 5000 Zuschauern zeigen, daß er keinen gesteigerten Druck verspüre und alles im Griff habe. Doch es kam anders. »Wir waren nach der ersten Runde schon am Weltmeistergespann Fuhrer/Käser vorbei, doch dann wurden wir eingeklemmt, und ich hab’ den Motor abgewürgt«, schilderte Klaus Weinmann das erste kleine Mißgeschick – weitere sollten folgen.In bekannt handfester Manier kämpfte sich das Duo aus dem Kochertal durchs Feld, bis ein Mißverständnis die Weinmannsche Aufholjagd jäh beendete.Weinmann rauschte nahezu ungebremst in den Beiwagen von Dietmar Schmid, der, auf Platz zwei liegend, wegen einer gerissenen Antriebskette gestrauchelt war. Schmid zog sich dabei eine Oberschenkelverletzung zu.Mit solchen Aktionen gewinnt Weinmann wahrscheinlich keine neuen Freunde im Fahrerlager. »Jeder hat die gelbe Flagge und uns gesehen, nur der Weinmann sieht nichts«, beschwerte sich Schmids Passagier Lothar Jehle lautstark. Klaus Weinmann reagierte auf den Unfall sichtlich zerknirscht: »Ich habe mich auf meine Spur konzentriert, fuhr mit Lenherr und Gölz im Pulk.« Die gerissene Kette und die gelben Flaggen habe er zwar gesehen, aber da sei es leider schon zu spät gewesen. »Im Moment hängt uns das Pech am Stiefel«, starrte ein ratloser Klaus Weinmann nach Lauf eins verdrossen auf sein Schuhwerk.Den ersten Heat konnte ein Team für sich entscheiden, das bereits mit der Trainingsbestzeit für Furore gesorgt hatte: Nach einem Traumstart ließen sich Alois Wenninger und sein holländischer Beifahrer Henry Van der Wiel die Führung auch vom Schweizer Weltmeister Andreas Fuhrer nicht mehr abjagen. »Ab Mitte des Rennens ließ mein Hinterreifen stark nach, da ist der Fuhrer noch mal rangekommen, aber ich habe ihm die Tür zugemacht«, kommentierte der 29jährige Bayer den umjubelten Laufsieg.Der Eidgenosse Andreas Fuhrer ordnete den Zweikampf mit Wenninger in die Kategorie »hart, aber fair« ein – und erschien allein zur Siegerehrung. Sein Beifahrer Adrian Käser blieb verschollen. Wegen starker Schmerzen hatte sich Käser in sein Wohnmobil verkrochen. Daß Moto Cross-Fahrer im allgemeinen und die Seitenwagen-Cracks im speziellen nicht gerade zimperliche Naturen sind, ist hinlänglich bekannt. Was jedoch Käser in Schnaitheim geleistet hat, verdient den Titel übermenschlich – oder einfach verrückt, je nach Sichtweise.Beim belgischen WM-Lauf in Betekom hatten sich Fuhrer und Käser spektakulär überschlagen, weil die vordere Bremse ihres gut 70 PS starken JHR-Kawasaki-Einzylinder-Zweitakters plötzlich blockiert hatte. Käser hatte sich dabei das hintere Kreuzband im rechten Kniegelenk angerissen. Trotz dieser schweren Verletzung, die für Normalsterbliche einige Wochen absoluter Ruhe bedeuten, war Käser schon wenige Tage darauf ins Boot seines Partners Fuhrer geklettert, um mit teilweise über 80 km/h über die brettharte und anspruchsvolle Cross-Strecke auf dem Haufnerhäule nach WM-Punkten zu jagen.Dank eines großen Eisbeutels und »eines guten Schmerzmittels« trat oder besser humpelte Käser auch zum Start des zweiten Laufes an. Dort legte Wenninger seinen nächsten Turbostart hin, dicht gefolgt von Dietmar Schmid. Die deutsche Doppelführung war allerdings von kurzer Dauer: Wenninger kam bereits aus Runde eins nicht mehr zurück; eine gebrochene Seitenwagenschwinge ließ den Traum vom Doppelsieg platzen. Auch Schmid erging es nicht besser: Nach gut der Hälfte des Laufs sei er von einem anderen Gespann abgeschossen worden, beklagte er sich. Derweil rauschte Fuhrer unter wildem Kuhglöckengeläute seiner Fans zum Sieg in Lauf zwei. Der Belgier Goovaerts hatte den Schweizer nie ernsthaft gefährden können. Die Herren Weinmann hatten sich unterdessen durch die Niederungen des Mittelfeldes gerangelt. Nach einem für Weinmannsche Verhältnisse gelungenem Start hatte Klaus in der zweiten Kurve den Motor abgewürgt - letztes und größtes Mißgeschick des Tages. Folge: letzter Platz, das Feld weit enteilt. Grund genug aufzuhören, den Tag abzuhaken. Aber nicht für die Weinmänner. Mit Wut im Bauch und vom Publikum frenetisch angefeuert, pflügten die Brüder auf ihrem BSU-MTH-Einzylinder durchs Feld, um schließlich doch noch den zwölften Platz und vier WM-Punkte zu erkämpfen. Was für den erhofften Spitzenplatz in der WM zuwenig war. Den verteidigte Martin Golz erfolgreich.Abschreiben sollte man die Weinmänner trotzdem noch lange nicht. »Der Klaus kommt schon noch, der ist ein Kämpfer«, war sich Tagessieger Andreas Fuhrer sicher.
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