Glosse: Wie »Reformen« den Motorradmarkt beleben (Archivversion)

Hartz IV –

Sie verdienen gut, Sie haben fürs Alter vorgesorgt. Prima. Aber: In Ihrer Firma
kriselt’s, die Chefs reden von Einsparungen und Stellenabbau. Was Sie jetzt tun sollen? Sich schnellstens ein neues Motorrad zulegen. Was sonst.

Beginnen wir beim Wesentlichen. Nur das Beste sollte für Sie gut genug sein. Wobei das Beste in diesem Fall das Teuerste ist. Sie haben schon immer von einer MV Tamburini geträumt?
Na los, kaufen Sie sie! Sofort. Und einen ganzen Schrank voll exquisiter Klamotten gleich dazu. Je mehr Sie von Ihrem Ersparten raushauen, desto besser. Also für den Fall, dass Sie tatsächlich Ihren Job verlieren und auch so schnell keinen neuen mehr bekommen. Soll ja vorkommen zurzeit.
Obwohl im nächsten Jahr doch alles besser wird. Weil sich dann ungemein qualifizierte Fallmanager um Sie und Ihre berufliche Zukunft kümmern. Aber ein bisschen was müssen Sie selbst schon auch dazutun. Im wahrs-
ten Sinne des Wortes. Künftig, das heißt mit Inkrafttreten von Hartz IV zum nächsten Jahr, wird von Ihnen als Arbeitssuchendem mehr Mobilität verlangt. Das sei wohl zumutbar, heißt es. Und was, bitte schön, macht mobiler als ein Motorrad, was dynamischer, was
flexibler, und was könnte Sie jünger halten? Lauter Kriterien, die auf dem
Arbeitsmarkt mächtig ziehen und Ihrem Fallma-
nager die Sache sicher kinderleicht machen.
Wenn das alles nichts nützen sollte, Sie auf der Straße stehen bleiben, dann wäre es doch bestimmt besser – weil beruhigend –, ein bisschen was auf der hohen Kante liegen statt diese sündteure Mühle vor der Tür zu haben. Oder? Kommt drauf an für wen. Für den »reformierten« Sozialstaat schon. Für Sie allerdings nicht. Denn mit Hartz IV betreibt der Staat ab 2005, wie Heribert Prantl, Ressortleiter Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung, schreibt, eine Enteignungspolitik, der seine eigenen Empfehlungen verhöhnt. Er ermutigt die Menschen, Vorsorge zu treffen für Notfälle. Doch wenn
der Notfall kommt, wird ihnen das Ersparte weggenommen, sie werden arm gemacht. Eine weitere Folge von Hartz IV, beschönigend zusammengefasst als »stärkere Anrechnung des Privatvermögens«. Im Klartext: Besitzen Sie Ersparnisse, die über einem kümmerlich bemessenen Freibetrag liegen, egal, ob Bares, Aktien, Lebensversicherung, Wohneigentum, das Sie nicht selbst nutzen, oder was auch immer, stellt der Staat sich stur. Sie bekommen eh nicht viel, aber Sie bekommen erst mal nix, solange Sie sich mit Ihren Rücklagen über Wasser halten können. Je mehr Sie gespart haben, desto mehr spart der Staat. Der also alle belohnt, die Ihre Kohle schon vorher verjuxt oder auch seriös investiert haben. In ein Motorrad beispielsweise.
Stellen Sie sich nur mal vor, Sie erhalten schon morgen
Ihre Kündigung, weil Ihrem Chef über Nacht eingefallen ist,
dass ein indischer Programmierer ihn weniger belastet als Sie, dann rutschen Sie nach kurzer Zeit auf Sozialhilfe-Niveau und ergo noch lange Zeit auf Ihrer alten Maschine durch die Gegend. Etwa zum Sozialamt, wo Sie sich
Ihr Arbeitslosengeld II abholen. Hoppla, Denkfehler, das Alg. II gewährt man Ihnen ja nur, wenn Sie mit MV Tamburini vorfahren, denn da haben Sie ja
keine Kohle mehr, von
der der Sozialstaat Ihnen vorschreibt, wie Sie sie auszugeben hätten.
Da nimmt es einen Wunder, dass den Propagandisten der Reform des Arbeitsmarkts, des Sozialstaats und der Staatskasse noch nicht in den Sinn gekommen ist, dass sich hinter Hartz IV eigentlich ein äußerst ausgeklügeltes System zur Konjunktur-
belebung via Konsumankurbelung verbirgt. Denn erstens muss der demnächst Arbeitslose, wenn er rational handelt, seine Kohle schnellstens raushauen, zweitens muss natürlich jemand all diese Waren, die die Arbeitslosen in spe kaufen wollen, auch produzieren. Das wiederum schafft neue
Arbeitsplätze, die von den Arbeitslosen besetzt werden können. Und morgens fahren Sie dann ganz entspannt mit Ihrer neuen
MV zum Büro. Das sind doch rosige Aussichten. Kaufen Sie
jedoch kein neues Motorrad, müssen Sie arbeitslos bleiben.
Eines noch: Lassen Sie Ihre MV oder Ihre BMW K 1200 LT unbedingt auf eine Person – ideal wäre natürlich ein Rentner, weil der seinen Job nicht mehr verlieren kann – Ihres Vertrauens zu. Niemals auf Sie selbst. Denn die Behörde ist neugierig, die kennt Ihren Fuhrpark und ordnet dann an: Verkaufen Sie Ihre MV, fahren Sie statt dessen MZ, nicht 1000 S, sondern ETZ 250.
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