Grand Prix Katalonien in Barcelona/E (Archivversion)

Im Auge des Sturms

Der Fliegende Holländer Jürgen van den Goorbergh stürmte beim Barcelona-Grand Prix überraschend auf die Pole Position. Rennsieger Alex Crivillé kämpfte gegen den Ansturm der ekstatischen Fans.

Der Erfolg war da, bevor das Rennen überhaupt gestartet wurde. Dutzende von Freunden und Prominenten drängten sich in der Box des MuZ-Weber-Teams, Hände wurden geschüttelt und Küsse ausgetauscht, Champagnerkorken knallten, und Teammanager Rolf Biland steckte sich eine dicke Zigarre an.Denn die Pole Position von Jürgen van den Goorbergh beim Katalonien-Grand Prix auf der schnellen, anspruchsvollen Barcelona-Piste war mehr als ein Meilenstein in der Geschichte des Biland-Teams und seines Swissauto-Motors - es war die Sensation schlechthin. »Das Rennen ist ein anderes Thema, denn der Erfolg dort hängt von vielen Faktoren wie den richtigen Reifen, einem guten Start und einfach auch vom Glück ab. Doch im Qualifying zeigt sich die wahre Performance eines Motorrads. Nur dort kannst du echten Speed beweisen«, hielt Rolf Biland fest.Noch überraschender als das Fabrikat auf Startplatz eins war freilich der Fahrer. Denn der eigentliche Favorit des Teams, der unergründliche Luca Cadalora, hatte nicht sein bestes Wochenende erwischt und gab mit dem 14. Startplatz Rätsel auf. »Jürgen hat beim Set-up offensichtlich bessere Register gezogen und ist obendrein hervorragend gefahren. Ich möchte ihm gratulieren«, sagte der Italiener und schlenderte zur Nachbarbox, um Jürgen van den Goorbergh die Hand zu schütteln. Als der »Fliegende Holländer« für seine Sturmfahrt zur Pole Position mit einem spontanen Champagnerbad gefeiert wurde, stiegen dem empfindlichen Cadalora dennoch Tränen in die Augen: Den Triumph, von dem er ahnte, daß er irgendwann kommen würde, hatte er eigentlich für sich selbst ausgemalt.Doch daß ein Außenseiter mit dem Außenseitermotorrad an die 500er Weltspitze vorstieß, paßt zur gesamten Historie des Projekts. Seit der heutige Teammanager Rolf Biland den Swissauto-Motor am 8. Oktober 1994 in Barcelona erstmals einsetzte und bei den Seitenwagen auf Anhieb die Pole Position eroberte, hagelte es immer wieder Überraschungen. So wurde der Gespann-Auftakt am Nürburgring 1995 sportlich zur Katastrophe. Swissauto-Konstrukteur Urs Wenger schickte nicht weniger als fünf Gespann-Piloten mit den superschnellen V4-Motoren ins Gefecht, alle fünf fielen aus, vier davon mit gebrochener Kurbelwelle. Trotzdem gab´s an jenem schwarzen Tag ein Happy-end: Der Schweizer elf-Importeur Michel Métraux setzte noch am gleichen Abend die Unterschrift unter den Vertrag zum Bau einer Solomaschine mit dem Swissauto-Triebwerk.Wiederum in Barcelona, am 8. Oktober 1995, wurde die elf 500 erstmals präsentiert, und der Schweizer Adrian Bosshard setzte die Maschine immerhin im Training ein. Beim Rio-Grand Prix 1997 bescherte Jürgen Fuchs der Maschine nach zweijähriger Entwicklungszeit den sechsten Platz und den bis auf weiteres größten Erfolg.Denn obwohl das Projekt als MuZ 500 1998 mit viel Enthusiasmus weitergeführt wurde, blieb den Schweizer Machern der große Durchbruch lange versagt. Trotz des Engagements von Luca Cadalora geriet das Projekt vor der Saison 1999 sogar in akute Bedrängnis: Weil ein Sponsordeal kurzfristig platzte, stand die Zukunft des Teams monatelang auf Messers Schneide, erst in letzter Minute warf eine Gruppe von Schweizer Investoren den Rettungsring und stellte den Teambetrieb für vorläufig fünf Jahre sicher.Nach den finanziellen kamen die technischen Probleme. Weil nicht nur das Motorrad über Winter komplett neu aufgebaut, sondern auch das Team völlig neu strukturiert worden war, haperte es beim ersten Rennen in Malaysia noch derart mit dem Zusammenspiel in der Box, daß Cadalora die Lust verlor und auf die Weiterreise zum zweiten Grand Prix nach Japan verzichtete.Setzte Cadalora nach Beginn der Europasaison wenigstens einzelne Highlights mit guten Trainingsresultaten, so schien Jürgen van den Goorberghs Motorrad vor allem mit Elektrikdefekten wie verhext. Doch imTraining von Barcelona paßte endlich einmal alles zusammen.Weil die Strecke für starken Reifenverschleiß sorgt und die 200 PS starken Vierzylindermaschinen schon nach drei schnellen Runden zu rutschen anfangen, rechnete van den Goorbergh trotzdem vorsichtshalber nicht mit einem Sieg oder Podestplatz. »Es gibt Leute, die eine rutschende 500er besser kontrollieren können als ich, denn ich bin immer noch ein Anfänger auf einer solchen Maschine. Wenn ich Siebter oder Achter werde, bin ich vollauf zufrieden”, hielt er den Ball tief.So präzise wie bei seiner Pole Position war Goorbergh auch bei seiner Vorhersage. Gut am Start weggekommen und in der ersten Kurve Vierter, ließ er ein paar der schnellsten Kollegen vorbei und wartete auf die Piloten, die ein ähnliches Tempo vorlegten. Während sich drei Honda-Stars und Max Biaggi auf seiner feuerroten Yamaha an der Spitze davonmachten, schlug sich die Verfolgergruppe mit Borja, Kenny Roberts, Carlos Checa und John Kocinski erbittert um die Positionen, und Goorbergh steckte mittendrin. »In der letzten Runde habe ich Checa angegriffen und auf einen Fehler spekuliert. Ich jagte ihn bis zum Zielstrich«, schilderte der Holländer nach dem achten Platz zufrieden. »Kocinski, Checa, Roberts, das sind alles mehrfache Grand Prix-Sieger. Und Jürgen hat auf den vierten Platz nur 3,5 Sekunden verloren. Ein absoluter Hit«, jubelte Motorenkonstrukteur Urs Wenger. Da war auch zu verkraften, daß der rätselhafte Luca Cadalora mal wieder vorzeitig zur Box steuerte.Ein absoluter Hit war aber auch das, was an der Spitze vor sich ging. Max Biaggi führte bis zur elften Runde, wurde dann von Alex Crivillé und dem flugs mit durch die Lücke schlüpfenden Sete Gibernau gestellt und stürzte beim Versuch, an den überlegen abgestimmten Werks-Honda dranzubleiben, wenig später übers Vorderrad.Statt dem Italiener setzte sich Tadayuki Okada an die Spitze und fuhr seinen Repsol-Teamkollegen zum Entsetzen der 83 000 Zuschauer auf und davon. Noch zwei Runden vor Schluß hatte er ein Guthaben von über einer Sekunde, was auf der Zielgeraden einen Vorsprung von rund 70 Metern bedeutet.Doch plötzlich kam Crivillé wieder näher heran. Zu Beginn der letzten Runde hatte er den Rückstand bereits um die Hälfte verkürzt, und je näher er sich ans Heck des Japaners heransaugte, desto mehr schwoll der Jubel rund um die Barcelona-Piste an. Im richtigen Moment gelang Crivillé ein waghalsiges Ausbremsmanöver, und als er wenige Kurven später knapp vor Okada als Sieger über die Linie flitzte, entlud sich der Orkan. Zu Tausenden stürmten die Fans auf die Strecke, begruben ihren Helden unter sich, trommelten ihm vor Begeisterung auf den Helm und rissen bei der Jagd nach Originalreliquien die Verkleidung auseinander.Daß Sete Gibernau im zweiten Rennen auf Mick Doohans Vierzylinder-Honda Dritter wurde und in der Auslaufrunde wie ein Schimpanse am Tribünenzaun hinaufkletterte, machte die Party perfekt. Der Triumph von WM-Leader Alex Crivillé war allerdings nicht unumstritten, denn manche Neider glaubten, Okada habe ihn mit Rücksicht auf die Situation in der WM-Tabelle vorbeigelassen. »Stimmt nicht«, entgegnete der Japaner, der Chancen zum Sieg in der Regel am Schopf packt.Tatsächlich gab es keine Stallorder im Repsol-Team. Crivillé, der seit Mick Doohans Verletzung volle Rückendeckung vom Werk genießt und bei kleinsten technischen Problemen an seiner Maschine nicht nur von seinen Mechanikern, sondern von ganzen Heerscharen japanischer Ingenieure umsorgt wird, ist dank seiner Erfolge derzeit mental stärker als jeder andere. Während die anderen Piloten sich an der Spitze abwechselten, schonte er klug seine Reifen, hatte am Ende mehr Grip und spielte diesen Joker mit Gelassenheit. »Drei Repsol-Honda auf dem Podium - das ist phantastisch. Ich wußte nicht genau, wieviel Runden noch zu fahren sind, deshalb habe ich irgendwann beschlossen, kräftig Druck zu machen und Tady einzuheizen. Das hat wunderbar geklappt«, freute sich der WM-Favorit nach dem vierten Sieg hintereinander. »Dann kam die Auslaufrunde - und die war ein härterer Kampf als das ganze Rennen!« Das Verhalten der Fans in Barcelona rief nun die Verantwortlichen des Weltverbands FIM auf den Plan. Nachdem schon zwei Wochen zuvor in Mugello die Begeisterung des Publikums übergeschwappt war, müssen beide Strecken jetzt neue Sicherheitskonzepte vorlegen, bevor sie eine Homologation für weitere Grand Prix erhalten.
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