Grand Prix Portugal in Estoril (Archivversion)

Sturmwarnung

Garry McCoy meisterte die stürmischen Winde von Portugal am besten. Im Team von Halbliter-Weltmeister Alex Crivillé entlud sich dagegen ein heftiges Gewitter.

In Portugal driftete Garry McCoy zu Trainingsbestzeit und Sieg, und diesmal waren es vor allem Spätbremsmanöver, mit denen er das Heck seiner 500er-Red Bull-Yamaha zum Tanzen brachte. Beim Beschleunigen aus der Kurve ging der Australier jedoch vergleichsweise sachte vor. »Wenn dich beim Sliden von innen eine Sturmböe packt, kann’s gefährlich werden. Doch so heftig wie heute wird der Wind wohl selten blasen”, beruhigte er die Fans, die schon Sorge hatten, er habe seinen spektakulären Fahrstil umgestellt.Kenny Roberts blieb dennoch auf Distanz. In Brünn hatten beide Suzuki-Werksmotoren von McCoy aufgeschleuderten Dreck angesaugt und Leistung verloren, worauf die Einlasssysteme mit Luftfiltern ausgestattet wurden. Mehr PS brachte das nicht, weshalb Roberts nach dem zweiten Platz von Estoril seine Forderung nach einem neuen Motor wiederholte.Ganz so brisant wie nach seiner Niederlage in Brünn hörte sich die Kritik des WM-Leaders freilich nicht mehr an. Denn Valentino Rossi war zwar mit der Werks-Honda vom zwölften Trainingsplatz im Eilzugtempo auf den dritten Platz vorgestoßen, fiel im Kampf um den Titel aber gegen Roberts zurück und verschob seine WM-Ambitionen aufs nächste Jahr. Die Begeisterung, Biaggi überholt zu haben, überwog bei Rossi. Die Verachtung gegenüber seinem italienischen Landsmann geht bis ins kleinste Detail: Während sich Rossi andere Gegner namentlich auf die Boxentafel schreiben lässt, hat er für Biaggi nur drei Kreuze übrig.Meist liegt er ohnehin vor dem Star des Marlboro-Yamaha-Teams, das bei dem immensen Aufwand an Geld und Personal immer wieder den Durchblick zu verlieren scheint. Bei Rossi reichen Cheftechniker Jerry Burgess und zwei, drei Mechaniker, die dank ihrer jahrelangen Erfahrung mit Mick Doohan wissen, nach welchen Zylindern oder Auspuffanlagen sie im Honda-Ersatzteillager greifen müssen – oft zum Verdruss der Ingenieure, die mit vermeintlich besseren Neuentwicklungen abblitzen. »Schau dir mein Team an. Im letzten Jahr hatte ich zwei Doohan-Mechaniker und Erfolg, diesmal fehlt mir diese Hilfe, und ich fahre hinterher”, verwies Sete Gibernau. Wegen anhaltender Erfolglosigkeit erhielt er von Honda die Kündigung, unterschrieb aber als Teamkollege von Kenny Roberts bei Suzuki, bevor sich die Nachricht herumsprach.Im Rennen glühte er bis zu einem spektakulären Sturz erstmals in dieser Saison vorne mit, was er auch einem neuen Motor zu verdanken hatte, der ab dem dritten Gang mehr Power beim Beschleunigen bietet. Weltmeister Alex Crivillé, in der ersten Kurve ins Kiesbett abgedrängt und nach erbitterter Aufholjagd Sechster, war über sein Missgeschick besonders erbost, weil er es dem in letzter Zeit unerwartet kritischen Publikum gern mit einem Sieg gezeigt hätte.Ein Journalist der spanischen Tageszeitung »as” hatte nach dem Brünn-Grand-Prix nämlich aus der Schule geplaudert und Alex Crivillés Cheftechniker Gilles Bigot damit zitiert, der Weltmeister denke zu viel an seine Millionen und brauche einen Psychologen, um wieder zur alten Angriffslust zurückzufinden.Das deckte sich mit dem, was im Team schon seit Crivillés Zusammenbruch bei Vorsaisontests geflüstert wurde. Von der Last der Nummer eins überfordert, litt der Spanier unter einem bei Spitzensportlern gefürchteten Stress-Syndrom und verdrängte sein Problem lieber, anstatt nach professioneller Hilfe Ausschau zu halten. Vor allem innerhalb des Teams versuchte Alex über Monate hinweg krampfhaft, weiter so aufzutreten, als sei nichts geschehen, weshalb Bigot und sein Star immer mehr aneinander vorbeiredeten. Der Techniker erfuhr viel von dem, was Crivillé wirklich dachte, aus Zeitungsinterviews. Umgekehrt sprach sich Bigot immer wieder Freunden und Journalisten gegenüber den Frust von der Seele. Seine Äußerungen waren aber kaum zur Veröffentlichung gedacht. Zwischen Bigot und dem erzürnten Crivillé folgten mehrere reinigende Gewitter, bis man sich für Estoril auf einen Burgfrieden einigte. Positiver sind die Schlagzeilen um Jürgen van den Goorbergh. Dank der vielen langsamen Kurven und der korkenzieherartigen Bergauf-Schikane von Estoril erbeutete er mit seiner Zweizylinder-Honda den dritten Startplatz und holte im Rennen noch vor Abe den achten Rang. »Gebt mir zwei Zylinder mehr, und ich bin überall vorn. Kein Problem”, sprudelte es aus dem Holländer .Seit Saisonbeginn kämpft sein Rizla-Team um eine Vierzylindermaschine, doch muss sich Goorbergh noch bis zum zweiten japanischen Grand Prix am 15. Oktober gedulden, bevor Honda die endgültige Entscheidung über die Verteilung der geplanten sechs NSR 500 für die nächste Saison bekannt gibt. Crivillé, Rossi und Ukawa stehen fest, Capirossi, Barros und Goorbergh sind die aussichtsreichsten Kandidaten.Werden Werks- und Leasingmaschinen auch 2001 weitgehend baugleich ausfallen, so ist für 2002 kriegsentscheidend, welche Fahrer im offiziellen Werksteam integriert werden. Sie müssen nämlich mit den neuen Viertakt-GP 1-Maschinen ausrücken, die Honda in zwei Jahren ins Gefecht schicken will. »Erst die Werksfahrer, im Erfolgsfall dann auch Kundenteams”, kündigte Yasuo Ikenoya, Präsident der Honda Racing Corporation, in Estoril an. Auf Zylinderzahl, Motorkonfiguration und Kolbenform der neuen Maschine wollte er sich noch nicht festlegen, sprach aber pauschal von Kostendämpfung dank Verzicht auf exotische Materialien. Verschaffte sich Halbliter-Aufsteiger Tohru Ukawa schon durch seinen Sieg bei den Acht Stunden von Suzuka eine Reputation als Viertakt-Talent, so musste er den 250-cm3-Triumph von Estoril seinem Suzuka-Partner Daijiro Katoh überlassen. Ukawas Sturz in der vierten Rennrunde hatte prekäre Folgen: Die direkt hinterher fahrenden Jacque und Melandri konnten noch knapp an der umhertrudelnden Maschine vorbeizirkeln, doch Shinya Nakano erblickte das Hindernis zu spät und stieg von Ukawas Maschine auf wie von einer Abschussrampe. Nach dem unverschuldeten Sturz blieb Nakano verdächtig lange lieben, kam aber mit einer Hüftprellung davon.Die Folgen im Titelkampf waren gravierender. Nach den Stürzen seiner härtesten Rivalen nahm WM-Leader Jacque das Gas zurück und ließ Katoh ziehen, weil er die letzten Rennen nur noch heil überstehen muss, um als Weltmeister festzustehen. Marco Melandri schaffte in Estoril im Alter von 18 Jahren und 26 Tagen als jüngster 250er-Pilot aller Zeiten seinen ersten Podestplatz. Auch Klaus Nöhles als Fünfter und Alex Hofmann als Elfter sorgten für eine gute Show. Ralf Waldmann klebt dagegen das Pech an den Rennstiefeln: In der dritten Runde stürzte er im Kampf mit Anthony West um Platz sechs.Wie dicht Triumph und Niederlage beieinander liegen können, zeigte sich auch bei den 125ern. Zwei Derbi standen in der ersten Startreihe, WM-Favorit Youichi Ui ebenso wie der 17-jährige Italiener Manuel Poggiali. Kurzzeitig führten die beiden auch im Rennen. Dann aber stürzte Ui wegen einer Sturmböe, und wenig später verendete Poggialis Maschine wegen eines Kabeldefekts. Weltmeister Emilio Alzamora freute sich danach über den zweiten Saisonsieg - und Roberto Locatelli über die wieder erlangte WM-Führung.
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